„Erst die anderen, dann ich“

IG Metall: Bensheimerin Christiane Benner ist die erste Frau in der Chefetage

+
Als erste Frau überhaupt ist Christiane Benner im Oktober 2015 zur stellvertretenden Vorsitzenden der IG Metall gewählt worden.

Frankfurt - Christiane Benner ist in Bensheim aufgewachsen, hat sich bereits als junge Betriebsrätin mit ihren Vorgesetzten angelegt und ist heute stellvertretende Vorsitzende der IG Metall. Wer ist diese erste Frau, die es in die Chefetage der Gewerkschaft geschafft hat? Von Linus Freymark 

Irgendwann hat es ihr gereicht. Die Sturheit ihrer Vorgesetzten, das fehlende Entgegenkommen; irgendwann hatte sie einfach genug von den ewigen Sitzungen am runden Tisch. Es müssen andere Mittel her, beschließt sie. Sie bespricht sich mit ihren Kollegen, sammelt die Belegschaft hinter sich. Mit dieser Rückendeckung weiß die Betriebsrätin Christiane Benner: sie kann es schaffen.

20 oder 21 Jahre ist Benner zu diesem Zeitpunkt alt, genau weiß sie es nicht mehr. Worum es damals ging, weiß sie aber noch genau: Die große Darmstädter Maschinenbaufirma, bei der sie damals, Mitte der 80-er arbeitet, weigert sich, ihre Mitarbeiter für Reisezeiten zu bezahlen. Nachdem keine der vielen Verhandlungen zu einem Erfolg führt, holt sich Benner bei ihren Kollegen Beispielrechnungen.

Das Ergebnis: Den Mitarbeitern entgehen pro Jahr zum Teil vierstellige Beträge, präsentiert sie auf der Betriebsversammlung. „Wenn es im Guten nicht klappt, muss man auch mal härtere Bandagen auffahren“, sagt sie. „Schließlich wusste ich: wir sind im Recht.“ Benners Mut wird belohnt. Nachdem sie, die junge Frau Anfang 20, auf der Betriebsversammlung gesprochen hat, lenkt der Vorstand, allesamt ältere Herrschaften, ein. Mit ihrem Chef hat sie es sich verscherzt. Doch die Reisezeit wird von da an bezahlt.

Dass sie das Verhältnis zu ihrem Vorgesetzten aufs Spiel gesetzt hat, sieht Benner auch heute noch gelassen. Manchmal muss das eben sein. Die gute Sache, der Einsatz für die Allgemeinheit, kommt bei ihr vor der eigenen Karriere. „Fairness und Gerechtigkeit, das war schon immer so eine Triebfeder von mir.“ Erst die anderen, dann sie. Vielleicht ist gerade diese Einstellung ein Grund dafür, dass Christiane Benner, die unerschrockene Betriebsrätin von damals, Karriere in der Gewerkschaft gemacht hat.

Das Unerschrockene hat sie sich behalten. Man glaubt ihr sofort, dass sie es ohne zu zögern mit jedem Reisezeitzahlverweigerer und Mindestlohnleugner aufnimmt. Durchsetzungsfähig und entschlossen wirkt sie. „Optimistisch, gestaltungswütig – und ziemlich energiegeladen“ beschreibt sie sich selbst und lacht. Es klingt, als wäre ihre Selbstbeschreibung zutreffend.

Als erste Frau überhaupt ist Benner im Oktober 2015 zur Zweiten Vorsitzenden der IG Metall gewählt worden. Die Süddeutsche Zeitung ernannte sie zur „mächtigsten Frau“ der IG Metall. Gerade rund um ihre Wahl ins Führungsgremium war das Frausein oft ein größeres Thema als ihre Positionen. Nervt das nicht, ständig darauf angesprochen zu werden? Nee, eigentlich nicht. Wobei, manchmal schon ein kleines bisschen. Warum schon wieder, denkt sie sich dann.

„Man ist so exponiert über das Geschlecht. Ich rede viel lieber über Digitalisierung als über meine Rolle als Frau“, sagt sie. Und legt direkt los: Das Arbeitsleben wird sich mit der neuen Technik rasant verändern, ja, sie hat sich zu einem großen Teil bereits verändert, das steht für Benner fest. Industrie 4.0 nennt sie die Fabriken der Zukunft, die gesamte Digitalisierung eine „Megaherausforderung“. Die digitale Arbeitswelt ist Benners Steckenpferd.

Wie für jeden Menschen jenseits der 30 gibt es jedoch auch für Christiane Benner ein Leben vor künstlicher Intelligenz und Digitalarbeit. Das ihre beginnt 1968 in Aachen, bald darauf folgt der Umzug nach Bensheim. Einmal pro Jahr steigt das große Winzerfest, Benner hilft mit ihrer Handballmannschaft ehrenamtlich beim Ausschank.

Nach dem Abitur zieht es Benner nach Darmstadt zu eben jenem Maschinenbauunternehmen, das sie zwei, drei Jahre später als Betriebsrätin aufmischt. Ihrer Heimat Bensheim kehrt Benner den Rücken. Kann sie, als Gewerkschafterin und SPD-Mitglied, eigentlich etwas mit diesem Begriff anfangen? Ist dieses ständige Gerede von Heimat nicht klar aus dem CSU- und AfD-Wortschatz? „Ich verwende das Wort nicht oft. Ich bin dort zuhause, wo ich mich zugehörig fühle“, sagt sie.

Gewerkschaften fordern mehr Mitbestimmung

Mit Mitte Zwanzig beginnt Christiane Benner ein Soziologiestudium. Erst in Marburg, dann in Frankfurt. Für ein Auslandsjahr geht sie in die USA. 1997 beginnt sie bei der IG Metall in der Geschäftsstelle in Frankfurt. Dann arbeitet sie in den Bezirksleitungen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, 2008 kehrt sie als Bereichsleiterin des Gewerkschaftsvorstands nach Frankfurt zurück. Seit ihrem Einstieg in die IG Metall kümmert sich Benner um die Beschäftigten in Technik- und Kommunikationsbetrieben.

Für Christiane Benner, die erste Frau in der Führungsriege der IG Metall, gibt es aber auch ein Leben außerhalb der Gewerkschaft. „Ich bin ein Genussmensch“, sagt sie. Sie geht in die Berge, joggt und schwimmt gerne. Sie mag es, sich zu bewegen. Irgendwo muss diese Energie in Benner ja hin.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare