Am Staatstheater Wiesbaden

Uwe Eric Laufenberg inszeniert „Hedda Gabler“

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Kühl: Judith Bohle als Hedda.

Wiesbaden - Plötzlich fallen die Hüllen. Immer wieder steht jemand nackt da, weil die Kleidung nicht mehr zu ertragen ist, ähnlich den Konventionen, den Worthülsen, dem Standesdünkel. Von Axel Zibulski 

Kaum auszuhalten, wie Jørgen Tesman, Hedda Gablers ungeliebter, staubtrockener Ehemann, jeder Floskel noch ein herablassendes „was?“ hinterherschiebt. Schauspieler Janning Kahnert gelingt das im Wiesbadener Staatstheater ganz herrlich, ganz enervierend beiläufig. Seit Hedda Gabler 1891 erstmals auf die Bühne getreten war, gehört sie zu den oft gezeigten, großen Frauenfiguren des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen. Auch Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Wiesbadener Staatstheaters, hat sie nun auf die Bühne seines Kleinen Hauses geschickt. Im Kammerspielton, im Mobiliar des zeitlosen Wohnsalons von Matthias Schaller. Die Gewohntheit und Gewöhnlichkeit, die eingangs Helga Schoon als alte Haushälterin Berta und Monika Kroll als Tesmans Tante Jule anschlagen, bringt sie brüsk durcheinander. Da zeigt die großartige, kühle, schattierungsreich spielende Judith Bohle in der Titelrolle erstmals, wie sie ihrer Lust freien Lauf lassen kann, Menschen zu beeinflussen, zu manipulieren, zu beherrschen.

Das wird sie perfektionieren in den knapp drei Stunden, die Ibsens Drama in Hinrich Schmidt-Henkels gediegener Übersetzung dauert. Drei Stunden, die lang, aber nie langweilig sind, weil Laufenberg den sieben Personen auch in der Enge des Salons Luft zum Spielen lässt, den unvermuteten Exzess bereits im musikalischen Vorspiel ausstellend: Neben Richard Wagners „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“, den Hedda später am Klavier intonieren wird, erklingen Karlheinz Stockhausens unsägliche Interview-Äußerungen, in denen der Komponist die Terroranschläge von 2001 zum „größten Kunstwerk aller Zeiten“ deklarierte.

Doch wer ausbricht, geht zu Grunde: Eilert Løvborg, genialischer wissenschaftlicher Konkurrent des kreuzbiederen Tesman, ist für Hedda interessant genug, in der Hand gehalten und ins Unglück geschickt zu werden. Sie selbst hat ihn, mit dem sie einst ein Verhältnis hatte, zum neuerlichen Alkoholexzess getrieben, der ihn endgültig unmöglich macht. Tom Gerber spielt ihn klassisch als Borderline-Kandidaten, während Kruna Savic als seine feinnervige Partnerin Thea Elvstedt reizt. Subtil und nervös geben sich diese viel interessanteren Figuren, darin Hedda, die sich am Ende textgetreu erschießt, viel ähnlicher als ihr braver Gatte. Der freilich bleibt, wird Karriere machen. Wie pessimistisch. Großer Beifall.

Nächste Vorstellungen 6., 7., 18. und 30. April sowie 16., 18., 25. und 29. März. Karten gibt es unter 0611/132325.

Quelle: op-online.de

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