Europa hat es sich bequem gemacht

„Der goldene Fleiß“ am Schauspiel Frankfurt

+
Weissagungen im Businesskostüm: Paula Skorupa als Voodoo-Priesterin, die zwei Landsleute auf eine beschwerliche Reise nach Europa schickt.

Frankfurt - Zwei Afrikaner nehmen das Schicksal in die eigene Hand und begegnen in Europa einer Schizophrenie aus Ablehnung und Wohlwollen. Alexander Eisenachs „Der goldene Fleiß“ ist in der Box des Frankfurter Schauspiels uraufgeführt worden. Von Stefan Michalzik

Stücke zur Stunde führen die Theater gerade allüberall auf, dies ist eines von der besseren Sorte. Papieren wirkt die ironisiert-pointierte Spiegelung des aktuellen Geschehens nicht, daran hat die komödiantisch vitale, aber streng geformte, nicht überdrehte Ensembleinszenierung von Daniel Foerster gehörigen Anteil. Nach Art des westlichen Wohlstandsbürgers ist das Quartett in edle Markengarderobe gekleidet, Katja Quinkler hat sie in Farben von afrikanischer Buntheit gehalten. Angestoßen von einer Voodoo-Priesterin – Paula Skorupa – machen sich der Held Jayson (Carina Zichner) und sein Gefährte Marbadu frei nach der Argonautensage um das Goldene Vlies von Darfur aus auf, den Goldenen Fleiß der Europäer zu erobern. Raus aus der Unmündigkeit und der Opferrolle und das Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen: Das Drama des afrikanischen Menschen, so die Priesterin, bestehe darin, dass er noch nicht in die Geschichte eingetreten sei und in einer Welt lebe, in der alles vorbestimmt sei, das hindere den Fortschritt. Am Ende soll – frei nach Nietzsche – der „neue Mensch“ in einem ökonomisch prosperierenden Afrika stehen.

Alexej Lochmann als griechischer Schlepper von schmierig-zynischer Denkungsart dreht den Helden ein Schiff von zweifelhafter Seetüchtigkeit an. In einer gemeinschaftlichen Tanzpantomime machen ein Gewitterblech und eine Wasserspritze die Dramatik des Schiffbruchs und nachherige Rettung durch die Küstenwacht gegenwärtig. Auf europäischem Boden begegnen die Überlebenden einer Schizophrenie in Politik und Bevölkerung. In einer toleranten Art begegnet man den Flüchtlingen wohlwollend und will sie sich zugleich vom Leibe halten. Bis dahin hat sich alles um eine mannshohe hölzerne Kiste herum im dunklen Raum von Julia Scheurer abgespielt. Die öffnet sich nun für ein Spiegelkabinett als Heimstatt von Alexej Lochmann als Dragqueen, die philosophiert über ihre eigene Existenz. Jayson wird sie heiraten und bleiben, den heldischen Auftrag negierend erliegt er den Verlockungen der Wohlstandsgesellschaft. Er malt sich, wie viele Deutsche bei der Fußballweltmeisterschaft 2006, das Gesicht mit schwarz/rot/goldenen Farben an.

Wir haben es uns, so führt es Eisenach vor, bequem in einer mehr oder weniger befriedeten und aufgeklärten, auf Fleiß und dessen Früchte fußenden Gesellschaft eingerichtet – wir verdrängen die Wirklichkeit des Krieges und nehmen hin, dass alles auf Kosten der Ausgeschlossenen geschieht. Die komödiantisch abgefederte Unmittelbarkeit dieses Stücks und seiner Inszenierung sorgt für intellektuell anregende Kurzweil und eine Bewunderung darüber, wie toll mit den Mitteln des Theaters gearbeitet wird – und ist, das weiß Eisenach, insofern natürlich auch ein Teil des kritisierten postmodernen Diskurses. Nächste Aufführungen am 8. März sowie 7. und 8. April. Karten gibt's unter Tel.: 069/21249494.

Quelle: op-online.de

Kommentare