Feste Wände und ein Dach überm Kopf

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Peter Hofmann in seinem Laden „Raus aus dem Keller“ in der Großen Friedberger Straße nahe der Konstablerwache. Auf den Regalen im früheren Kaufhaus Helberger warten nach seinen Angaben 20 000 Produkte auf Käufer.

Frankfurt - „Sie haben es noch nicht geschafft, uns kaputt zu kriegen“, sagt Peter Hofmann und behält Optimismus und Aufbruchsstimmung. Jammern ist nicht sein Ding – doch Ungerechtigkeit im Geschäftsleben kann der Unternehmer mit der originellen Idee, Flohmarkt- und Kaufhaus-Konzept zu verschmelzen, nicht leiden. Von Jens Dörr

Doch der Reihe nach: Hofmanns Geschäftsmodell „Raus aus dem Keller“ ist so einfach wie neu in der deutschen Unternehmenslandschaft. Es basiert auf Leuten, die privat etwas zu verkaufen haben und dem Unternehmer - Hofmann - der ihnen die Verkaufsflächen zur Verfügung stellt. Verkauft wird also von Privat an Privat, Hofmann bietet nur die Plattform. Auf die Idee kam er bei einem Umzug, als seine Freundin und er viele Dinge doppelt hatten, und die Wohnung aus allen Nähten platzte.

Michaela Loher hilft als Auszubildende dem Flohmarkt-Chef bei der Kundenberatung. Hier posiert sie mit einer bislang unverkäuflichen Magnum-Sektflasche.

Zuhause ausgemusterte Dinge werden aus dem Keller oder vom Dachboden geholt und ins Geschäft gebracht. Dort vermietet Hofmann seine Regale an die Verkäufer, die den Preis für ihre Produkte selbst festlegen. Er und sein Team registrieren diese und kümmern sich um die Abwicklung des Verkaufs. „Zu uns kommen sowohl zum Kaufen als auch zum Verkaufen alle möglichen Leute“, sagt Hofmann. „Da sind auch Ärzte und Banker dabei, das geht durch alle Einkommensschichten.“ Rund 200 verschiedene Verkäufer habe sein Frankfurter Geschäft, erklärt Hofmann, der einst Betriebswirtschaftslehre studierte. Aktuell befänden sich in Hofmanns Super-Flohmarkt 20 000 Produkte.

Noch nie hat jemand nichts verkauft

„Raus aus dem Keller“ eröffnete vor etwas mehr als einem Jahr auf der Ost-Zeil in Frankfurt und hatte in diesem Zeitraum rund 2000 Kunden, die dort 130 000 Waren anboten. „Angesichts der Produktfülle ist es eigentlich unglaublich - aber wir hatten noch nie jemanden da, der ein Regal gemietet und nichts verkauft hat“, sagt Hofmann. Das Risiko, bei „Raus aus dem Keller“ durch die eigenen Ladenhüter Verlust zu machen, sei also sehr gering.

Sofort nach Geschäftseröffnung stellte Hofmann mit der 25-jährigen Michaela Loher seine erste Auszubildende an, die die Käufer berät. „Eine enge Beziehung zu den Kunden ist mir wichtig, das ist hier anders als bei vielen anderen Geschäften im Einzelhandel“, sagt Loher. Neben ihr hat Hofmann drei weitere Mitarbeiter in Frankfurt und inzwischen auch in Aschaffenburg, wo er seinen ersten Ableger von „Raus aus dem Keller“ eröffnete. „Das funktioniert so gut, dass ich mich ständig nach weiteren Räumlichkeiten in der Region umschaue.“ Allerdings sei eine bestimmte Lage mit einer gewissen Kundenfrequenz für die Geschäfte notwendig, damit die Rechnung aufgehe.

Echtes Schätzchen: die Louis-Armstrong-Figur für 900 Euro.

Auch den Vertrieb als Franchise-Konzept kann Hofmann sich vorstellen. Aus diesem Anlass hätten sich schon Leute bei ihm informiert – „die waren vom Bodensee“. Vielleicht funkelten bei denen schon die Dollarzeichen in den Augen, weil der Vater der Idee neben den pauschalen Regalmieten auch bei bestimmten Umsätzen mit geringen Prozentsätzen beteiligt ist. Vielleicht hatten sie auch davon gehört, dass bei Hofmann bereits ein Bild für 2500 Euro über die Theke ging – das bisher am teuersten verkaufte Objekt. Unter den vielen skurrilen Dingen bei „Raus aus dem Keller“, die selbst weitgereiste Flohmarkt-Experten noch nicht gesehen haben dürften, befindet sich etwa eine Louis-Armstrong-Figur für 900 Euro (Hofmann: „Die stand mal in einem Hamburger Musikclub“) und so mancher Schnickschnack, den selbst Hofmann und Loher nicht zu bezeichnen wissen.

Kein echtes Schnäppchen mehr ist die Magnum-Flasche Champagner aus dem Jahre 1976, die schon seit einiger Zeit in einer Vitrine steht. Bei einem Kaufpreis von durch den Verkäufer festgelegten 2200 Euro kein allzu großes Wunder.

Wühltischfreunde und Anspruchsvolle finden fast alles

Ansonsten finden sowohl Wühltischfreunde als auch anspruchsvolle Einkäufer fast alles, was man irgendwann einmal gebrauchen könnte. CDs, DVDs, Häkeldeckchen, Taschen, Küchenmaschinen, Kinderspielsachen, Kleidung, Schuhe, Schmuck, aber auch Teppiche und Antiquitäten – außer Lebensmitteln und rechtlich Bedenklichem gibt es fast nichts, was es nicht gibt.

Nur leere Regale sind rar. Die Regalmieten liegen bei mindestens fünf Euro pro Woche, bei Textilien kostet das Zurschaustellen mindestens 50 Cent für 14 Tage. Wer in diesem Sammelsurium an Kuriositäten und allzu Alltäglichem zuschlägt, könnte schnell vom Flohmarkt-Fieber ergriffen werden. „Viele Käufer werden zu Verkäufern“, weiß Peter Hofmann.

Erfolgsgeschichte verlief nicht ohne Haken

Die Erfolgsgeschichte verlief nicht ohne Haken und Fußangeln. Schuld hieran war aus der Sicht Hofmanns die Stadt Frankfurt. Sein Laden „Raus aus dem Keller“ befand sich nämlich zunächst auf der östlichen Zeil im Kaufhaus „Expo Zeil“. Der Laden wurde gar als „verrücktestes Kaufhaus Frankfurts“ tituliert. Doch zunächst musste Hofmann wie auch die anderen Mieter in der „Expo Zeil“ einige Tage schließen, daraus wurden schließlich Wochen – und das alles schuldlos. Zumindest aus Hofmanns Sicht und aus Sicht der anderen Geschäftsleute in der „Expo Zeil“, die in den besten Zeiten 17 Läden beherbergte. Beim Frankfurter Liegenschaftsamt heißt es, die Geschäfte würden noch bis Ende Juni in der ehemaligen Stadtbibliothek geduldet. Die Untermieter müssten aber erst eine Räumungsverpflichtung unterschreiben, ehe sie wieder öffnen dürften. Man will sicher gehen, dass man das Gebäude auch wieder leer bekommt.

Vermutlich geht es ums Geld, glaubt Hofmann, während von der Stadt nur unklare Hinweise auf die laufenden Verhandlungen kommen. Der Vermieter, der das Geld von den Geschäften kassiert und selber Miete an die Stadt abführen muss, sei seiner Zahlungsverpflichtung gegenüber Frankfurt wohl nicht im vereinbarten Maße beziehungsweise rechtzeitig nachgekommen, wird gemutmaßt. So lässt Frankfurt die ehemalige Stadtbücherei erst einmal geschlossen.

Mehr Infos zum Kaufen und Verkaufen bei „Raus aus dem Keller“ gibt es auf der Homepage .

Hofmann greift sich an den Kopf. Warum in der Zeit der Verhandlungen die unbeteiligten Mieter ihren Geschäften nicht nachgehen durften, ist ihm ein Rätsel. „Ich verstehe ja, dass die vertragliche Situation bei der Stadt geklärt werden musste. Aber mir ist schleierhaft, warum man in der Zwischenzeit nicht die Geschäfte weitergehen ließ“, sagt Hofmann. Inzwischen hat der 43-Jährige die Konsequenzen daraus gezogen, dass die „Expo Zeil“ noch immer geschlossen ist. Er hat seine Sachen gepackt und ist mit „Raus aus dem Keller“ in die Große Friedberger Straße gezogen.

Quelle: op-online.de

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