Mit Feuer und „Red Bull“

+
Dergin Tobmak als „Hinkender Engel“ in der Cirque-du-Soleil-Produktion „Varekai“.

Frankfurt ‐ Der Mann mit dem muskulösen Oberkörper kriecht über die Bühne. Er zieht sich vorwärts, richtet sich auf, schnappt sich zwei Krücken, stemmt sich in den Handstand, dreht sich um seine eigene Achse, steppt, tanzt, verfällt in einen Wirbel bizarrer Figuren, zelebriert ein Spiel aus Balance und Schwerkraft, das die Zuschauer noch Stunden später nicht loslassen wird. Von Michael Eschenauer

Was ist ein Zirkusartist? Unser inneres Kino versorgt uns mit Bildern von wohlgestalteten, gelenkigen Menschen mit federnden Bewegungen, deren durch die Luft wirbelnde Körper im Licht der Scheinwerfer schimmern. Der 36-jährige Dergin Tobmak kommt in diesem Kopf-Kino erst mal nicht vor. Denn dieser Artist bindet die Blicke mit einer anderen Art der Ästhetik. Und er arbeitet perfekt: Der seit seinem ersten Lebensjahr infolge einer Polio-Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesene gebürtige Augsburger verkörpert beim kanadischen Cirque du Soleil, der mit seiner Produktion „Varekai“ in Frankfurt gastiert, den „Hinkenden Engel“. Das ist jene Figur, die dem mit schmelzenden Flügeln vom Himmel gefallenen, verletzten Ikarus seinen Lebensmut wiedergibt.

Lebensfreude pur: Der 36-jährige Dergin Tobmak hat es geschafft, zu einem Top-Artisten in einem internationalen Spitzenzirkus aufzusteigen.

In den großen Zirkus-Unternehmen mit globalen Tourneen gibt es praktisch keinen Artisten mit einer Körperbehinderung, der Dergins Level erreicht. Und die Kanadier sind die einzigen, die inmitten des Perfekten dem vermeintlich Unperfekten, dem menschlichen Makel, Raum gewähren. Der „Cirque“ hat Tobmak vor sechs Jahren engagiert. Aber nicht aus Barmherzigkeit. Die Manager und scharfäugigen Talent-Scouts der schönen Künste wollten den quirrligen, lockenhaarigen Artisten unbedingt, denn niemand kann so auf Krücken tanzen wie er. Als der Vertrag stand, verschwanden in der weißen Zirkusstadt wie durch Zauberhand Treppen und Stufen. „Nur frohe Artisten bringen Spitzenleistung“, so Tobmaks Kommentar.

„Na klar hat der Gefallene Engel auch mit mir zu tun“, sagt Dergin. Er trägt eine Art gestricktes Kopftuch, um seine Lockenmähne zu bändigen und flätzt sich auf einem von mehreren Sofas im Trainingsraum. Sein Rollstuhl steht in Griffweite. Hier, hinter der Bühne, trainieren die Artisten und wärmen sich vor ihrem Auftritt auf. Der Fernseher läuft, auf dem Tisch liegen Zeitschriften. Dergin ist glänzend gelaunt, lacht viel, zeigt perfektes Gebiss. Ein leichter Duft von „Red Bull“ umweht ihn. Diese Figur, so redet er weiter, sei gemacht, um anderen Menschen, auch solchen in einer ähnlichen Lage wie er, Mut zu geben. „Du kannst dir deinen Traum erfüllen, auch mit einem Handicap.“ Die Botschaft sei: Jeder hat irgendein Talent.

Basketball und Bogenschießen

Der Sohn türkischer Eltern ist der einzige Deutsche im „Cirque“. Seine Kollegen trainierten in ihrer Jugend an renommierten Sport- und Artistenschulen, während der im Jahre 1973 geborene Dergin von Krankenhaus zu Krankenhaus tourte. Vielleicht war ihm das Artistenleben nicht in die Wiege gelegt. Der Ehrgeiz und die Kraft, etwas Besonderes zu tun, aber schon. „Ich habe einfach zu viel Feuer im Bauch“, sagt der gelernte technische Zeichner. „Ich hab‘ mir nie einreden lassen, dass ich irgendwas nicht könnte. Alles war für mich eine Herausforderung, eine Frage, wie weit ich gehen kann.“ Auch die Eltern - „so sind Eltern halt“ - hätten immer wieder gesagt: Bleib‘ zu Hause, sieh zu, dass du deine Arbeitsstelle behältst. „Aber das bin nicht ich. Ich wollte ein aufregendes Leben. Ich hatte keine Lust, den ganzen Tag im Büro in Aichach und danach im Stau von Aichach nach Augsburg zu sitzen.“

Irgendwann im Jahre 1985 bringt Dergins Cousin dem Zwölfjährigen, der trotz Kinderlähmung Sport liebt, Basketball spielt und mit dem Bogen schießt, den US-Film „Breakin‘“ von Joel Silberg mit. Hier tritt der gelähmte Tänzer Eddy Rodriguez auf. Rodriguez hatte so lange trainiert, bis er es fertig brachte, auf einer Art Stelzen Breakdance zu tanzen.

Viele hatten anfangs Zweifel

Für Dergin ist „Breakin‘“ der Durchbruch. Er beginnt, frenetisch an einer ähnlichen Nummer zu arbeiten, tritt schließlich nebenberuflich unter dem Künstlernamen „Stixs“ und in einer HipHop-Gruppe auf, erreicht eine gewisse Bekanntheit - und dann klopfen die Leute aus Kanada an. „Die wollten mich haben, unbedingt“, sagt Tobmak heute stolz. Es folgten drei Monate Training im Hauptquartier in Montreal in Technik, Akrobatik, Bewegung und Schauspiel. Die erste Station war Costa Mesa - ein Temperaturschock von kanadischen minus 20 auf südkalifornische plus 30 Grad. Doch der Erfolg war da und er blieb.

Nicht wenige Kollegen, so berichtet Dergin von den Anfängen, hatten Zweifel, ob er den Strapazen des Zirkusgeschäfts gewachsen sein würde. Normale Breakdance-Nummern dauern im Schnitt 20 bis 30 Sekunden. Der zierliche, wenn auch mit einem Bilderbuch-Oberkörper aufgerüstete Tobmak muss bei seinem Solo fast fünf Minuten überstehen. „350 Vorstellungen im Jahr sind eine extreme Belastung. Körperlich und psychisch. Manche glaubten, der macht das höchstens ein oder zwei Monate lang.“

Überlegungen sesshaft zu werden

Das Thema hat sich erledigt. Dergin ist ein anerkanntes Mitglied in der Artisten-Abteilung. „Der Part ist für mich speziell entwickelt und konzipiert, und ich fülle ihn perfekt aus“, sagt er selbstbewusst. Als Artist gebe man viel Energie, aber man erhalte auch viel vom Publikum zurück. Wäre dies nicht so, könnte man die schwere Arbeit ja kaum durchhalten.

Der Cirque du Soleil ist noch bis zum 18. Juli auf dem Festplatz am Ratsweg zu sehen. Tickets kosten zwischen 41 und 116 Euro.

Nächstes Jahr geht „Varekai“ nach Asien und Dergin überlegt - obwohl er hier sehr viel Spaß gehabt hat - vielleicht sesshaft zu werden. Der älteste Akrobat der Produktion ist 43 Jahre alt. Mit einem gewissen erhöhten körperlichen Verschleiß müsse jeder Artist rechnen, weiß Dergin. Neulich haben die Eltern zum ersten Mal ihr einstiges Sorgenkind live auf der Bühne in München gesehen. Mächtig stolz sei man zu Hause auf ihn, sagt Dergin und zeigt Zahnpasta-Lachen.

Quelle: op-online.de

Kommentare