Bald endet eine nervtötende Zeit für die Lastwagenfahrer

Schiersteiner Brücke: Das Etappenziel fast erreicht

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Mainz - Bis zur kompletten Fertigstellung ist es noch ein weiter Weg. Doch bald ist ein wichtiger Abschnitt geschafft: Die schweren Transporter rollen im November wieder über die Schiersteiner Brücke. Eine Bilanz und ein Blick in die Zukunft. Von Katharina Hölter.

„Hey, Stopp, Halt“, ruft Hasso Braun. Der Erste Polizeihauptkommissar sprintet zu dem dunkelgrünen Transporter einer Gerüstbaufirma. Der Anhänger scheint zu breit, das Fahrzeug zu schwer - zumindest für die kaputte Schiersteiner Brücke. Braun lässt sich die Fahrzeugpapiere zeigen. Als stellvertretender Leiter der Polizeiautobahnstation in Heidesheim begleitet er die Bauarbeiten von Beginn an. Bald endet eine nervtötende Zeit für die Lastwagenfahrer. Sie dürfen wieder über die Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden rollen und schneller am Ziel sein. Im November erteilt die Bauaufsicht den schweren Fahrzeugen wieder freie Fahrt - rund neun Monate nach dem Bauunfall. Ein genauer Termin steht noch nicht fest. Die Schiersteiner Brücke war nach dem Absacken eines Pfeilers am 10. Februar gesperrt worden.

Die zuständige Baufirma an der Schiersteiner Brücke weist nach bisherigen Untersuchungen Fehler bei den Bauarbeiten von sich. Die Brücke war nach dem Absacken eines Pfeilers am 10. Februar auf Mainzer Seite bis zum 12. April komplett gesperrt worden.

Zurzeit ist die Überfahrt für Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen verboten. Sensoren im Boden messen das Gewicht, ein Ampel- und Schrankensystem stoppt dann die Fahrzeuge, die sich trotz Hinweisschildern auf der falschen Spur in Richtung Brücke eingeordnet haben. Bei dem grünen Transporter löste das System nicht aus: doch nicht zu schwer. Weiter geht die Fahrt. 755 Mal schlossen sich die Schranken in der Zeit vom 13. April bis zum 15. Oktober auf rheinland-pfälzischer Seite und versperrten Fahrzeugen den Weg. Sie mussten eine Umleitung fahren. In Hessen waren es sogar rund 1800 Durchfahrtsverbote. Zig Begrenzungspfeiler liegen schon auf einem Haufen - alle von Fahrzeugen umgenietet, die zu schnell unterwegs waren oder die Enge der Fahrbahn unterschätzen. Auch an diesem Tag versucht es wieder mal ein Busfahrer mit seinem weißen Gefährt zwischen die Abtrennungen zu fahren - ohne Erfolg. Er muss wieder rückwärts rollen, die Autofahrer hinter ihm sind genervt.

Brauns Kollegen, Polizeikommissar Johannes Reinisch und Polizeioberkommissar Thomas Donsbach, arbeiten in dem weißen Polizei-Container, der hinter beiden Schranken positioniert ist. Auf dem Schreibtisch liegt ein Handy bereit, das alarmiert wird, sollte ein Querulant es hinter die Absperrung schaffen. „Wir sind die letzte Möglichkeit, wenn jemand die Schranke durchbricht“, erklärt Reinisch. Dann könnten sie an die Fahrbahn sprinten und ihn aufhalten - bei der kurzen Strecke fast unmöglich. Mindestens einmal hat ein zu schwerer Lkw die Brücke überfahren: Von Mainz kommend muss ein Sechstonner so schnell gerast sein, dass er es noch durch die sich schließende Schranke schaffte. Auch die Polizei konnte ihn nicht aufhalten.

Drei Bauabschnitte

Ansonsten müssen die Kollegen sich vor allem um Liegengebliebenes kümmern. Fahrzeuge, die in den engeren Begrenzungen zur Auffahrt festhängen oder ein Stapel Akten von der Dienststelle. Denn dafür bleibt im Container - der mit zwei Tischen, Stühlen, einem Kühlschrank und einer Kaffeemaschine ausgestattet ist - dank des geregelten Verkehrs viel Zeit. „Viele sehen es so: Hier kann man sich mal in Ruhe um die Akten kümmern oder fortbilden“, sagt Donsbach mit einem Schmunzeln.

Auf hessischer Seite verbrachten die Polizisten insgesamt rund 8000 Arbeitsstunden (Stand inklusive Oktober), in Rheinland-Pfalz schätzungsweise mehr als 12.000 (Stand bis einschließlich September). Zeit, in der sie bei anderen Polizeieinsätzen fehlten, wie beispielsweise die Gewerkschaft der Polizei kritisierte. Auch nach der Öffnung werden wohl neue Zwischenfälle auf die Beamten zukommen. „Es wird nicht einfacher“, sagt Braun. Denn wenn Lastwagen und Transporter wieder auf die Brücke dürfen, wird es eng: Derzeit sind nur drei Spuren offen, eine in Richtung Wiesbaden und zwei in Richtung Mainz.

Von Verkehrsproblemen bekommen die Bauarbeiter unter der Brücke nicht viel mit. Autos sind kaum zu hören, die piependen Baufahrzeuge übertönen sie. Gerade werden die letzten Stützen des sogenannten Stützenwaldes angebracht. „Wie auf einer Federkernmatratze kann sich dann die Brücke bei Belastung durch Lkw darauflegen, wenn sie sie von allein nicht trägt“, erklärt Bernhard Knoop, der zuständige Leiter des Landesbetriebs Mobilität in Worms, und zeigt mit Schutzhelm und Warnweste bekleidet hinauf zu den zwölf Meter hohen Stahlträgern.

In drei verschiedene Abschnitte sind die Bauarbeiten an der Schiersteiner Brücke unterteilt, wie Bernd Winkler erklärt. Er ist Leiter der Fachgruppe konstruktiver Ingenieurbau und der zentralen Arbeitsgruppe.

  • Teil 1: Hessen baut die Fahrbahn mehrspurig in Richtung Mainz aus. Gleichzeitig tut dies auch Rheinland-Pfalz aus der anderen Richtung, parallel zur alten Brücke. Im Sommer nächsten Jahres sollen beide aufeinandertreffen. Der Rohbau des Erweiterungsbauwerks ist bereits fertig.
  • Teil 2: Das durch den Bauunfall beschädigte Herzstück der Anschlussstelle Mainz-Mombach wird gestützt, damit die Lkw wieder rollen können. Dies ist ja nun bald abgeschlossen. Vier Millionen Euro betragen die Kosten allein dafür, inklusive Verkehrsführung und Anheben der Brücke. Träger des Bauprojekts ist der Bund.
  • Teil 3: Der Überbau des Herzstücks muss erneuert werden, weil er bereits zu stark beschädigt ist.

Sperrung der Schiersteiner Brücke

An manchen Tagen in der Woche verlegen die beiden Ingenieure ihre Büros ebenfalls in einen Container unterhalb der Brücke. Bauzeichnungen und Ordner liegen darin verteilt. An einer Wand hängt eine große Übersicht über die Baustelle. „Wir haben Glück gehabt, es hätte viel schlimmer sein können“, sagt Knoop, wenn er an den Unfall zurückdenkt. Dabei hätten Menschen verletzt werden können. Nun sei immer noch bei jedem Arbeitsschritt am geschädigten Bauwerk höchste Vorsicht geboten. Mithilfe von spezieller Messtechnik habe man die Brücke ständig unter Beobachtung. . „Die besondere Herausforderung hier ist, das Ganze möglichst schnell und unter Verkehr wieder herzurichten“, sagt er. Als die Brücke wieder angehoben war, habe er allen Mitarbeitern einen Sekt ausgegeben. Den Druck spüren an der Baustelle alle, deshalb versuchen sie möglichst fix voranzukommen: „Schneller geht’s nicht“, sagt Bernhard Knoop. „Wir ziehen alle an einem Strang.“

dpa

Quelle: op-online.de

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