Erste Hilfe für Schläger

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Ein Streit artet aus - im Kreis Offenbach gibt es bald auch eine Anlaufstelle für prügelnde Männer.

Frankfurt/Rhein-Main - Ab Herbst entsteht unter der Regie des Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau im Kreis Offenbach erstmals ein flächendeckendes, spezifisches Beratungsangebot für die Täter bei häuslicher Gewalt. Von Enrico Sauda und Ralf Enders

Am Freitag haben Martin Glaub, Leiter des Diakonischen Werkes, Carsten Müller (SPD), Sozialdezernent des Kreises, sowie Diethelm Sannwald, Leiter des Beratungszentrums Mitte des Kreises, das Projekt in Dreieich vorgestellt.

Unser Ziel ist es, die Wiederholungsgefahr zu mindern“, sagte Glaub. Dazu gehöre eben auch die Resozialisierung der Täter. „Dabei machen wir den Leuten klar, dass ihr Handeln nicht in Ordnung war, sie als Menschen aber okay sind“, sagte Sannwald. Die Beratung soll einzeln, paarweise und in Gruppen erfolgen. „Das Diakonische Werk ist für diese Aufgabe geradezu prädestiniert, weil es große Erfahrung in der Paarberatung hat“, sagte Sannwald. Schließlich würden etliche Beziehungen trotz häuslicher Gewalt weitergeführt. „Da ist es wichtig, auf beide Seiten einzugehen“, fügte Glaub hinzu.

Die Täter sind fast immer Opfer“, berichtete Sozialpädagoge Sannwald. „Sie haben meist als Kind selbst Gewalt in der Familie erlebt und sind dadurch geprägt.“ Es gehe allerdings nicht darum, „Täter und Opfer zu vermischen“, betonte Müller, „sondern den Ursachen auf den Grund zu gehen“. Schließlich schütze eine solche Aktion auch die Kinder, die durch die Gewalt „maßgeblich in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden - bis hin zu lang anhaltenden psychischen Traumatisierungen“, unterstrich Glaub.

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Bei dem Projekt arbeitet das Diakonische Werk eng mit Polizei, Justiz und Staatsanwaltschaft sowie Frauenberatungsstellen und -häusern zusammen. „Die Hilfe für die Opfer ist im Kreis gut entwickelt, aber an einer Täterberatung mangelte es bisher“, erläuterte Glaub. Beispiele für das Konzept sind Beratungsstellen im Main-Taunus-Kreis, in Gießen oder Groß-Gerau.

Der Bedarf an Beratung der Täter sei hoch. „Im Kreis Offenbach gab es im Jahr 2006 mehr als 400 Straftaten mit Polizeieinsätzen nach dem Gewaltschutzgesetz“, sagte Carsten Müller. „Die Tendenz ist allerdings steigend.“

An dem Projekt ist neben dem Kreis und dem Diakonischen Werk auch die Glücksspirale beteiligt. Gemeinsam finanzieren sie eine Dreiviertelstelle mit etwa 66 000 Euro pro Jahr. „Angestrebt ist, dass die Kosten künftig gedrittelt werden“, so Glaub. In diesem Jahr beteiligt sich der Kreis mit 10 000, im nächsten Jahr mit 22 000 Euro.

Ursprünglich sollte die Aktion bereits im vergangenen Jahr beginnen, doch weil die Glücksspirale ihre Zusage erst vor kurzem gab, konnte es erst jetzt losgehen. „Ohne Träger hätten wir das nicht finanzieren können“, sagte Müller. „Wir werden das Projekt genau beobachten und wenn die Dreiviertelstelle nicht ausreichen sollte, müssen wir entweder Mittel umschichten oder generieren“.

Hilfe und Schutz brauchen jedoch nach wie vor in erster Linie die Opfer - in 90 Prozent der Fälle sind dies Frauen. Der Europäische Gerichtshof hat in der vergangenen Woche in einem wegweisenden Urteil für die 47 Staaten des Europarates die häusliche Gewalt gegen Frauen in der Türkei verurteilt. Die Richter haben dabei erstmals Gewalt gegen Frauen als Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot der Menschenrechtskonvention bewertet.

Bis in die Türkei muss man nicht schauen. Menschenrechtsorganisationen wie „terre des femmes“ zufolge haben 25 Prozent aller Frauen in Deutschland schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Etwa 40 000 Frauen fliehen jährlich mit ihren Kindern in Frauenhäuser. Die Hessische Polizei startete im Jahr 2003 eine Initiative gegen häusliche Gewalt. Grundsatz damals: „Das vernetzte Vorgehen (...) soll ein klares Signal an gewalttätige Personen und die Gesellschaft sein, dass ‘Häusliche Gewalt‘ (...) keine Privatsache ist.“

In der Tat: Der besondere Schutz der Familie - früher Hemmnis bei Ermittlungen gegen prügelnde Männer und Frauen - ist der Polizei kein Klotz am Bein mehr. Selbst wenn eine Frau ihren gewalttätigen Partner in Schutz nimmt und keine Anzeige erstattet, wird ermittelt. Aus öffentlichem Interesse, wie der Sprecher des Präsidiums Südosthessen in Offenbach, Henry Faltin, erläutert. Im Bereich des Präsidiums kümmert sich ein eigenes Kommissariat (K 12) um die Fälle.

Opfern empfiehlt Faltin, in akuten Notlagen die 110 zu wählen. Wer generell die Gewalt nicht mehr hinnehmen will, könne sich an jede Polizeistelle wenden, die den Kontakt zum K 12 herstelle. Die Netzwerke von Polizei, Staatsanwaltschaft und Hilfsorganisationen seien eng geknüpft; eiserner Grundsatz: Schutz für die Opfer und „Wer schlägt, fliegt raus.“

Quelle: op-online.de

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