Erster und größter Kaiser des Mittelalters

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Die Frankfurter Kaiser-Karl-Statue erinnert an den legendären „Gründer“ der Stadt

Frankfurt - Das „Karlsjahr“ ist eingeläutet für Karl den Großen, der am 28. Januar 814 in seiner Aachener Lieblingspfalz verstarb und am gleichen Tag in seiner Marienkirche beigesetzt wurde. Von Reinhold Gries

Am 1200. Todestag findet ein „Karlsamt“ im Aachener Dom statt mit Kaiserlaudes, Huldigungsrufen und Fürbitten nach 500 Jahre alter Liturgie. In Frankfurts Kaiserdom feierte man das Hochamt schon am Samstag davor, um zu gedenken, wie der auch in Frankfurt wirkende Schutzherr der Kirche an Weihnachten im Jahr 800 in Rom vom bedrohten Papst Leo III. zum „Römischen Kaiser“ gekrönt wurde. Neben Frankfurts Pfalzresten, aus Baugründen derzeit ebenso wenig zu sehen wie Johann Nepomuk Zwergers Kaiser-Karl-Statue am Römer – sie ist in ein Depot am Riederwald ausgelagert - stehen andere Schauplätze aus Karls Leben in Rhein-Main im Blickpunkt: Sein Lorscher Reichskloster wird ab 20. Juli im für elf Millionen Euro erneuerten Areal „neu erlebbar“ gemacht, in seiner Ingelheimer Pfalz starten am 3. April drei Ausstellungen. Auch die 815 von Kaiser Karls Sohn und Nachfolger Ludwig dem Frommen an dessen Berater und Biograph Einhard geschenkten Königsgüter Seligenstadt und Steinbach bereiten sich vor mit nördlich der Alpen einzig erhaltenen karolingischen Basiliken.

Solche Orte des Begreifens sind ebenso wichtig wie überlieferte Urkunden und Schätze aus Karls Hof und Bibliothek, um Legende von Historie zu trennen. Deshalb wurden in Ingelheim große Teile der Pfalz aus brüchiger Bebauung freigelegt und aus dem Boden gegraben. Das führte zu Entdeckungen wie dem „Rundbau“, der Königshalle „Aula regia“ und dem 1996 aus dem Pfalzgrund gegrabenen, einzig erhaltenen Gold-Solidus des Kaisers – neben tausend Fragmenten. Karls Vorliebe für die Antike wird beim Rundgang durchs über 100 Meter breite Pfalzareal wie in neu erstellten Modellen und Computer-Animationen im „Museum an der Kaiserpfalz“ deutlich.

Prächtiges Relikt aus der Zeit Karls: Die Torhalle in Lorsch.

Neue Befunde gibt es auch zum 1250 Jahre alten Kloster Lorsch, ab 772 Karls Eigentum und im Jahr 1991 samt Hofskriptorium, Basilikafragment und Torhalle zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Funde werden bald in der neu hergerichteten Zehntscheune und im neu geschaffenen „Archäologischen Park“ gegenüber dem Museumszentrum zu sehen sein. Dabei wird sich als Legende herausstellen, dass die besterhaltene karolingische Torhalle des 9. Jahrhunderts vom Frankenkönig nach dem Langobarden-Feldzug durchritten wurde. Allerdings wohnte Karl am 1. September 774 der Weihe der neuen Kirche und Abtei bei, die das Mutterkloster „Altenmünster“ ablöste, weil sie die Wallfahrer zur Nazarius-Reliquie nicht mehr fassen konnte.

Ersterwähnung Frankfurts 794

In Frankfurt ist, nicht nur wegen der Großbaustelle auf dem Römerberg, vieles 2014 nicht so präsent. Auf sicherem historischem Boden wandelt, wer Karls „Frankfurter Kapitular“ mit 56 Kapiteln zur Reichsversammlung 794 am Römerberg in Kopien oder Abschriften vor sich hat. Belegt ist die Ersterwähnung Frankfurts 794 durch eine von Karl signierte Urkunde. Der Frankenkönig weilte im Königshof am Römerberg von Winter 793 bis Sommer 794, hatte dort viel zu arbeiten, zu schlichten und zu richten. Vom Eroberer und Mehrer seines Reiches wurde er auf der Versammlung zum Reformer – nachdem er die Langobarden, den mit ihm verwandten „bairischen“ Stammesherzog Tassilo, die Slawen und die Awaren kriegerisch unterworfen hatte.

Die Synode lag allerdings mitten in Karls 32-jährigem (!) Krieg gegen „heidnische“ Sachsen unter Widukind. Seine „Renovatio Imperii“ wollte das zerfallene Römerimperium neu errichten, um nach dem Völkerwanderungschaos eine „von Gott gegebene“ Staatsordnung aufzubauen. Ohne sich vom oströmischen Kaisertum in Byzanz oder vom ohne Karl stattfindenden Konzil zu Nicaea (heute Iznik/Türkei) beeindrucken zu lassen. Karl machte die Frankfurter Synode zum westeuropäischen „Gegenkonzil“ und lud alle ein, die im Frankenreich aus ost- und westrheinischem „Germania“, Frankreich, Ober- und Mittelitalien sowie heutigen Benelux-Ländern Rang und Namen hatten.

Mit mächtigen Erzbischöfen von Köln und Mailand, dem hochgelehrten Angelsachsen Alkuin, päpstlichen Legaten und dem klugen Westgoten Theodulf von Orleans kamen fast alle Bischöfe, Äbte, Grafen und Sendboten, begleitet von tausenden verschieden sprechenden Begleitern, die schwer zu befrieden und kaum bei Laune zu halten waren. Versorgt wurden sie vom „Fiscus“, fränkischen Gütern und Höfen zwischen Rhein, Wetterau, Forst Dreieich und Langener Mark. Das hatte es zuvor nie gegeben, von „fracono furt“ gingen Impulse aus: Bei Karls gleichzeitig guten Beziehungen zum Islam des Kalifen von Bagdad wurde der römisch-katholische Glauben von spanischen „Irrlehren gereinigt“ und alter Streit um die Verbildlichung Jesu´ geschlichtet.

Maßnahmen gegen die Verarmung des Volkes

Mit dem 788 beim Ingelheimer Reichstag wegen „Verrats“ zum Tode verurteilten und von Karl zu „Klosterhaft“ begnadigten Widersacher Tassilo kam es zur öffentlichen Versöhnung. Der König ergriff Maßnahmen gegen die Verarmung des Volkes und Verteuerung von Getreide und Brot. Zu seiner Neubewertung der Währung und Münzreform durch neue Silber-Denare, auch als „Pfennige“ im Archäologischen Museum Frankfurt ausliegend, sagt die Offenbacher Historikerin Simone Ganss: „Von Karls Denar zum Euro als neuer Währung schließt sich der Kreis, in Frankfurt zwischen Pfalz und EZB.“

Wie ein Scharnier zwischen Antike, Mittelalter und neuer Zeit wirkt Einhards Karlsbiographie „Vita Karoli Magni“, womöglich zwei Jahrzehnte nach Karls Tod in Einhards Seligenstädter Abtei geschrieben. Trotz Idealisierung des Gönners wird darin viel Realität ins Heute transportiert. Von einem, der dabei war, als sich der Regent ums Kirchenrecht wenig scherte bei mindestens 18 Kindern aus zehn Ehen mit Frauen und Nebenfrauen. Dezent erwähnt Einhard auch „Konkubinate“ von Karls Töchtern, die ständig beim Vater sein mussten und Heiratsverbot hatten…

Die Einhard-Basilika in Seligenstadt erinnert an Karls Berater und Biographen Einhard.

Aus der Vita wird zwar klar, dass Karl ein Sohn des ehemaligen karolingischen Hausmeiers und Königs Pippin III. („der Kurze) war, aber weder Geburtsjahr noch -ort sind eindeutig. Angenommen, aber nicht zu beweisen sind der 2. April 742 als Geburtstag und Ingelheim als Geburtsort. Als Augenzeuge beschreibt Einhard Karls Erscheinung, nach Exhumierung der Gebeine im 19. Jahrhundert auf 1,92 Meter Größe geschätzt: „Karl war von breitem und kräftigem Körperbau, hervorragender Größe…Er hatte schöne graue Haare und ein freundliches heiteres Gesicht…Auf dem Leib trug er ein leinenes Hemd und leinene Unterhosen, er bedeckte die Beine mit Binden…und schützte mit einem aus Fischotter- und Zobelpelz verfertigten Rock im Winter Schultern und Brust; endlich trug er seinen blauen Mantel und beständig das Schwert an der Seite…Bei festlichen Gelegenheiten schritt er einher mit golddurchwirktem Kleide und edelsteinbesetzten Schuhen… auf dem Haupt ein aus Gold und Edelsteinen verfertigtes Diadem.“

Wer hat's gesagt? Das große Zitate-Quiz

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Mehr zu Karls 46-jähriger Regentschaft sieht man ab Juni in der Aachener Schau „Karl der Große 2014: Macht – Kunst –Schätze“ im Krönungssaal, der Pfalz mit neueröffnetem „Centre Charlemagne“ und der Domschatzkammer. Unter Schirmherrschaft der Präsidenten von Frankreich, Italien und Deutschland trifft man aufs zusammengeführte „Lorscher Evangeliar“ und den „Lorscher Codex“ sowie andere Pretiosen aus dem Umkreis von Karls „Hofschule“ und „Hofkapelle“, besetzt mit besten Gelehrten des Frankenreiches. In Aachen und Ingelheim wird man sehen, wie Karls Kampf gegen Europas Niedergang und Einsatz für Bildung und Christentum oft keine Gnade kannten. Immerhin öffnete das eroberten Gebieten Zugang zu lateinischer Sprache und Schriftkultur samt „karolingischen Minuskeln“ als Grundlage unserer heutigen Schrift. Man sieht: Der Reisekaiser las und sprach Latein, hielt aber seine ostfränkisch-deutsche Volkssprache in Heldenliedern und Monatsnamen wie „Wintarmanoth“ (Januar), „Wunnimanoth“ Mai) und „Heiligarmanoth“ (Dezember) hoch.

Seine Kapitulare vereinheitlichten die Rechtsprechung und wirken bis heute nach wie auch das „Capitulare de villis“ mit Detailliertem zu Feld- und Gartenbau samt Obst und Kräutern. Da ist die Ungewissheit zu verschmerzen, ob der nie von einem Papst geheiligte „Vater Europas“ wirklich 72 Jahre alt wurde.

Quelle: op-online.de

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