Mission geglückt: Rosetta funkt

Europäische Raumfahrt atmet auf

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Mission geglückt: Rosetta funkt. Nach zweieinhalb Jahren Tiefschlaf gelang es gestern Wissenschaftlern in Darmstadt, die Raumsonde wieder aufzuwecken. Damit ist der Weg frei für die Kometenlandung. Diese Computergrafik zeigt Rosetta nach ihrer Landung auf dem Kometen „Tschurmy“. Bis die Raumsonde ihr Ziel erreicht, wird es noch bis November dauern. Spätestens dann wird die Mission in Darmstadt wieder für Spannung sorgen.

Darmstadt - So viel Spannung hat wohl noch nie am Europäischen Satellitenkontrollzentrum ESOC in Darmstadt geherrscht. Von Axel Wölk 

Selbst der ansonsten äußerst besonnene ESOC-Chef und ehemalige Astronaut Thomas Reiter wirkte vor einem großen Modell der Raumsonde Rosetta eine Spur angespannter und unruhiger als bei anderen Missionen. Immer wieder schaltete das ESOC in den Kontrollraum, um ein Lebenszeichen der Raumsonde zu erhalten. Sogar in der Kantine lief im Fernsehen einzig und allein Rosetta.

Seit rund zweieinhalb Jahren bangen die Wissenschaftler und Ingenieure der europäischen Raumfahrt um ein Signal der Raumsonde aus den Tiefen des Alls – rund 807 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Schließlich erlöste Missionsleiter Andrea Accomazzo um 19.19 Uhr die nervöse Raumfahrtgemeinschaft: „Rosetta ist aufgeweckt.“ Sofort brandete Beifall auf. Eine der ehrgeizigsten Missionen der Europäer läuft damit nach Plan. Der Weg für eine Landung der Europäer auf dem als „Tschurmy“ getauften Kometen Tschurjumow-Gerasimenko ist damit frei.

Nervosität mit Händen zu greifen

Die angespannte Nervosität war den gesamten Tag über mit Händen zu greifen. Wissenschaftler eilten hin und her. Smartphones glühten. Zu viel stand auf dem Spiel. Rund 1,3 Milliarden Euro Steuergelder fließen in das Vorzeigeprojekt. „Ich kann mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn Rosetta scheitert“, hatte vorher Geschäftsführer John Lewis von Telespazio Vega geunkt. Das Unternehmen ist mit seiner Software für die Steuerung von Rosetta mit an Bord. „Das ist wie die Entdeckung Amerikas. Was wir jetzt machen, wird vor uns noch niemand geschafft haben“, jubelte der Pressesprecher der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, Markus Bauer. Bisher landete noch kein Raumgefährt auf einem Kometen – weder von US-Amerikanern noch von den Russen oder den Japanern. „Das ist eine brillante Mission“, blies ESA-Berater Professor Mark McCaughrean ins gleiche Horn.

Insgesamt war den versammelten Raumfahrtexperten aber durchaus mulmig zumute gewesen, was die große Anspannung zusätzlich erklärte. Rosetta wurde von der ESA ganz bewusst in einen mehrjährigen Tiefschlaf versetzt, um Energie zu sparen. Die Solarpanele waren einfach nicht groß genug, um ausreichend Sonnenenergie für den mehrere hundert Millionen Kilometer langen Flug zu sammeln. Deshalb liefen nur der Hauptcomputer und die Heizungselemente noch im Normalmodus.

ESA: Weltraumsonde zum Leben erweckt

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„Ich würde es nicht noch einmal machen. Es ist zu riskant“, ließ sich Missionsleiter Accomazzo zitieren. Die Solarpaneele sollten künftig größer konstruiert werden. Ein Verzicht auf das Einfrieren würde künftig sicher auch so manches graue Haar von ESA-Direktoren und Ingenieuren verhindern. Zwar wurde der Tiefschlafmodus im Flug und am Computer ausgiebig simuliert. Aber ein immensens Restrisiko war bestehen geblieben. Normalerweise fliegen Satelliten so gut wie nie im Tiefschlafmodus. Auch hier markierten die Europäer ein technisches Novum.

So endete am Darmstädter ESOC mitten am Abend ein Tag, an dem die Spitze der europäischen Raumfahrt – angeführt von ESA-Generaldirektor Jean-Jaques Dordain – stressige Stunden verbrachten. Für die im November geplante Landung wünschen sich die Darmstädter sicher die übliche angespannte Ruhe, aber bitte, wenn es geht, mit deutlich weniger Nervenkitzel.

Quelle: op-online.de

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