Auch Drogen oder Alkohol sind ein Motiv

Fahrerflucht: Eine Art Flucht vor der Realität

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Der Schaden ist häufig hoch, und der Verursacher fürchtet oft die Heraufstufung der Versicherung.

Frankfurt - Beim Parken vor dem Supermarkt, nachts auf der Landstraße, vielleicht nach einem Glas Bier zu viel, vielleicht auch, weil man zu schnell unterwegs war - immer mehr Menschen machen sich auf und davon, nachdem sie einen Unfall verursacht haben. Von Maximilian Koch

Längst ist Unfallflucht zu einem alltäglichen Problem geworden. Nach Schätzungen des Auto Club Europa (ACE) werden bundesweit jedes Jahr mindestens 500 000 Menschen Opfer einer Unfallflucht. Denn nach Ansicht der Experten liegt die Zahl sogar höher: Da im Schnitt nur jeder zweite Fall aufgedeckt wird, sparen sich viele der Betroffenen die Anzeige bei der Polizei.

Auch in Hessen machen sich immer mehr Autofahrer nach einem Unfall aus dem Staub. Die Aufklärungsquote lag 2012 bei 40 Prozent, wie aus dem Verkehrsbericht des hessischen Innenministeriums hervorgeht - zwölf Punkte höher als noch 2009. Allerdings erhöhte sich im selben Zeitraum die Zahl der Unfallfluchten von 37 510 auf 38 716. Insgesamt entfernten sich 2012 in 29 Prozent aller von der Polizei aufgenommenen Verkehrsunfälle die Verursacher unerlaubt vom Unfallort. Im Stadtgebiet Frankfurt sieht es sogar noch schlimmer aus: Laut Zentralem Verkehrsunfalldienst der Polizei wurde 2009 bei 34 Prozent aller Verkehrsunfälle „unerlaubtes Entfernen vom Unfallort“ festgestellt; 2012 stieg die Zahl auf 36,7 Prozent. Gleichzeitig sank die Aufklärungsquote von 48,1 Prozent auf 42,4. Was aber bringt Autofahrer dazu, nach einem Unfall einfach abzuhauen?

„Angst spielt bei der Unfallflucht eine entscheidende Rolle“

„Angst spielt bei der Unfallflucht eine entscheidende Rolle“, sagt die Verkehrspsychologin Claudia Tinthoff. „In einigen Fällen soll eine Drogen- oder Alkoholfahrt verdeckt werden.“ Generell könne man ein unerlaubtes Entfernen von der Unfallstelle als Impulshandlung bezeichnen: „Es geht um das Nicht-Tragen-Wollen von Verantwortung. Dafür muss man der Typ sein. Vielleicht hat man schon in der Kindheit gelernt, vor Dingen wegzulaufen.“

Sofern eine bewusste Unfallflucht bewiesen werden kann, hat das Weglaufen Folgen. Denn nach Paragraf 142 des Strafgesetzbuches handelt es sich dann um ein Vergehen, das im schlimmsten Fall eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren nach sich ziehen kann. „Mir sollte bewusst sein, dass ich eine Straftat begehe, sobald ich eine Unfallstelle unerlaubt verlasse“, betont ADAC-Jurist Markus Schäpe.

Falls sich der Unfallflüchtige nicht an diese Regeln hält, ihn aber kurz darauf sein schlechtes Gewissen plagt, gibt es zumindest noch einen kleinen Ausweg: Der Begriff „Tätige Reue“ bezieht sich auf eine Strafmilderung, sofern man sich innerhalb von 24 Stunden bei der Polizei meldet. Doch auch hier gilt: Die Strafe hängt von der Höhe des Schadens ab.

„Bei Sachschäden bis zu 600 Euro wird das Verfahren in der Regel gegen eine Ausgleichszahlung eingestellt“, sagt Schäpe. Ab etwa 1300 Euro droht aber der Verlust des Führerscheins. Werden Menschen verletzt, können die verhängten Strafen deutlich höher ausfallen.

Bei einem Großteil der Unfallfluchten geht es um Bagatellschäden. In Hessen wurde im Jahr 2012 in 95 Prozent aller Fahrerfluchten nur Materielles beschädigt. Was sich zunächst nach einer Kleinigkeit anhört, entpuppt sich beim Blick auf die finanziellen Folgen aber schnell als großes Ärgernis. „Schon ein kleiner Rempler kann erhebliche Kosten nach sich ziehen“, sagt Schäpe. „Dafür müsste das Bewusstsein in der Gesellschaft gestärkt werden, denn Reparaturen sind heutzutage sehr teuer.“

Kuriose Unfälle in der Region

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Die Realität sieht allerdings anders aus. Viele Unfallverursacher machen sich einfach aus dem Staub - auch um eine Heraufstufung in der eigenen Haftpflichtversicherung zu verhindern. Doch gerade in diesem Punkt liegt laut Schäpe ein „Denkfehler“ vor. Demnach verletzt man seine Aufklärungspflicht, wenn man sich unerlaubt vom Unfallort entfernt. Als Folge übernehme die Haftpflichtversicherung zwar zunächst die Kosten für einen Geschädigten, später verlange sie diese aber vom Unfallverursacher zurück. Deshalb „lohne“ sich eine Unfallflucht in keiner Weise, sofern sie vor Gericht festgestellt werden kann.

Doch das sei in vielen Fällen schwierig. „Dem Beschuldigten muss erst einmal nachgewiesen werden, dass er den Unfall bemerkt hat und dann vorsätzlich geflüchtet ist.“ Da dies nicht immer gelinge, bleibe ein „erhebliches Dunkelfeld“ an Unfallfluchten ohne Konsequenzen - zumindest für den Verursacher. Der Geschädigte hingegen muss zusätzlich zu den unmittelbaren Unannehmlichkeiten die Kosten allein tragen.

dpa

Quelle: op-online.de

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