Etwa 1000 Lehrstellen 2013 nicht besetzt

Handwerk fehlt der Nachwuchs

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Frankfurt/Wiesbaden/Offenbach - Kunden hat die Schuhmacherei Lenz zuhauf, inzwischen stehen sogar die Lehrlinge in der Werkstatt Schlange. In Offenbach sind derweil nur wenige Lehrstellen nicht besetzt worden. Aber: Fachkräfte fehlen den Handwerkern in Hessen.

Einen halbfertigen Schuh aus feinem Leder in der Hand, sitzt Jürgen Dohn auf einem niedrigen Hocker. Vorsichtig dreht er das rotbraune Werk zwischen den Fingern, es ist ein wertvolles Stück. Mindestens 1250 Euro kostet ein maßgefertigtes Paar Schuhe in seinem Laden. An Kunden fehlt es der Frankfurter Traditionsschuhmacherei Lenz, deren Geschäftsinhaber Jürgen Dohn ist, dennoch nicht. Es läuft so gut für ihn, dass er auf der Stelle zwei Fachkräfte einstellen könnte. Nur findet er die nicht. Schlange steht dagegen der Nachwuchs, der bei Dohn erst noch lernen will.

Der Schuhmachermeister (45) erlebt gerade, wie sich die Mentalität in seinem Fach ändert. Lange Zeit haben Schuhmacher nicht ausgebildet. „Sie wollten nicht riskieren, dass sie ihre eigene Konkurrenz heranziehen“, sagt Dohn. Jetzt sei das anders. Die jüngere Generation wolle die alte Tradition früh genug weitergeben. Noch vor einem Jahr suchte Dohn händeringend nach Lehrlingen. Jetzt hingegen hat der Obermeister der Schuhmacher-Innung Hessen-Süd vier Azubis, und die nächsten Bewerbungen liegen schon auf seinem Tisch. Das ist auch bei seinen Schuhmacherkollegen so.

Handwerksbetrieben in der Lebensmittelbranche geht es da anders: Zwar laufe auch das Geschäft von Metzgern oder Bäckern gut, sagt der Sprecher der Handwerkskammer Wiesbaden, Dirk Kornau. Denn trotz des Trends zur Filiale vor allem bei Bäckereien kauften viele Kunden eher hochwertig ein. Und doch fehlt es solchen Unternehmen an einem: dem Nachwuchs. In Hessen seien im vergangenen Jahr rund 900 bis 1000 Lehrstellen unbesetzt geblieben, sagt Kornau. Entweder seien die Bewerber nicht gut genug oder ihre Vorstellungen passten nicht zum Arbeitsalltag.

Nachwuchsprobleme haben nicht nur Metzger oder Bäcker, sondern auch Gerüstbauer oder Zahntechniker - Berufe mit unbequemen Arbeitszeiten, viel Aufenthalt im Freien oder mit hohen Ansprüchen an die Lehrlinge. Der Job des Tischlers hingegen zählt seit Jahren zu den Top-10-Ausbildungsberufen. In Stadt und Kreis konnten nur 22 Lehrstellen nicht besetzt werden, sagte der Geschäftsstellenleiter Offenbach der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, Uwe Czupalla, unserer Zeitung. Er sprach von einer fehlenden „Passgenauigkeit“ der Bewerber. Von den nicht besetzten Stellen seien in erster Linie Bäcker (7), Metzger (6), die jeweiligen Fachverkäufer (5) und Friseure (4) betroffen.

Bei den drei hessischen Handwerkskammern sind im vergangenen Jahr mehr als 10.200 neue Lehrverträge eingetragen worden. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bedeutet dies einen leichten Rückgang von 324 Verträgen oder ein Minus von 3,1 Prozent, so der hessische Handwerkstag in Wiesbaden. In vielen Bereichen sei ein sich verschärfender Lehrlingsmangel festzustellen. Der Vizepräsident des Handwerkstags, Hans-Werner Schech, führt dies auch auf die „fatale Entwicklung“ zurück, dass immer mehr Jugendliche ein Studium einer dualen Ausbildung vorziehen. Erfreulich sei, dass mehr Abiturienten eine Ausbildung im Handwerk beginnen würden. 2002 verfügten lediglich 3,3 Prozent aller Ausbildungsanfänger über Abitur oder Fachhochschulreife. 2012 konnte diese schulische Qualifikation bereits bei 7,5 Prozent der neuen Auszubildenden registriert werden.

Derweil erwartet das Handwerk dank des anhaltenden Trends zum Energiesparen beim Bauen und zur Sanierung von Eigenheimen auch in diesem Jahr ein gutes Geschäft. „Im dritten Jahr in Folge ist die Stimmung ungetrübt“, sagte der Präsident des Handwerkstags, Bernd Ehinger. Er geht von einem nominalen Umsatzwachstum von zwei Prozent aus.

dpa/ku

Quelle: op-online.de

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