Explora Science Center: Interaktive Erlebniswelt

Im Reich der Täuschungen

Museumsgründer Gerhard O. Stief hat keinen Grund, ein langes Gesicht zu ziehen.

Frankfurt - Optische Phänomene, dreidimensionale Kunst und eine Vielzahl Möglichkeiten, sich an Experimentierstationen zu versuchen – das bietet das Explora Science Center am Glauburgplatz in Frankfurt. Das privat geführte Museum ist in einem alten Kriegsbunker untergebracht. Von Harald H. Richter 

Der schlaue Affe „Consul“ denkt mechanisch. Ihm ist keine Rechenaufgabe zu schwer. (Bild vergrößern)

Droben vom Sockel grüßt Wladimir Iljitsch Anaglyphowitsch. Er hat eine Edelstahlbrille mit LED-Beleuchtung auf der Nase und den dreidimensionalen Durchblick. Das Goethe-Denkmal, Jonathan Borofskys Hammering Man und er sind die meistfotografierten Skulpturen in Frankfurt. Dass die wuchtige Bronzefigur aus der früheren Sowjetunion den Glauburgplatz ausgerechnet von einem ehemaligen Luftschutzbunker aus dem 2. Weltkrieg überschaut, kommt nicht von ungefähr. In den unzerstörten Räumen des Bunkers ist seit 1995 das vom Frankfurter Fotodesigner Gerhard Otto Stief gegründete Wissenschafts- und Technikmuseum „Explora Science Center“ untergebracht.

Balustrade, Turm und falsche Fenster, Bollwerk und fränkisches Schieferdach gaben dem Gebäude mit seinen über zwei Meter dicken Außenwänden das Aussehen einer mittelalterlichen Burg und dienten daher im Krieg als Tarnung gegen feindliche Luftaufklärung. Derlei Täuschungsabsicht mag ein Grund gewesen sein, warum Stief sich ausgerechnet dieses Bauwerk für sein privat geführtes Museum, das ohne öffentliche Förderung auskommen muss, ausgesucht hat. In dessen Inneren präsentiert der umtriebige 75-Jährige, der einst Maschinenbau studierte und unter anderem in London und Zürich arbeitete, auf vier Etagen Spannendes, Lehrreiches und Verblüffendes.

Hinter meterdicken Mauern des Glauburg-Bunkers befindet sich das Explora Science Center.

Wer hier eintritt, wird sich mehr als einmal verdutzt die Augen reiben und das dahinter tickende Gehirn auf volle Leistung schalten. Die verschiedensten wissenschaftlichen Gesetze und technischen Verfahren werden auf nachvollziehbare Weise dargestellt. Durch eigenes Erleben und Betätigen der Installationen bekommt der Besucher Einblick in komplizierte Zusammenhänge physikalischer Phänomene. Diese sind außerdem in einem über 100-seitigen Museumsführer erklärt, in dem auch hilfreiche Anleitungen zu den einzelnen Experimentierstationen enthalten sind.

Nicht nur Kinder versetzt das Experiment an der Klangschale in Erstaunen: Vibrationen lassen Tausende Wassertropfen tanzen.

Ein zentrales Thema der Ausstellung ist die Stereoskopie. Schon vor Erfindung der Fotografie durch William Fox Talbot begann Charles Wheatstone 1832 Verfahren zur räumlichen Darstellung zu testen. Mit speziellen Guckkästen, die unter anderem Motive aus Alt-Frankfurt beinhalten, können die Museumsbesucher Methoden zur dreidimensionalen Abbildung kennenlernen. Vexierbilder geben dem Betrachter manches Rätsel auf, und man muss schon ganz genau hinsehen, um ein im offensichtlichen Motiv verstecktes zweites Bild zu entdecken. Über 500 Hologramme, Röntgenaufnahmen, Stereo-Fotos und allerlei optische Apparate werden aufgeboten, die einem Hören und Sehen neu beibringen.

„Manches klingt komplizierter, als es ist“, sagt Stief, der in seinem Museum regelmäßig Schulklassen aus ganz Hessen begrüßt und immer wieder auch Kindergartengruppen durchs Haus führt. „Schon die ganz Kleinen finden auf Anhieb etwas, das sie besonders interessiert. Außerdem bieten wir altersgerechte Führungen.“ Stiefs Explora-Museum ist dem Kita-Bildungsnetz Frankfurt angeschlossen, einer in Deutschland bislang einzigartigen Initiative. Kinder erhalten dadurch die Möglichkeit, an qualifizierten und einrichtungsübergreifenden Bildungsangeboten in den Bereichen Museen, Theater und Kunst, Naturwissenschaften und Mathematik, Bewegung und Sport, Literatur, Medien und Musik teilzunehmen. Dabei ist die Förderung interkulturellen Lernens ein wesentlicher Bestandteil. „So mancher Steppke, der mit der Kita-Gruppe bei uns gewesen ist, kommt ein zweites Mal her, dann aber mit den Eltern“, weiß Stief. „Mich erstaunt immer wieder, wie selbstverständlich die Kinder dann den Erwachsenen erklären, was es in unserem Museum so alles zu sehen gibt.“

Zum Schauen und Staunen, Anfassen und Ausprobieren gibt es wahrhaftig eine Menge. Zu Beginn einer jeden Erkundung wird den Besuchern im Foyer eine bronzene Klangschale vorgestellt. Neugierig beugt sich der zehnjährige Henri über den mit Wasser gefüllten Behälter. Zusammen mit seinem um zwei Jahre älteren Bruder Willi und den aus Worms angereisten Großeltern verbringt er hier einen Erlebnistag. Von Museumspraktikantin Stephanie Ramrath lässt Henri sich erklären, was es mit dem seltsamen Gefäß auf sich hat. Als er seine Handflächen auf den Henkelgriffen hin und her reibt, löst die Haftreibung Schallwellen aus, worauf Vibrationen spürbar werden und die entstehende Energie Tausende winzig kleine Wassertropfen hochspringen lässt.

Ausgestattet mit 3D-Brillen, bestaunen andere Besucher die Präsentation von Anaglyphen. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte der deutsche Mathematiker Wilhelm Rollmann dieses Verfahren. Hierbei werden Fotografien in den Farben rot-grün oder blau-rot dargestellt. Mit einer 3D-Brille angesehen, erscheinen sie als räumliche Objekte. Explora zeigt eine der größten Sammlungen in Deutschland. Durch die Brille betrachtet, erscheint plötzlich ein überdimensional großes Insekt ganz real. Alice im Wunderland kauert bemitleidenswert in einer Ecke, und man möchte dem Mädchen die Hand reichen. Unterdessen stellt der zwölfjährige Willi sich an einem der Denktische einem kniffligen Test. Gleich daneben sorgt der schlaue Affe „Consul“ für Staunen bei den Besuchern, denn wie auch immer man seine Arme bewegt, er löst jede ihm gestellte Rechenaufgabe korrekt. Auf anderen Schauwänden sorgen unmögliche mathematische Figuren beim Betrachter für Verwirrung.

Viele Exponate zurzeit noch im Keller

Voller Tatendrang ist Museumsgründer Stief stets auf der Suche nach neuen Exponaten für seine Sammlung, besucht Auktionen und recherchiert im weltweiten Datennetz. Erst kürzlich bekam er aus den Niederlanden einen Tipp. Demzufolge dürfte er demnächst nicht mit leeren Händen aus Amsterdam zurückehren, so wie er auch schon aus den USA Ausstellungsstücke mitgebracht hat. Eines davon ziert die Cafeteria des Museums, das der sammelfreudige Stief 2004 in Las Vegas erwarb: Albert Einstein – ein Acrylsiebdruck von Steve Kaufman, der lange Jahre an der Seite Andy Warhols wirkte.

Viele Exponate lagern zurzeit noch im Keller. Stief möchte sie nach und nach heraufholen. Mit dem in seinem Museum gezeigten Picture Presenter, den er selbst erdacht und konstruiert hat, sollen sie ans Licht gelangen. In 16 umlaufenden Bilderrahmen kann diese Apparatur 32 Tafeln im Hochformat nacheinander zeigen. Das regulierbare Paternoster-System ermöglicht so auf platzsparender Grundfläche die Präsentation eines umfangreichen Themas.

Überhaupt ist der Museumschef ein findiger Mensch. Mit seiner Leidenschaft für alles Technische darf Stief sich mit Fug und Recht in Frankfurt als Pionier der grünen Energie bezeichnen. In 30 Metern Höhe erntet er auf der Dachterrasse seines Glauburg-Bunkers, in dem er auch wohnt, Windkraft. Zwar lohnen die 400 Kilowatt, die seine Anlage im Idealfall pro Stunde produziert, keine Einspeisung ins kommunale Versorgungsnetz, aber für die mit Bewegungsmeldern gesteuerte Beleuchtung des Museumstreppenhauses reicht die in einer Lastwagen-Batterie gespeicherte Energie.

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Mehr noch ins Auge springen die acht Photovoltaik-Panels an der Fassade rechts neben dem Museumseingang. Passanten können anhand einer Tafel ablesen, wie viele Kilowatt der Tag bereits gebracht hat. Derart neugierig geworden, hat sich so mancher zum Besuch des Explora Science Center entschlossen.

Explora Science Center Frankfurt, Glauburgplatz 1, 60318 Frankfurt; Telefon: 069/788888.
Öffnungszeiten: Täglich 11 - 18 Uhr (außer 24./25. Dezember, Silvester/Neujahr); Führungen nach Anmeldung ab 9 Uhr möglich. Nächste zum Eintritt kostenlose Führung (für Kinder geeignet): Sonntag, 1. Dezember, 12 Uhr, „Der Irrtum des Professor Pulfrich – ein Pendelexperiment zum Nachmachen.“

Quelle: op-online.de

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