AfE-Turm in Bockenheim wird abgerissen

Der Fall eines Symbols

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Noch prägt der AfE-Turm das Stadtbild des Uni-Viertels Bockenheim. Rechts vorne: das Senckenbergmuseum.

Frankfurt - Der Abriss des AfE-Turms ist seit mehreren Monaten in vollem Gange. Noch steht die graue Betonfassade. Das Gebäude wird nach und nach ausgehöhlt, bevor es in den nächsten 10 bis 12 Monaten dem Erdboden gleich gemacht wird. Von Christina Lenz

Der Abriss sorgt derweil immer noch für Kontroversen. Für einige ist das Gebäude ein graues Betonmonstrum, für andere das kämpferische Symbol einer demokratischen Hochschulkultur. Frank Junker, Chef der städtischen Immobilienfirma ABG-Holding, bezeichnet das Hochhaus schlicht als einen „Störfaktor im Stadtbild“.

Die AGB Holding hatte das Gebäude vor zwei Jahren vom Land Hessen erworben. Das Areal soll in Zukunft zum Bockenheimer Großprojekt „Kulturcampus“ gehören, das die Stadt schon seit einiger Zeit als künftiges „Panorama der Kreativität“ bewirbt, wo Tänzer, Musiker und andere Kulturschaffende ausgebildet werden.

Schon beim Kauf stand Abriss fest

Schon beim Kauf des Hochhauses stand sein Abriss fest. Eine künstlerische Zwischennutzung mit Ausstellung und Symposium war kurzfristig aus finanziellen und sicherheitstechnischen Gründen abgesagt worden. Langfristig ist auf dem Gelände eine gewerbliche Nutzung vorgesehen. „Geschäfte und Gastronomie sollen sich hier ansiedeln. Dafür wäre der Turm nicht geeignet gewesen war“, erklärt Junker den Abriss des grobschlächtigen Turms, der in den vergangenen vier Jahrzehnten viel Fein- und Freigeist in der Wissenschaft beherbergt hat.

Das ehemalige Universitätsgebäude ist ein architektonisches Erzeugnis des sogenannten „Brutalismus“, einer beliebten Bauweise der frühen 60er Jahre. Hier liegt die Planungsphase für das damals höchste Hochhaus der Stadt. Viel Beton und harte geometrische Formen zeichnen den Stil aus. Der Turm wurde dementsprechend oft als nichtssagend und hässlich beschimpft. Doch eines war er nie: beliebig.

Kämpferisches Flair

Schon als 1972 der Einzug von Gesellschafts- und Erziehungswissenschaftlern stattfand, stand das Hochhaus für eine andere Universitätskultur: Selbstbeteiligung der Studenten, kritische Wissenschaft und politische Einflussnahme wurden hier erstmals durchgesetzt. Noch bis hinein ins neue Jahrtausend versprühte der Turm dieses kämpferische Flair. Noch 2006 war er Zentrum von Studentenprotesten gegen Studiengebühren und Bologna-Reform. „Am Turm haben sich Spuren der Politisierung der Wissenschaft bis heute erhalten, was sich etwa in Graffitis oder offen zugänglichen Seminarräumen ausdrückt“, heißt es in einem studentischen Text anlässlich des geplanten Turmabrisses.

Viele Studenten trauern dem Betonriesen und dem, wofür er stand, schon jetzt hinterher. Ein Student, der seit einiger Zeit auf dem Campus Westend arbeitet, erklärt die zunehmende Turm-Nostalgie: „Der Turm war ein guter Kontrast zum Campus Westend. Er war ein Ort offener Universitätskultur und kritischer Gesellschaftswissenschaften, die auf dem neuen Campus so nicht mehr stattfinden“, meint der angehende Politikwissenschaftler. „Die politische Kultur mit Plakaten, Flyern, Graffitis und selbstverwalteten Studentencafés ist auf dem neuen Campus nicht mehr gewollt“, resümiert er.

Turm ist bei vielen Studenten Kult

Er scheint mit seiner Meinung nicht alleine dazustehen: Der graue Turm ist inzwischen bei vielen Studenten Kult. Sie drucken ihn auf Jute-Taschen, auf Aufkleber und widmen ihm Graffitis. Der Turm avanciert so zum Symbol einer politischen Kultur, die gegen den Campus Westend als Ort von Effizienz und Elite Stellung bezieht.

Für manche gibt es noch weitere Gründe, den Turmabriss zu bedauern. Eine Studentin meint: „Der Turm ist nach und nach zum Wahrzeichen für Bockenheim geworden.“ Zwar sei das Bauwerk keine Schönheit, „aber wo kommen wir hin, wenn wir alles, was gerade aus der Mode ist, abreißen. Dann geht die ganze Vielfalt der Architektur verloren und es regiert ein Einheitsbrei auf der Höhe der Zeit“, meint sie. Unter den neuen Studenten, die die alte Universitätskultur nicht mehr kennen, gibt es auch andere Stimmen: „Äußerlich ist der Abriss zu befürworten“, meint einer von ihnen schlicht.

Bilder vom Umzug

Uni-Campus Bockenheim zieht um

Bald werden die Spuren aus der Zeit eines lebendigen, kritischen und engagierten Studentenlebens im grauen Turm zu Bockenheim verwischt sein. Ein neuer Hochhausbau auf dem Areal wird von den Planern des Kulturcampus allerdings nicht ausgeschlossen. Ein Architekturwettbewerb im nächsten Jahr soll die Weichen für die neue Bebauung stellen.

Quelle: op-online.de

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