Anfassen erwünscht!

Frankfurt - „Nicht anfassen“ oder „Bitte nicht berühren“ lauten die ehernen Gesetze in Museen und Ausstellungshallen. Von Christian Riethmüller

Doch wo Regeln herrschen, gibt es manchmal auch Ausnahmen. Am 2. März öffnet in Frankfurt eine Schau, bei der es sogar ausdrücklich gewünscht ist, dass die Besucher die Exponate anfassen und sie mit Händen „begreifen“. Diese Ausstellung nennt sich „Experiminta“ und ihr ausdrückliches Ziel ist es, Gesetze der Mathematik, der Informatik, der Naturwissenschaften und der Technik auf spielerische, experimentelle oder sinnliche Art und Weise zu erklären.

Domizil hat die „Experiminta“, die auf eine Initiative von fünf Frankfurter Bürgern zurückgeht, in einem Gebäude an der Hamburger Allee 22-24 im Stadtteil Bockenheim gefunden. In dem direkt an der Straßenbahnhaltestelle „Varrentrappstraße“ gelegenen früheren Behördenbau, der dem Land Hessen gehört, sind auf vier Ebenen rund 100 Experimentierstationen zu neun Themenkreisen eingerichtet, an denen etwa mechanische, optische oder akustische Phänomene kennengelernt werden können. Überdimensionale Kneifzangen, Ganzkörper-Seifenblasen, Flaschenzüge, mit denen man sich selbst in die Höhe ziehen kann oder verschiedene Kugelbahnen sind nur einige der Stationen auf dem faszinierenden naturwissenschaftlichen Rundgang.

Derartige Einrichtungen sind rar

Dieser Versuchsstationen wegen sollte man die „Experiminta“ auch nicht als Museum bezeichnen. Die Schau ist ein sogenanntes Science Center (Wissenschaftszentrum) nach amerikanischem Vorbild, in dem durch Handeln und Zutun gelernt werden soll. Dieses Ausstellungskonzept hat viele historische Vorgänger, die sich auf große Denker und Wissenschaftler wie Francis Bacon, René Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz oder Alexander von Humboldt zurückführen lassen, doch gilt als Vorbild das berühmte, 1969 eröffnete Exploratorium in San Francisco, das nicht nur in den USA, sondern in der ganzen Welt zahlreiche Nachahmer fand. Weltweit soll es mittlerweile über 400 Science Center geben.

In Hessen sind derartige Einrichtungen aber noch rar. Im Frankfurter Nordend gibt es das privat betriebene „Explora“, das in einem Bunker am Glauburgplatz vor allem mit Hologrammen, 3D-Kunst und Stereobildern den Besuchern im wahrsten Sinne des Wortes die Augen übergehen lässt. Und es gibt das erfolgreiche Mathematikum in Gießen, ein ausschließlich mathematischen Themen gewidmetes Science Center.

Im Mai 2006 Initiative gegründet

Die Gießener Schau war es auch, die fünf Frankfurter Pädagogen auf die Idee brachte, solch ein Mitmach-Zentrum auch für die engere Region um die Mainmetropole anzuregen, wo es zwar eine bemerkenswerte Museenvielzahl gibt, aber eben kein den Naturwissenschaften vorbehaltenes Science Center. Bei der Idee wollten es die Fünf aber nicht belassen.

Im Mai 2006 gründeten sie eine Initiative mit dem Namen „Zentrum für mathematisch-naturwissenschaftliche Kultur“ und stimmten ein didaktisches Konzept für ein solches Zentrum ab. Mit diesem Konzept gingen sie auf die Suche nach geeigneten Partnern, präsentierten sich bei Institutionen wie Vereinen, Stiftungen, dem Staatlichen Schulamt, der Goethe-Universität, der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen.

Ob sich die überdimensionierte Zange schließen oder öffnen lässt? Einfach ausprobieren!

Frühe Bündnisse konnten dabei mit der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und dem Physikalischen Verein geschlossen werden, dessen Gebäude in Bockenheim im Jahr 2007 ohnehin frei geworden war, weil die Goethe-Universität ihre naturwissenschaftlichen Fakultäten am neuen Standort Riedberg ansiedelte. Im Bau des Physikalischen Vereins wurde mit geliehenen Exponaten im November 2007 die vier Wochen dauernde Mitmachausstellung „Experimentiere!“ veranstaltet, die den Publikumszuspruch eines solchen Angebots erproben sollte. Rund 10 000 Besucher, darunter viele Schüler, waren Hinweis genug, dass ein Science Center in Frankfurt dauerhaften Erfolg haben könnte.

Zahlreiche Firmen geben Geld

In den vergangenen drei Jahren hat der ehrenamtlich tätige Förderverein um den Vorsitzenden Norbert Christl dann Sponsoren für die finanzielle Unterstützung und Vertreter von Stadt- und Landespolitik für den amtlichen Rückhalt gesucht. Mit Hilfe der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die 220.000 Euro zu dem Vorhaben beisteuerte, der Mainova AG, die 200.000 Euro gab, der Stiftung Flughafen Frankfurt/Main, die sich mit 115.000 Euro beteiligte, und 23 weiteren Förderern (Unternehmen, Stiftungen, Verbände, Stadt und Land) ist aus der Idee nun die „Experiminta“ geworden, deren Exponate und Experimentierstationen allesamt neu gebaut und teilweise auch neu entwickelt worden sind. In die Anschaffung dieser Gerätschaften, die im Schnitt jeweils 4000 Euro kosten, ist ein guter Teil der institutionellen Förderung geflossen.

Die Dauerausstellung im Frankfurter Science Center „Experiminta“, Hamburger Allee 22-24, ist ab Mittwoch, 2. März, zu sehen. Öffnungszeiten: Mo, Di, Mi 9-18 Uhr, Do 9-21 Uhr, Sa 13-18 Uhr, So 10-18 Uhr. Weitere Informationen auf der Experiminta-Internetseite.

Nun ist es an der Schau selbst, ihre Kosten einzuspielen. Nach Angaben von Norbert Christl kalkuliert der Förderverein jährlich mit 130.000 Besuchern. Die zahlen acht Euro Eintritt für Erwachsene, sechs Euro für Kinder, Schüler, Auszubildene und Studenten oder 18 Euro für die Familienkarte. Mit den Eintrittserlösen will die „Experiminta“ die „marktübliche Gebäudemiete“ (Christl), vermutlich drei festangestellte Kräfte sowie einige studentische Honorarkräfte für Betreuung und Aufsicht bezahlen. Gewinne soll das Science Center zwar nicht erwirtschaften, aber es muss sich selber tragen. Auch deshalb versucht der Förderverein noch ehrenamtliche Mitstreiter zu gewinnen. Mitmachen ist nämlich ausdrücklich erwünscht.

Quelle: op-online.de

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