Firma Sinn aus Rödelheim stellt Spezialuhren her

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Bei der Herstellung von Spezialuhren der Firma Sinn ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Sie bestehen durchschnittlich aus 300 Teilen.

Frankfurt - Terrorspezialisten, Astronauten, Piloten, aber auch Hobbytaucher greifen zu Zeitmessern aus der Region. In Rödelheim fertigt die Firma Sinn Spezialuhren. Von Axel Wölk 

Hersteller hochwertiger Uhren schmücken sich gewöhnlich gerne mit Stars wie Brad Pitt oder George Clooney. Der Glamour soll auf ein oft prätentiöses Uhrwerk abstrahlen. Ganz anders mitten in Frankfurt-Rödelheim bei Sinn Spezialuhren: Hier steht das Produkt an erster Stelle, eine Uhr als Instrument. Entsprechend wirbt das Unternehmen mit Arved Fuchs, einem Extremabenteurer, der als erster Mensch mit Skiern und Schlitten in einem Jahr sowohl Nord- als auch Südpol eroberte.

Für solche Menschen mit einem Hang zum Perfektionismus liefern die Rödelheimer unter Geschäftsführer Lothar Schmidt den passenden Zeitmesser. Terrorspezialkräfte der GSG 9, Astronauten oder auch Piloten schwören auf die Uhrgeräte aus der Region. Aber selbst behaglichere Naturen sind bei Sinn Spezialuhren gut aufgehoben. Ein Kunde, der sein Produkt vor fast 30 Jahren kaufte und sie gerade von der alle drei bis fünf Jahre fälligen Wartung abholt, kam als Hobbytaucher über einen Freund zu Sinn. Das Hobby ist Geschichte, die Uhr bleibt. Dem Heimatort Frankfurt gewidmet gibt es seit 1999 eine Finanzplatzuhr. „Hier haben wir auch das Börsenthema aufgegriffen. Extra für Händler bieten wir zum Beispiel drei Zeitzonen an“, berichtet Marketingleiterin Simone Richter. So weiß der gestresste Finanzjongleur jederzeit, was die Stunde an anderen Kapitalmärkten wie New York oder Tokio schlägt. Das ist für mechanische Uhren alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Handarbeit ist Trumpf

Ein Markenzeichen der 150 Mitarbeiter starken Südhessen ist die Produktion am Hochlohnstandort Frankfurt. Deutlich mehr als 10.000 Uhren verlassen hier jährlich die Manufaktur. Handarbeit ist Trumpf, dem Computer kommt ein Schattendasein zu. Von der Gravur über die Reparatur bis hin zur Oberflächenbearbeitung stehen Menschen und ihre Handwerkskunst im Vordergrund. „Alle Mitarbeiter in Produktion und Wartung sind ausgebildete Uhrmacher“, betont Sabine Kleiter vom Marketing. Der Betrieb bildet regelmäßig fünf Lehrlinge aus. Uhrmacher ist inzwischen ein relativ exotischer Ausbildungsberuf. Die Azubis müssen extra nach Würzburg zur Berufsschule, da in Frankfurt die Klassen zu klein wären. Überraschenderweise herrscht im technisch orientierten Uhrmacherhandwerk unter den Azubis bei Sinn ein Frauenüberschuss vor.

Die Anforderungen an die Mitarbeiter sind hoch. „Wir haben es mit einem technischen 3D-Rätsel aus durchschnittlich 300 Teilen zu tun“, erläutert Uhrmachermeister Sebastian Herrmann, der bei Sinn die Werkstatt leitet. Fingerfertigkeit sei zwar Grundvoraussetzung. Noch viel wichtiger aber ist das Vorstellungsvermögen: „Man kann nicht alles sehen.“ Das Uhrwerk besteht aus einem exakten Zusammenspiel vielfältigster Teile. Dieses muss der Uhrmacher instinktiv richtig erfassen. Manche Teile messen gerade einmal 0,4 Millimeter und verfügen trotzdem noch über ein eigenes Gewinde.

Zur Wartung werden die Uhren meist dann gebracht, wenn sie deutlich nachgehen. Das ist ein Merkmal mechanischer Uhrwerke. Sie verschleißen mit der Zeit und die entsprechenden Teile müssen dann ausgewechselt werden. Ihr Antrieb funktioniert nicht per Batterie, sondern bei Sinn über natürliche Armbewegungen: der sogenannte Automatikaufzug. Der Vorteil ist, dass die Uhren sehr ausfallsicher sind. Sinn Spezialuhren sind mitunter so gefertigt, dass sie auch in Ozeantiefen von 16.000 Metern noch schlagen würden, eine Kälte von bis zu minus 45 Grad aushalten und auch bei Gluthitze jenseits der 75 Grad weiterticken.

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Zu Sinn gehört eine gehörige Portion Unternehmergeist. Im Jahr 1961 gründete der Pilot und Blindfluglehrer Helmut Sinn die Firma an seinem Wohnort Rödelheim. Mehr als 30 Jahre später wagte Diplom-Ingenieur Schmidt den Kauf der Manufaktur. Nicht ganz ohne Risiko. „Von einem Tag auf den anderen zum Schuldenmillionär“, zitiert Richter ihren 66-jährigen Chef, dem die Firma bis heute zu 100 Prozent gehört. Erfolgreich besetzte Schmidt mit den Spezialuhren eine Nische. So hat im Zweifel stets Technik Vorrang vor dem Kaufmännischen. Beispielsweise findet in Taucheruhren von Sinn auch U-Boot-Stahl Eingang. Das Material ist das Beste auf dem Markt, aber auch das teuerste. Schmidt wollte nicht am Produkt sparen, sondern den Kunden etwas Einmaliges bieten. Der Erfolg scheint dem gebürtigen Saarländer Recht zu geben: Das Unternehmen schreibt schwarze Zahlen.

Bis zu 14 500 Euro kann der Kunde für das Premiumprodukt hinblättern. Im Schnitt sind die Uhren für um die 3000 Euro zu haben. Traditionell betreibt die Firma Direktvertrieb: entweder per Telefon und Internet, aber auch über Fabrikverkauf. Im Rödelheimer Verkaufsraum findet sich das gesamte 120 Modelle starke Sortiment wieder. Auch am Römerberg in der Frankfurter Innenstadt gibt es demnächst ein Sinn-Geschäft. Inzwischen bringen die Rödelheimer ihre Spezialuhren aber auch bei über 80 Juwelieren quer durch Deutschland an den Mann oder die Frau. Vielleicht werden es bald mehr sein. Aber für die Zukunft beschreibt Richter die Maxime prägnant: „Wir wollen gesund wachsen.“

Quelle: op-online.de

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