Feuerwehr: Mehr trainieren

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Nach der Brandkatastrophe in Titisee-Neustadt: Nicht nur in Hessen, sondern auch bundesweit wird jetzt in vielen Behinderteneinrichtungen und -werkstätten über bessere Sicherungsmaßnahmen diskutiert.

Offenbach/Hanau - Die Bestürzung über den Tod von 14 Menschen beim Brand in einer Behindertenwerkstatt im Schwarzwald ist auch im Rhein-Main-Gebiet spürbar. Von Peter Schulte-Holtey

In vielen Einrichtungen werden die Sicherheitskonzepte jetzt noch einmal überprüft, die Suche nach möglichen Schwachstellen hat erst begonnen.

Für Ralf Ackermann, Leiter des Fachdienstes Gefahrenabwehr beim Kreis Offenbach und Vizepräsident des Deutschen Feuerwehr Verbandes, ist die Feuer-Katastrophe in Titisee-Neustadt ein einmaliger Fall. Noch nie habe es in einer Behinderteneinrichtung ein derartiges Unglück mit so vielen Opfern gegeben. „Immer wieder haben wir Einsätze in Behinderteneinrichtungen, Altenheimen oder Krankenhäusern. Aber ein Unfall mit einer solch hohen Zahl an Toten ist mir aus den letzten Jahrzehnten nicht bekannt“, sagte er im Gespräch mit unserer Mediengruppe. Er verweist auf die erhöhten Brandschutz-Anforderungen für alle Gebäude, in denen sich behinderte Menschen aufhalten.

Das fängt schon beim Bau an, wo mit Blick auf Brandschutztüren, Brandmeldeanlagen, Flucht- und Rettungswege die Bestimmungen der jeweiligen Landesbauordnungen einzuhalten sind. Neben dem Brandschutz für das Gebäude werden, so Ackermann, auch Konzepte für den laufenden Betrieb entwickelt. Der Experte: „Die Herausforderung für unsere Feuerwehrleute ist es, Menschen mit eingeschränkter Mobilität, verzögerten und auch unberechenbaren Reaktionen schnell zu helfen. Und das muss regelmäßig geübt werden.“ Bislang werde in der Regel nur alle drei Jahre in einer Einrichtung für Behinderte der Ernstfall geübt. Der Gefahrenverhütungsbeauftragte im jeweiligen Kreis oder in der Großstadt, das sind Feuerwehrleute mit einer speziellen Zusatzausbildung, kann nach Angaben von Ackermann aber auch häufigere Alarmtests veranlassen.

„Man muss den Brandschutz ständig trainieren“

Reinhard Ries, Frankfurter Feuerwehrchef, wird deutlicher: „Man muss den Brandschutz ständig trainieren - und da hapert es bei einigen Trägern.“ Wichtiger als „theoretisches Gequatsche“ sei die praxisnahe Übung, das ,Notfall-Spielen’.“ So müssten Menschen nicht nur wissen, wo ein Feuerlöscher steht, sondern auch, wie man ihn bedient. Ries rechnet nach der Katastrophe in Titisee-Neustadt zwar mit einer steigenden Zahl von Anfragen für Brandschutztrainings. „Aber dieses Interesse muss auf Dauer aufrechterhalten werden“, sagte er Presseagentur-Angaben zufolge. „Wir befürchten, dass die Kenntnis über den Brandschutz wegen der häufigen Personalwechsel in den Einrichtungen nicht ausgeprägt ist.“

In den Organisationen für Behinderte in der Region sind viele Mitarbeiter schockiert. „Unser Mitgefühl gilt allen Angehörigen und den Mitarbeitern der Werkstatt. Wir nehmen die Angelegenheit sehr ernst. Gespannt warten wir auch auf das Ergebnis der Untersuchungen zur Brandursache“, sagte Jürgen Großer, Geschäftsführer der Behindertenhilfe in Stadt und Kreis Offenbach. „Wenn die möglichen Ursachen in der Werkstatt in Titisee geklärt sind, werden wir unsere Wohnanlagen entsprechend zusätzlich überprüfen“, fügte er hinzu.

Sanierungsarbeiten am Hauptstandort im Hainbachtal

Rudi Schell, Sprecher der Werkstätten Hainbachtal, verweist aber auf die jüngsten Sanierungsarbeiten am Hauptstandort im Hainbachtal: „Bei den mehr als drei Jahre andauernden Bauarbeiten, in denen alle Hinweise des in Planung und Durchführung mit beteiligten Sachverständigen Wolfgang Demme und der Berufsfeuerwehr Offenbach sorgfältig beachtet wurden, wurde unter anderem ein zusätzliches und Fluchttreppenhaus errichtet. Das ist vom Hauptgebäude räumlich getrennt.“ Der darin befindliche Rollstuhl-Lift sei zusätzlich mit einer autonomen Stromversorgung ausgestattet worden.

Schell: „Die anderen Standorte, insbesondere das neu bezogene Werkstattgebäude auf dem ehemaligen Jado-Gelände in Rödermark, sind in gleicher Weise ausgerichtet.“ Zudem sei schon vor geraumer Zeit zusammen mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit ein Gefahrstoffkataster erstellt worden, das ständig aktualisiert werde. Auch gebe es regelmäßige Räumungsübungen des Betreuungspersonals zusammen mit Mitarbeitern mit Behinderung. Ähnlich schildert das Behinderten-Werk Main-Kinzig die Situation in ihren Einrichtungen. Sprecherin Dorothee Müller sieht das BWMK gut aufgestellt: „Jedes Objekt ist aufgrund der Größe und baulichen Situation in Brandabschnitte unterteilt, die mit Brandschotts und Brandschutztüren nicht betroffene Bereiche vom Brandherd trennen und so vor Rauch und Feuer schützen. Feststelleinrichtungen sorgen sofort für das Schließen der Türen.“ Zudem werde in allen Einrichtungen zwei Mal im Jahr eine Übung durchgeführt.

Auch in den Einrichtungen der Praunheimer Werkstätten in Frankfurt werde regelmäßig mit den Behinderten für den Ernstfall trainiert, hieß es. „Im Ernstfall ist unser Haus in drei bis fünf Minuten leer. Das üben wir einmal im Jahr“, wird Holger Moeller, der Leiter der Werkstatt, zitiert. Er verstehe nicht, wieso die Evakuierung im Schwarzwald so lange gedauert habe. „Wir werden das hier auf jeden Fall aufmerksam verfolgen.“

Quelle: op-online.de

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