Bei Fachwerk sind Raketen diesmal tabu

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Die Dreieichenhainer Altstadt besteht fast ausschließlich aus mittelalterlichen Fachwerkhäusern. Trotzdem will die Stadt die neue Sprengstoffverordnung in diesem Jahr nicht mehr durchsetzen.

Offenbach ‐ Das Silvesterfeuerwerk könnte in Hessens Altstädten in diesem Jahr spärlicher als sonst ausfallen. Böllern verboten heißt es überall dort, wo Fachwerkhäuser in der Nähe sind.

So will es die geänderte Sprengstoffverordnung, die im Oktober bundesweit in Kraft getreten ist. Im Kreis Offenbach sind die Ordnungsämter allerdings übereingekommen, bei den Sicherheitsvorkehrungen an diesem Jahreswechsel noch alles beim Alten zu belassen. Entsprechend stehen Appelle an die Vernunft der Bürger im Vordergrund. Generell bewerten die Verantwortlichen die Neuregelung skeptisch. Man sieht sich teilweise überfordert, das Verbot zu kontrollieren; mancherorts hat die Verwaltung die Änderung der Sprengstoffverordnung noch nicht so recht mitbekommen. Allenfalls in Seligenstadt wurde ein klares Feuerwerks-Verbot für die Altstadt ausgesprochen.

Das ist eine gesetzliche Vorgabe, die gilt es einzuhalten“, stellt der Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, Diedrich E. Backhaus, fest. Zusätzliche Kracher-Kontrollen wird es in den meisten übrigen hessischen Städten und Gemeinden aber wohl nicht geben. Die Kommunen konzentrieren sich darauf, Bürger über die Regelung zu informieren. Bei Verstößen drohen immerhin mitunter saftige Bußgelder.

Brandschutz soll erhöht werden

Vor Verstößen gegen Feuerwerksverbote warnt der Verbraucherschutzverein „Wohnen im Eigentum“: „Wer sich fahrlässig verhält oder gegen bestehende Gesetze und Verordnungen verstößt, muss in der Regel für den Schaden haften“, betont Rechtsreferentin Sandra Weeger-Elsner.

Neben Krankenhäusern, Kinder- und Altenheimen war das Abschießen von Raketen schon länger tabu. „Seit dem 1. Oktober 2009 ist auf Wunsch der Bundesländer auch das Abbrennen von Feuerwerk in unmittelbarer Nähe von Reet- und Fachwerkhäusern verboten“, erklärt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Dadurch soll der Brandschutz erhöht werden. Die genaue Größe der Böller-Bannmeilen können die Kommunen selbst festlegen. Marburg etwa verbietet Feuerwerk in seiner gesamten historischen Oberstadt.

Auch in Babenhausen gibt es keine Sperrzone

In der Region bleibt man indessen reserviert. Die neue Verordnung lese sich zwar auf dem Papier gut, „kaum eine Stadt weiß aber, wie sie das umsetzen soll“, sagt Dietzenbachs Stadtbrandinspektor Matthias Marx. Auch in der Dietzenbacher Altstadt gibt es ein paar Fachwerkhäuser, doch „die Polizei hat in der Silvesternacht anderes zu tun, als zu kontrollieren, wer wo Raketen zündet“. Es fehle schlicht das Personal für solche Kontrollen, meint Marx. „Mehr als die Leute zu sensibilisieren, ist hier nicht machbar.“ Die gleiche Einschätzung vertritt man in Langen.

Die Stadt Hanau hat zwar gestern öffentlich auf die gesetzliche Neuregelung hingewiesen. Mehr Initiative von dieser Stelle gibt es aber nicht. Explizite Feuerwerk-Verbote für gesamte Bereiche wie etwa die Steinheimer Altstadt spricht die Stadt nicht aus. Stadt-Sprecherin Güzin Langner erklärt, das Verbot werde nicht explizit überwacht. Dies sei auch nicht möglich.

Auch in Babenhausen gibt es keine Sperrzone. Sicher werde man Gespräche führen, wie das Gesetz umgesetzt werden könne, doch bislang ist dies nicht geschehen. Verbote für die Altstadt gebe es nicht, heißt es.

Auch in Dieburg verweist das Ordnungsamt aufs kommende Jahr. Für Silvester 2009 werde es keine Feuerwerk-Reglementierung oder Sperrzonen in der mittelalterlichen Altstadt geben. „Es wird zwar nicht ständig explizit kontrolliert, aber es ist dennoch verboten und strafbar“, verlautet es aus dem Rathaus.

Ordnungsämter im Kreis reagieren erst 2010

An die Vernunft der Bürger appelliert Heusenstamms Ordnungsdezernent, Erster Stadtrat Uwe Michael Hajdu. Der alte Teil der Schlossstadt besteht zu einem großen Teil aus Fachwerkhäusern. Die Anwohner sollten an sichere Plätze außerhalb dieser Straßen gehen.

Obwohl die Dreieichenhainer Altstadt geprägt ist von einer Vielzahl Fachwerkhäuser, spielt die Neufassung der Sprengstoffverordnung in Dreieich in diesem Jahr noch keine Rolle. Hauptamtsleiterin Britta Graf verweist auf eine Übereinkunft aller Ordnungsamtsleiter im Kreis Offenbach, wegen der Kürze der Zeit zwischen neuer Verordnung und Neujahr alles beim Alten zu lassen und erst 2010 ein Augenmerk darauf zu werfen, wo Feuerwerkskörper abgebrannt werden.

Seligenstadt allerdings demonstriert Härte. Der Appell von Bürgermeisterin Dagmar B. Nonn-Adams und Erster Stadträtin Claudia Bicherl lässt an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig: „Kein Silvesterfeuerwerk in der Altstadt.“ Das gelte für die engen Gassen in unmittelbarer Nähe zu den Fachwerkhäusern, aber auch für Markt- und Freihofplatz. „Die Seligenstädter Gewohnheiten werden sich ändern müssen. Verstöße werden geahndet.“

Wir sind natürlich verpflichtet, das Bundesgesetz zur Kenntnis zu nehmen und ihm nachzukommen“, sagt weiter im Norden des Hessenlandes Marburgs Sprecher Rainer Kieselbach. Das Gesetz schaffe keine neue Situation. Marburg sei wegen seiner vielen und eng stehenden Fachwerkhäuser schon immer sensibilisiert gewesen für die Feuergefahren. Bislang habe es auch keine schlimmeren Brände gegeben.

Einhaltung des Gesetztes sei kaum zu kontrollieren

Der Sprecher Limburgs, Wolfgang Becker, sieht hingegen Probleme: „Die Verordnung wird den Bürgern nur schwer zu vermitteln sein.“ Insbesondere den Altstadtbewohnern, die Raketen nicht mehr vor ihren Haustüren in den Himmel jagen dürften. Becker glaubt, dass die Einhaltung des Gesetzes kaum zu kontrollieren ist. Mit dieser Meinung steht er nicht allein da. „Wir können nicht vor jedes Haus eine Brandwache stellen“, betont Marburgs Sprecher Kieselbach. Auch die Polizei hält eine Kontrolle für schwierig. Sonder-Streifen wird es nicht geben, sagt ein Sprecher.

Die Ordnungsämter der Fachwerkstädtchen Rotenburg an der Fulda, Michelstadt im Odenwald, Korbach oder in Wetzlar wollen ihre Mitarbeiter ebenfalls nicht verstärkt durch ihre Altstädte ziehen lassen. Personell sei das nicht zu stemmen. In der Vergangenheit, da sind sich alle Städte einig, hätten sich die Bürger zumeist verantwortungsbewusst verhalten.

(dpa/red.)

Quelle: op-online.de

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