Feingeist gegen Radau

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Der Paradieshof in Sachsenhausen soll renoviert und in ein Theater umgewandelt werden.

Frankfurt ‐ Die Reiseführer versprechen schmale Gässchen und lauschige Kneipen - „German Gemutlichkeit“ eben. Doch gemütlich geht es in Alt-Sachsenhausen kaum noch zu. Das berühmte Kneipenviertel ist verwahrlost.  Von Christian Riethmüller

Abends krakeelen Betrunkene um die Wette und gegen die laute Musik aus den Absturz-Kneipen an, die vielerorts die traditionellen Apfelweinwirtschaften verdrängt haben. In den kopfsteingepflasterten Gassen herrscht eine latent aggressive Stimmung, die sich bisweilen in Schlägereien und Messerstechereien entlädt. Wer darum weiß, meidet Alt-Sachsenhausen. Und Touristen möchte man dort guten Gewissens auch nicht hinschicken. Das Viertel ist ein Sanierungsfall. Doch das ist nicht neu. Schon 2001 hat die Stadt Frankfurt ein Förderprogramm für Alt-Sachsenhausen aufgelegt, mit dem der Stadtteil in ein Quartier umgewandelt werden soll, in dem es sich wohnen, leben und amüsieren lässt. Mit Zuschüssen werden Hauseigentümer unterstützt, die ihre Gebäude sanieren und Wohnraum schaffen. Von etwa 130 betroffenen Häusern sind seitdem über 50 instandgesetzt, die Klappergasse und die Paradiesgasse neu gepflastert und einige Brunnen neu gestaltet und beleuchtet worden. Das klingt nach einer erfolgreichen Aufwertung des öffentlichen Raums, der freilich auch immer wieder von Menschen verunreinigt wird, die im betrunkenen Zustand nicht mehr Herr ihrer Sinne und auch nicht mehr ihrer Muskulatur sind.

"Paradieshof" wird Spielstätte für die "Fliegende Volksbühne Frankfurt"

Gegen diese Radaubrüder soll nun ein Feingeist ins Rennen geschickt werden, um der Rettung des Viertels Auftrieb zu geben. Die Stadt hat in der Paradiesgasse den leerstehenden „Paradieshof“ gekauft. Das Gebäude soll renoviert und in eine Spielstätte für die „Fliegende Volksbühne Frankfurt“ des vielseitigen Schauspielers, Kabarettisten und Regisseurs Michael Quast (siehe nebenstehendes Interview) umgewandelt werden. Spätestens 2013, so der Wunsch des Frankfurter Kulturdezernenten Felix Semmelroth (CDU), soll Quast im Paradieshof sein Domizil gefunden haben. Allerdings muss die Stadtverordnetenversammlung erst noch entscheiden, ob Frankfurt ein zweites Volkstheater, diesmal dribbdebach, bekommt.

Entschieden ist dagegen die künftige kulturelle Nutzung eines unweit des Paradieshofes gelegenen Gebäudes. Der hinter dem Haus der Jugend stehende Kuhhirtenturm, ein spätgotischer Wehrturm aus dem 15. Jahrhundert, wird derzeit renoviert. Dort soll bis November dieses Jahres eine Erinnerungsstätte mit Dauerausstellung für den in Hanau geborenen Komponisten Paul Hindemith eingerichtet werden, der von 1923 bis 1927 in dem Turm lebte. Im Dachgeschoss des Turms richtet die Hindemith-Stiftung „Frankfurts kleinsten Konzertsaal“ ein. In dem Kammermusikraum, in den vor kurzem ein Klavier gehievt wurde, haben maximal 30 Personen Platz.

Für all die Neuauflagen der Reiseführer: Das ist dann wirklich ein lauschiges Plätzchen.

Quelle: op-online.de

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