Essen und Einkaufen im Jahr 2030

Über den Tellerrand geschaut

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Essen 2030? Der Insekten-Lolli könnte dazugehören.

Frankfurt - Essen und Einkaufen im Jahr 2030: Meinungsforscher und Industrie auf der Suche nach den Trends. Die dürften nicht jedem schmecken. Von Ralf Enders 

Die Prognose sei gewagt: Das Schnitzel mit Pommes wird auch in 15 Jahren noch auf deutschen Tellern liegen. Daneben aber könnten sich einige Gerichte tummeln, gegen die es derzeit noch, sagen wir, kulturelle Vorbehalte gibt. Heuschrecken, Mehlwürmer, Algen oder In-Vitro-Fleisch, das der Volksmund ob seiner Herkunft aus dem Reagenzglas auch Laborfleisch nennt. Keine Frage: Es wird nicht jedem schmecken, was die repräsentative Studie „Wie is(s)t Deutschland 2030?“ herausgefunden haben will.

Im Auftrag des Nestlé Zukunftsforums hat das Marktforschungsinstitut TNS Infratest 1029 Verbraucher zu fünf zuvor entwickelten „Zukunftsszenarien“ befragt. Dabei ging es eher wissenschaftlich denn genussvoll zu, wie der Titel des Siegerszenarios verrät: „Ressourcenschonende Ernährung in einer werteorientierten Gesellschaft.“ Heißt: Aus Rücksicht auf Tier und Natur ist der Insekten-Burger seinem Rindfleisch-Kollegen vorzuziehen, und erstaunlich viele Menschen sind dazu bereit. Der gestern in Frankfurt vorgestellten Studie zufolge stehen nämlich 80 Prozent der Verbraucher in Deutschland Algen und Insekten als Proteinlieferanten offen und positiv gegenüber.

Das hat die Experten im Zukunftsforum des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns in dieser Deutlichkeit dann doch überrascht, auch wenn die Nestlé-Pressestelle sich zuvor gar „Pizza aus dem Drucker“ vorstellen konnte. Professor Gunther Hirschfelder, Kulturanthropologe der Uni Regensburg, sprach denn auch folgerichtig von einem „Reset der Esskultur“. Gerhard Berssenbrügge, Vorstandsvorsitzender von Nestlé Deutschland, meinte: „Die Romantik bei Lebensmitteln mit dem Bild einer Kuh auf der Alm weicht dem Realismus.“ Und die Vorsitzende des Forums, die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt, stellte eine „Dynamik des Wandels“ fest.

Näher am Konsumenten

Noch ist das alles Zukunftsmusik, doch Handel und Industrie müssen „vermutlich viel näher an den Konsumenten herantreten“, prognostizierte Jens Krüger, Geschäftsführer von TNS Infratest. Denn der werde schließlich „emanzipierter, anspruchsvoller, individueller und weniger loyal“, ergänzte Berssenbrügge. Dabei macht dieser Verbraucher der Industrie das Leben unnötig schwer, denn er gleicht halt eher einem Leipziger Allerlei denn einem einfachen Spiegelei. „Es wird nicht nur eine Zukunft geben, sondern es werden unterschiedliche Entwürfe und auch Hybrid-Formen der in der Studie skizzierten Szenarien existieren. Ernährung wird so zunehmend zum Spiegel eines individuellen Lebensstils“, sagte Krüger.

Konkreter lässt sich da schon das Einkaufsverhalten vorhersagen. Sechs von zehn Verbrauchern halten es der Studie zufolge für wahrscheinlich, dass Einkäufe in 15 Jahren größtenteils online erfolgen, gerne auch im Abonnement oder per Sammelbestellung in „Food-Communities“. „Im stationären Lebensmitteleinzelhandel lassen wir uns inspirieren, die Grundversorgung kaufen die Deutschen online“, heißt es in der Studie.

Wie isst Deutschland 2030?

Doch wer sich seinen Salat und sein Fleisch - vielleicht per Drohne - nach Hause schicken lässt, der könnte am Ende gar nicht mehr so viel Hunger haben. Derzeit jedenfalls bekommen Online-Lebensmitteldienste noch miese Noten von Testern.

Ist aber auch kein Problem, denn vor allem in den weiter zunehmenden Single-Haushalten gibt es nur noch kleine Küchen zur Grundversorgung. Gegessen wird in großen Küchen in der Stadt, die sich zum gemeinsamen Kochen mieten lassen. Das nennt sich dann natürlich „Koch-Event“ und läuft im Meinungsforscher-Szenario unter „Gemeinschaftliches Essen als Erlebnis in einer entstrukturierten Gesellschaft“. Wer ob dieser Aussichten nun Lust auf einen Sauerbraten mit Knödeln in einer dunstgeschwängerten Kneipe hat, dem sei versichert, dass Nischenprodukte auch in der Ernährungsbranche immer ihren Platz haben werden.

Quelle: op-online.de

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