Konzert in der Jahrhunderthalle

Farin Urlaub mit Familienunterhaltung und Rampensau-Rock

Frankfurt - Die Anarcho-Punker von damals sind älter geworden. Gediegene Familienväter in schwarzen Shirts, unterm Ärmel lugt das Totenkopf-Tattoo. Auf den Schultern groovt der Nachwuchs. Von Eva-Maria Lill

Die Textzeilen sitzen, und selbst mit Männerhandtasche lässt es sich zu „Zehn“ herrlich lässig springen. Im Moshpit schubsen Halbstarke gegen Grauhaarige, darüber tanzt ein zerknautschter Herzchen-Luftballon. Ärzte-Frontmann Farin Urlaub ist mittlerweile 51 und vielleicht ein bisschen erwachsener geworden. Zweieinhalb Stunden beschäftigt er die ausverkaufte Jahrhunderthalle mit Rampensau-Rock und Familienunterhaltung. „Es besteht keine Gefahr für die Öffentlichkeit“, heißt seine Solo-Tour. Das Racing Team sorgt für den satten Sound: elf Musiker, darunter vier Bläser und vier Background-Sängerinnen. Eine Prise Reggae, etwas Ska und ganz viel ohrwurmtaugliche Schrummelmusik: Das Rezept geht auch nach Jahren auf. Zwischen schwarzgekleideten Mithüpfern stinkt es nach echtem Autonomen-Schweiß, die intelligent-bekloppten Nonsense-Texte lassen sich immer noch fantastisch mitgröhlen. Farin Urlaub trinkt zwischen Songs gemütlich eine Tasse Tee.

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Punkt 20 Uhr geht es los, ohne Vorband, ohne Geplänkel, mit viel erfrischender Ehrlichkeit: „Gute Abend! Ich will euch nicht vorlügen, dass ich Frankfurt schön finde“, grüßt Farin Urlaub und schickt sein markantes, pfeilschnelles Grinsen hinterher. Den Anfang macht „Was die Welt jetzt braucht“ vom aktuellen Album „Faszination Weltraum“, mit „Glücklich“ und „Ich gehöre nicht dazu“, folgen zwei Klassiker des 2002 gegründeten Solo-Projekts. Spätestens bei „1000 Jahre schlechten Sex“ tanzt auch die Tribüne, bei „Alle Dasselbe“ verwandelt sich das Konzert in eine Mitmach-Pantomime.

Friedenspapst, Hobbydiktator, selbstironischer Querphilosoph: Die Fans danken Farin Urlaub seine Unberechenbarkeit. Über 30 Jahre Bühnenerfahrung könnten zu Routine verleiten, der gebürtige Berliner hält mit spontan umgedichteten Versen und urkomischen Blödeleien dagegen. Dazu kommt die gelungene Mischung von volkstümlichen Tuba-Klängen („Zehn“), mit Gothic-Charme angeheizten A-cappella-Einlagen („Leiche“) und Feuerzeug-Herzschmerz („Das Traurigste“). Einzig die Stimmung hätte ein wenig ausgelassener sein können. Aber: „Wir sind hier in Frankfurt. Da nimmste eben, was du kriegen kannst.“

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Quelle: op-online.de

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