Schwebendes Glas

EZB-Neubau schon beim Einzug zu klein?

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Den Zustand der Halle habe man unterschätzt, gibt Projektleiter Thomas Rinderspacher zu. Die Stützen mussten ausgetauscht werden, die Fundamente unterfangen, die Dachbeläge waren kontaminiert, es gab Probleme mit der Statik - „man wundert sich, dass das Ding überhaupt so lange gehalten hat". Der Großteil der 100 bis 150 Millionen Euro Mehrkosten beim Bau sei in die Großmarkthalle geflossen, sagt der Projektleiter.

Frankfurt - Nicht ohne Tücken ist der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB). Nach drei Jahren Bauzeit geht die neue Zentrale der EZB im Frankfurter Ostend auf die Zielgerade.

Schwebendes Glas und wegsackende Fundamente - Wie wird aus flachen Scheiben eine geschwungene Fassade? Wie lange dauert es, 37 Kilometer Fugen auszukratzen? Die spannendste Frage aber ist: Ist der Neubau der EZB schon beim Einzug zu klein? Der Rohbau ist fertig, die Türme sind verglast, in den unteren Stockwerken hat der Innenausbau begonnen. In der ersten Hälfte des nächsten Jahres soll der Bau fertig sein.

Architekt Wolf Prix vom Wiener Büro Coop Himmelb(l)au demonstrierte am Donnerstag, wie er auf die prägnante Form kam, die das neue Wahrzeichen der EZB wird: Man nehme ein rechteckiges Hochhaus, teile es durch einen geschwungenen Schnitt in zwei Hälften und setze die beiden glatten Seiten aneinander. So entsteht eine gebogene Außenfassade wie man sie aus Kraftwerks-Kühltürmen kennt.

6.000 Fassadenteile verkleiden den Doppelturm

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Das sieht elegant aus, bringt aber nicht wenige Probleme mit sich, zum Beispiel für die Fensterbauer. 6.000 Fassadenteile verkleiden den 185 Meter hohen Doppelturm. Die Elemente bestehen aus zwei hintereinanderliegenden Glasflächen mit Lamellen dazwischen. Die Bauteile sind alle gleich, die Drehung entsteht in den Fugen, weiß der zuständige Ingenieur Michael Lange. Am schwierigsten waren die Ecken, kein Element gleicht dem anderen. "In dieser scheinbar einfachen Fassade steckt eine Menge Brainstroming", sagt Lange.

Noch schwieriger gestaltet sich der Umbau der denkmalgeschützten ehemaligen Großmarkthalle. Das 1926 bis 1928 errichtete Gebäude ist länger als der Neubau hoch. Bei der Erneuerung der Klinkerfassade wurden nicht weniger als 37 Kilometer Fugen ausgetauscht, rechnet Johann Böhm vor. Beim Erneuern der kleinteiligen Fenster habe man mit dem Denkmalschutz "um jeden Millimeter gerungen".

Fundamente sackten weg - Zustand der Markthalle unterschätzt

Den Zustand der Halle habe man unterschätzt, gibt Projektleiter Thomas Rinderspacher zu. Die Stützen mussten ausgetauscht werden, die Fundamente unterfangen, die Dachbeläge waren kontaminiert, es gab Probleme mit der Statik - „man wundert sich, dass das Ding überhaupt so lange gehalten hat". Der Großteil der 100 bis 150 Millionen Euro Mehrkosten beim Bau sei in die Großmarkthalle geflossen, sagt der Projektleiter.

Da waren die statischen Probleme des Neubaus vergleichsweise leicht zu lösen. Durch die Zweiteilung des Turms könnten die beiden Hälften dem Wind nicht standhalten. Sie wurden durch drei begehbare Plattformen und diagonale Fachwerkträger verbunden, um sich gegenseitig Halt zu geben, wie Statiker Manfred Grohmann erklärt. Die Scheiben dieses „Atriums" müssen ihr eigenes Gewicht tragen, da sie an keinen Geschossen verankert werden können. "Das Gerüst sieht aus wie ein Urwald", beschreibt Grohmann den derzeitigen Zustand.

Mit der Bankenaufsicht wäre der EZB-Neubau zu klein

Die größte Herausforderung steht den Bauleitern aber noch bevor: die Anbindung der Großmarkthalle an die Neubauten. Sie sollen durch einen auf Stelzen schwebenden „Loop" aneinandergekoppelt werden. Auf dieser Schleife laufen die Mitarbeiter von den Konferenzräumen oben zu den Restaurants unten. Wie viele Menschen in dem Bau arbeiten werden, ist unklar. Kommt die europäische Bankenaufsicht zur EZB, wäre der Neubau möglicherweise schon beim Einzug zu klein.

Die Bauarbeiter jedenfalls werden von Monat zu Monat mehr. Vergangenes Jahr waren durchschnittlich rund 700 Menschen auf der Baustelle unterwegs, aktuell sind es schon über 1000 - je mehr Gewerke dazu kommen, desto mehr Menschen werden gebraucht. Derzeit haben die acht beteiligten Fensterfirmen Hochkonjunktur. Dann kommen die Techniker für Heizung, Wasser und dergleichen dazu, Fliesenleger und Teppichfirmen stehen schon in den Startlöchern. Nur die Möbelpacker haben noch ein paar Monate Zeit.

Rundgang über die EZB-Großbaustelle

Rundgang durch die EZB-Großbaustelle

dpa

Quelle: op-online.de

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