Experten beantworten Fragen zum Thema Impfung

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Experten informieren zum Thema Kinder-Impfungen

Um Kinder vor und nach der Geburt besser vor der Ansteckung mit gefährlichen Krankheiten zu schützen, hat die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut ihre Impfempfehlungen aktualisiert. Bei uns beantworten Experten Fragen:

Meinem drei Monate alten Kind soll jetzt die Sechsfach-Impfung verabreicht werden. Ist es wirklich nötig, mein Baby schon so früh impfen zu lassen? Ich würde lieber warten, bis es etwas älter ist...

Dr. med. Gerhard Hofmann: Gerade im frühen Säuglingsalter stellen Infektionskrankheiten eine besondere Gefährdung dar. Damit Ihr Kind rasch den wichtigen Schutz erwirbt, sollten möglichst alle Impfungen zum empfohlenen Zeitpunkt durchgeführt werden.

Überfordern Kombinationsimpfstoffe das Immunsystem meines Kindes?

Dr. med. Thomas Fischbach: Das Immunsystem eines kleinen Kindes muss ständig große Herausforderungen meistern. So müssen sich schon Neugeborene mit einer Vielzahl von Keimen auseinandersetzen. Diese Stimulierung ist für die Entwicklung eines gesunden Immunsystems lebensnotwendig. Die Impfstoffe, die heute von der STIKO zur Grundimmunisierung aller Kinder empfohlen werden – wie der Sechsfach-Impfstoff gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis B, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae Typ b oder die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken – enthalten nur noch kleinste Anteile der Erreger. Für das Immunsystem eines gesunden Kindes stellen sie keine Überforderung dar.

Für Babys Infektion mit Keuchhusten sehr gefährlich

Ist mein Baby nicht durch den Nestschutz vor allen gefährlichen Krankheiten geschützt?

Dr. med. Hubert Radinger: Über den Mutterkuchen haben Neugeborene schützende Antikörper gegen manche Krankheiten, wie Masern, Mumps, Röteln und Windpocken von der Mutter erhalten – vorausgesetzt die Mutter hat diese Krankheiten selbst durchgemacht oder ist dagegen geimpft. Dieser Schutz ist allerdings zeitlich begrenzt. Und für alle Erkrankungen gilt dieser sogenannte Nestschutz nicht: So gibt es keinen Nestschutz gegen Keuchhusten – und für Babys unter sechs Monaten ist eine Infektion mit Keuchhusten sehr gefährlich. Deshalb sollten alle Kinder – gestillte, wie Flaschenkinder – mit zwei Monaten die erste Sechsfach-Impfung gegen Tetanus, Diphtherie, Polio, Hepatitis B, Hib und Keuchhusten erhalten.

Neben der Sechsfach-Impfung soll mein Kind auch gegen Pneumokokken geimpft werden. Vor welchen Krankheiten schützt diese Impfung?

Dr. Fischbach: Pneumokokken-Bakterien können schwere Erkrankungen wie Hirnhaut- und Lungenentzündung oder eine Blutvergiftung hervorrufen. Außerdem sind Pneumokokken für etwa ein Drittel aller Mittelohrentzündungen im Kleinkindalter verantwortlich. Daher empfiehlt die STIKO diese Impfung für alle Kinder in einem Alter von zwei Monaten bis zu zwei Jahren.

„Durch zahlreiche spätere Studien widerlegt“

Manche Impfgegner vermuten einen Zusammenhang zwischen den Schutzimpfungen und Erkrankungen wie Autismus oder Allergien. Das verunsichert mich...

Dr. med. Britta Gartner: Für diese Behauptungen gibt es keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg. Ganz im Gegenteil: In der ehemaligen DDR wurde sehr viel geimpft – weitaus mehr als in den alten Bundesländern. Studien zeigen, dass dort trotzdem sehr viel weniger Allergien auftraten als im westlichen Deutschland. Die Behauptung, die Masern-Impfung führe zu Autismus, wurde wissenschaftlich widerlegt. Der britische Arzt Andrew Wakefield, dem mittlerweile die Zulassung entzogen wurde, täuschte die Öffentlichkeit bewusst mit dieser These. Noch immer sind die Folgen dieser Aussage spürbar - obwohl Wakefields These durch zahlreiche spätere Studien widerlegt wurde.

Welche Nebenwirkungen können denn nach einer Impfung auftreten?

Dr. Gartner: Bei manchen Kindern treten in den ersten beiden Tagen nach einer Impfung Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle sowie leichtes Fieber auf. Dies bezeichnet man als Impfreaktion, die der natürlichen Auseinandersetzung des Körpers mit der Impfung entspricht. Sieben bis 14 Tage nach einer Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken kann in seltenen Fällen zu diesen Symptomen ein leichter Ausschlag kommen. Diese Impfreaktionen sind in aller Regel harmlos und klingen schnell wieder ab. Zeigt ein Kind darüber hinaus Krankheitssymptome, steckt dahinter wahrscheinlich ein Infekt, der zufällig zeitlich mit der Impfung zusammenfällt. In so einem Fall sollten Sie mit Ihrem Kind einen Arzt aufsuchen.

Mein neunjähriger Sohn leidet unter Neurodermitis, Asthma und einer Hühnereiweißallergie. Kann er trotzdem die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln erhalten?

Dr. Hofmann: Wenn Ihr Sohn nie anaphylaktisch – das heißt mit Atem- oder Kreislaufsymptomen - auf Hühnereiweiß reagiert hat, kann und sollte er geimpft werden. Dazu kann ihr Kinderarzt ihn stationär in eine Kinderklinik einweisen, so dass er nach der Impfung unter ärztlicher Beobachtung steht.

Warum wird die Impfung gegen Windpocken empfohlen? Die sind doch wirklich harmlos...

Auf dieser Internetseite finden interessierte Eltern ein umfangreiches und aktuelles Online-Angebot zum Thema Kinderimpfungen.

Dr. Hofmann: Was viele Menschen nicht wissen: Auch eine Windpockenerkrankung kann ernste Komplikationen mit sich bringen. So lassen sich etwa zehn Prozent aller Schlaganfälle im Kindesalter auf eine vorangegangene Windpockenerkrankung zurückführen. Außerdem kann es zu Lungenentzündungen oder schweren Hautinfektionen kommen, die eine Behandlung mit Antibiotika nötig machen. Deshalb empfiehlt die STIKO für alle Kinder zwischen 11 und 14 Monaten die zweimalige Windpocken-Impfung. Diese kann als Vierfach-Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken gegeben werden – so können Injektionen eingespart werden.

Mein erster Sohn hatte als Baby und Kleinkind sehr häufig Durchfall-Erkrankungen. Meiner Tochter möchte ich das jetzt ersparen… Ich habe gelesen, dass eine Impfung schon bei ganz kleinen Babys gegeben werden soll, stimmt das?

Dr. Hofmann: Die meisten schweren Durchfall-Erkrankungen bei Säuglingen und Kleinkindern in den ersten beiden Lebensjahren werden durch Rotaviren verursacht. Gegen diese steht eine Schluckimpfung zur Verfügung, die Ihr Kind sicher und ohne Nebenwirkungen schützt. Die Impfung kann problemlos gemeinsam mit der Sechsfach- und der Pneumokokken-Impfung gegeben werden. Der frühe Impftermin ist wichtig, da die Gefahr für einen schweren Krankheitsverlauf bei sehr kleinen Kindern am höchsten ist. Nicht selten ist dann ein Krankenhausaufenthalt mit Infusionen notwendig, da die Kleinen durch hohen Flüssigkeitsverlust sehr schnell „austrocknen“.

Zerstörung von Nervenzellen Jahre später

Warum sind Masern eigentlich so gefährlich?

Dr. Radinger: Das Gefährliche an den Masern ist, dass es relativ oft zu Komplikationen kommt. Die häufigsten sind Mittelohr- und Lungenentzündungen. In einem von tausend Fällen verursachen die Masernviren eine Gehirnentzündung, die für ein Fünftel der Betroffenen tödlich endet. Bei weiteren 30 bis 40 Prozent dieser Patienten kommt es zu Hörverlust oder bleibender geistiger Behinderung. Sehr selten ist die so genannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE): Jahre nach der Maserninfektion kommt es zur Zerstörung von Nervenzellen im Gehirn durch die Viren. Gegen die SSPE gibt es keine Therapie und sie endet immer tödlich. Sie trifft in erster Linie Kinder, die vor ihrem zweiten Geburtstag eine Maserninfektion durchgemacht haben.

Meine Tochter ist 18 und war beim Hausarzt, der sie nach ihrem Masernschutz gefragt hat. Warum? Können auch Erwachsene an Masern erkranken? Wir wissen nicht mehr, ob sie Masern hatte und haben auch keinen Impfausweis mehr.

Dr. Gartner: In den Jahren 2006 und 2007 war jeder fünfte Masernkranke älter als 20 Jahre. Erwachsene erkranken meist schwerer als Kinder. Wer nach 1970 geboren wurde und als Kind nur einmal oder gar nicht gegen Masern geimpft wurde, sollte sich unbedingt impfen lassen. Auch sollte geimpft werden, wenn dies unklar ist. Das empfiehlt auch die STIKO seit Juli dieses Jahres. Es geht bei der Impfung aber nicht nur um den eigenen Schutz: Jede geimpfte Person stellt eine Barriere in der Infektionskette dar und schützt so Personen, die nicht geimpft werden können. Dazu zählen beispielsweise Säuglinge, die noch zu klein für eine Impfung sind. Und für sie ist eine Maserninfektion besonders gefährlich!

Missbildungen oder Fehlgeburten

Welchen Impfschutz sollten Frauen mit Kinderwunsch unbedingt haben?

Dr. Radinger: Für Frauen mit Kinderwunsch sind die Impfungen gegen Röteln, Windpocken, Masern und Keuchhusten von besonderer Bedeutung. Erkrankt eine Frau während der Schwangerschaft an Röteln oder Windpocken, kann es beim Embryo zu schweren Missbildungen oder Fehlgeburten kommen. Die Impfung gegen Keuchhusten soll ausschließen, dass die Mutter ihr Neugeborenes nach der Geburt ansteckt, da diese Krankheit im frühen Säuglingsalter lebensbedrohlich sein kann. Die STIKO empfiehlt seit Juli dieses Jahres nicht nur Frauen mit Kinderwunsch, sondern allen Frauen im gebärfähigen Alter die Impfungen gegen Röteln und Keuchhusten.

Ich hatte als Kind schon Keuchhusten, dann muss ich mich doch nicht impfen lassen, oder?

Dr. Fischbach: Doch, denn anders als eine überstandene Windpocken-, Röteln- oder Masernerkrankung führt eine durchgemachte Keuchhusten-Infektion nicht zu einer lebenslangen Immunität. Erwachsene, die Kontakt zu Säuglingen habe – wie Großeltern oder Babysitter, sollten unbedingt darauf achten, dass eine Impfung nicht länger als zehn Jahre zurückliegt – sonst sollte sie aufgefrischt werden. Denn auch die Impfung hält nicht ewig.

Ich bin schwanger, sollte ich mich jetzt gegen Grippe impfen lassen?

Dr. Hofmann: Das ist sinnvoll, denn während einer Schwangerschaft verläuft eine Influenza einerseits für Sie selbst häufig sehr schwer. Andererseits geben Sie Ihrem Säugling schützende Antikörper mit, bis er selbst gegen Grippe geimpft werden kann. Die STIKO empfiehlt seit Juli dieses Jahres allen Schwangeren ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft die Grippe-Impfung – Frauen, die wegen eines Grundleidens besonders gefährdet sind, bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel.

Quelle: op-online.de

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