Faust: Eine teuflisch gute Story

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Der unzufriedene Doktor und sein Pakt mit dem Teufel - Goethes Faust.

Frankfurt - Am 28. August jährte sich der Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe zum 260. Mal. Als sein berühmtestes Werk gilt das Drama „Faust“. Es greift auf die historische Gestalt des Dr. Faustus zurück und stellt eines der bedeutendsten und meistzitierten Werke der deutschen Literatur dar. Von Sonja Thelen

Auch der Frankfurter Bildhauer Peter Moosmann hat den Goethischen Faust gelesen. Nein, nicht nur einfach gelesen, geradezu verschlungen hat er ihn unzählige Male und seine Liebe zu dieser ruhelosen wie zerrissenen Hauptfigur entdeckt, die schließlich den diabolischen Pakt eingeht und Mephisto im Gegenzug gegen Durchblick und Rausch seine Seele verspricht.

So intensiv habe er sich mit der Tragödie auseinander gesetzt, dass er heute von sich sagen könne, jede Passage auswendig zu kennen, erzählt der renommierte Künstler.

Lange Zeit dachte der heute 71-Jährige, nur Frankfurts Dichtersohn habe sich mit Faust befasst. Doch weit gefehlt. Der Fauststoff hat unzählige Schriftsteller, Historiker, Künstler, Filmemacher und Komponisten aus aller Herren Länder inspiriert, wie Moosmann im Verlauf der vergangenen fast vier Jahrzehnte feststellen musste. Denn in dieser Zeit hat er seine beachtliche Faust-Sammlung aufgebaut, die aus mehr als 1700 Teilen besteht, vor allem aus Büchern, aber auch aus Illustrationen, Faust- und Mephistofiguren, Tonträgern, Filmen, Briefmarken, Notgeld mit Faust-Motiven und Sammelbildern von Schokoladen- und Zigarettenfirmen.

„Faust-Katalog“ entwickelt

Im Laufe der Jahre kam eine so beachtliche und einzigartige Sammlung zusammen, dass er bei sich in seiner alten Wohnung dafür keinen Platz mehr hatte. Seine Idee, die Exponate der Stadt Frankfurt zu vermachen, schlug indes fehl. Sein Freund Hasso Böhm kaufte ihm die Sammlung ab, als er in eine kleinere Behausung umzog. Im Jahre 2001 erwarb schließlich die Stadt Knittlingen in Baden-Württemberg die Sammlung. „Sinn und Ziel des Kaufes war es, die außergewöhnliche Faust-Sammlung Moosmann-Böhme dem Fundus des europäischen Kulturgutes in einer geeigneten Institution am Geburtsort des historischen Faust langfristig zu erhalten“, schreibt Heinz-Peter Hopp, Bürgermeister der Fauststadt Knittlingen, im „Faust-Katalog“. Diesen hat Peter Moosmann in Zusammenarbeit mit dem Faust-Museum und dem Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg erstellt und im vergangenen Jahr veröffentlicht. Der Katalog führt sämtliche Stücke seiner Sammlung samt Beschreibung auf.

Mit einer Reclam-Ausgabe von Goethes Faust fing alles an. Peter Moosmann war von der Figur so fasziniert, dass er fortan alles sammelte, was mit dem unzufriedenen Doktor und seinem Pakt mit dem Teufel zu tun hatte.

Zu sehen ist die Ausstellung seit 2002 in der ehemaligen Lateinschule, die sich direkt neben dem Geburtshaus von Johann Faust befindet – wie ein Kaufvertrag aus dem Jahr 1542 belegt. Im Jahre 1480 kam der wandernde Magier, Astrologe und Arzt in Knittlingen zur Welt. Laut der Sage, die der Frankfurter Verleger und Buchdrucker Johann Spieß 1587 erstmals gedruckt hat, und die Goethe von einer anonymen Schrift her gekannt haben soll, war Johann Faust der Sohn eines Bauern, der Theologie studiert und den Doktorgrad erworben hatte. Er war ruh- und rastlos, dürstete nach Erkenntnis, die ihm letztendlich der Teufel versprach. Sie schlossen einen Vertrag, der mit Fausts Blut unterschrieben wurde. Der Teufel versprach, ihm 24 Jahre zu dienen und forderte dafür Fausts Seele. Um 1540 – so die Sage – soll Faust in Staufen im Breisgau vom Teufel geholt worden sein.

Gesamtheit der Faust-Sammlungen an einem Ort

Eine Geschichte, die seit über 450 Jahren die Menschen in ihren Bann zieht und fasziniert. Und so stehen „nicht einzelne Faust-Interpretationen im Zentrum der Arbeit des Hauses, sondern die Gesamtheit der Faust-Interpretationen und Faust-Darstellungen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart sind an einem Ort gebündelt und werden der Forschung zugänglich gemacht“, erklärt Hopp. Daher komme der Sammlung Moosmann-Böhme eine ungeheure Bedeutung zu.

Dabei hatte Moosmanns Sammelleidenschaft damals, in den frühen 1970er Jahren relativ harmlos begonnen, „Wie die meisten anderen hatte ich Goethes Faust als Reclam-Ausgabe gelesen.“ Aber dann stieß er in Mainz in einem Antiquariat auf einen Folianten von Johann Wolfgang von Goethe „Faust der Tragödie erster Teil mit Stahl- und Kupferstichen von Alexander Liezen-Mayer“ und kaufte ihn. Durch diese bildliche Darstellung erschloss sich ihm der Stoff auf eine neue Weise. Von da an hatte ihn die Sammelleidenschaft gepackt. Er beschloss, „illustrierte Faust-Ausgaben zu sammeln, ohne zu wissen, was da auf mich zukommen sollte“. Denn Goethes Faust zählt zu den meist illustrierten Werken der Weltliteratur.

Als hätte er die Büchse der Pandora geöffnet

Bei der selbst auferlegten Beschränkung blieb es indes nicht lange. Es war, als hätte Moosmann die Büchse der Pandora geöffnet. Auf einer Reise nach Paris entdeckte er „Le docteur Faustus“ von Thomas Mann, die sechste Ausgabe von 15 gedruckten Exemplaren, erschienen 1950. So stieg er auch in den Kauf wichtiger, aber nichtillustrierter Faust-Ausgaben ein. Unterstützt bei seiner Passion wurde er von seinem in Zürich lebenden Freund Hasso Böhm, der ihn ebenso mit allem Möglichen versorgte, was mit Faust zu tun hatte.

Moosmann selbst begann, in Frankfurt oder bei Reisen Antiquariate nach Faust-Ausgaben zu durchstöbern, reiste auf Antiquariatstage und war in diesen Kreisen für seine Leidenschaft bald sehr bekannt. Sehr seltene und wertvolle Exemplare wurden ihm angeboten, deren Anschaffung ihn durchaus vor finanzielle Probleme stellte. Irgendwann entdeckte er die Faust-Bibliographien und musste erkennen, wie umfassend sich Germanisten mit dem Fauststoff befasst hatten. Vor allem die Faust-Neuschöpfungen nach der ersten Drucklegung von Spieß 1587 reizten Moosmann.

Sammlung mit Büchern, Illustrationen und Musik

Neben den gut 1000 Büchern, die sich heute in seiner Sammlung befinden, kamen im Lauf der Jahre noch 670 Bilder und Illustrationen, Musik sowie 20 Filme hinzu. Auch umfasst seine Sammlung 42 Mephisto- und Faustfiguren. Wobei ihn auf die erste Mephisto-Figur seine Tochter Patricia aufmerksam machte. Das Objekt stand in einem Trödelladen in Wiesbaden, 74 Zentimeter hoch und aus Ton gebrannt. 450 Mark habe er damals für sie bezahlt. „Für meine erste Mephistofigur noch sehr preiswert.“

All das erzählt Peter Moosmann im Gespräch in seiner hellen Dachwohnung im Frankfurter Nordend. Obwohl er einen Großteil seiner Stücke weggegeben hat, gibt es überall in seinem Appartement Faust-Devotionalien zu entdecken. Dicke Folianten, Bibliographien aber auch Zeichnungen, Gemälde und Figuren. Denn natürlich hat sich der Bildhauer und Maler auch künstlerisch mit Faust und Mephisto auseinandergesetzt. Davon zeugen die Arbeiten in seiner Wohnung wie das „Hexenlatein“. Seine Lieblingsfigur ist indes eine Figur, die Mephisto darstellt: Sie zeigt einen goldenen Kopf mit tiefschwarzen Haaren, eine Hakennase, herabhängende Mundwinkel, spitze Ohren und ein langgezogenes, spitzes Kinn. Die Augen sind ein kaltes, gefühlloses Blau. So also stellt sich Peter Moosmann Mephisto vor. „Ja, denn von ihm gibt es ja kein Bild oder Foto. Wie er ausgesehen hat, weiß niemand. Das bleibt der Phantasie überlassen. Der Teufel kann in jedem stecken.“

Quelle: op-online.de

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