Die an der Flasche hängen

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Die Entsorgung von Altglas im Kreis Offenbach war im Frühjahr ins Stocken geraten - wieso, das zeigen ein paar Einblicke in die Branche. Dieses Bild soll der Vergangenheit angehören: ein überquellender Altglascontainer in Rodgau.

Offenbach - In unserer komplexen Gesellschaft gibt es zahllose Dinge, die nicht der Rede wert sind. Erst wenn etwas schiefläuft bemerken wir sie. Entsorgung und Recycling unseres Mülls ist so eine Sache, in diesem Fall des Altglases. Von Ralf Enders 

Vor allem in Rodgau hat es zu Jahresanfang und im Frühjahr Beschwerden über zum Bersten volle Altglascontainer gegeben, aber auch in Hainburg,Langen oder Heusenstamm haben Bürger und Kommunen gleichermaßen geklagt. Denn es bleibt freilich nicht bei vollen Containern; um die Sammelplätze herum bildet sich ein Meer von Flaschen, weil die wenigsten so vernünftig sind, ihr Altglas wieder mit nach Hause zu nehmen. Die wilden Glasberge müssen aufwändig abgetragen werden. Scherben sind zudem eine Gefahr vor allem für Kinder und Tiere, klebrige Reste locken in der warmen Jahreszeit zudem Wespen an. Nun aber ist Besserung versprochen und auch eingetreten. Nach Klagen zahlreicher Bürger und entsprechenden Berichten unserer Zeitung haben die Beteiligten unter anderem häufigere Leerungen vereinbart und mehr Container aufgestellt.

Hintergrund der ungenügenden Leerungen war vor allem der Wechsel des Entsorgungsunternehmens im Kreis Offenbach zum 1. Januar dieses Jahres. Vor sechs Monaten hatte die Neu-Isenburger Knettenbrech + Gurdulic Umweltservice GmbH den bisherigen Entsorger Veolia abgelöst. „Ein Wechsel zum 1.1. ist immer problematisch, weil über Weihnachten und Silvester extrem viel Altglas anfällt, erläutert Knettenbrech-Prokurist Michael Wack. Zudem sei sein Unternehmen vom vorherigen Betreiber nur unzureichend über Veränderungen bei den 700 Altglascontainer-Standorten im Kreis Offenbach informiert worden. „Wir sind von einem 14-tägigen Leerrhythmus ausgegangen, aber 14 Tage reichen vielerorts nicht. Das haben wir gesehen, doch bis die Umstellungen gegriffen haben, hat es etwas gedauert.“ Und, auch das gesteht Wack durchaus offensiv ein, man habe ein firmeninternes Problem mit einem unzuverlässigen Fahrer gehabt. Generell sei es schwer, geeignetes Personal zu finden, das Lkw fahren und die Containerkräne bedienen könne. Nun, versichert Wack, seien „alle Altlasten bereinigt, die Umstellung vollzogen“.

Knettenbrech + Gurdulic ist also seit dem 1. Januar beauftragt, die Glascontainer im Kreis Offenbach zu leeren. Der entsprechende Vertrag läuft bis zum 31.12.2016. Das mittelständische Familienunternehmen mit 720 Mitarbeitern ist mit einem Jahresumsatz von etwa 100 Millionen Euro eigenen Angaben zufolge einer der größten Abfall-entsorger im Rhein-Main-Neckar-Raum und hat sechs Niederlassungen, zwei davon in Neu-Isenburg und Offenbach.

Den Auftrag zur Leerung vergibt die Duales System Deutschland GmbH per Ausschreibung. Den Zuschlag für das Altglas im Kreis Offenbach hat das Unternehmen MS Umweltservice aus dem bayerischen Lohr am Main von 2008 bis 2016 erhalten. MS Umweltservice wiederum hat Knettenbrech + Gurdulic mit der konkreten Leerung beauftragt. Die pro Stück etwa 1 000 Euro teuren Altglascontainer selbst gehören einem weiteren Unternehmen aus der Recyclingbranche, nämlich Remondis.

„Wir waren sehr unglücklich über die Situation“, sagt MS-Geschäftsführer Alexander Dietrich, der ebenso wie Wack das Gespräch mit der Redaktion über die Probleme gesucht hat. Dietrich ergänzt, dass man auch einen Fahrzeugausfall zu beklagen hatte. „Das sind Spezialfahrzeuge für 250 000 Euro das Stück, ein Kran hatte Probleme mit der Hydraulik. Und wenn man mit der Leerung einmal hintendran ist, braucht man drei bis vier Wochen, um den Verzug wieder aufzuholen.“

Dieter Lindauer, Betriebsleiter der Stadtwerke Rodgau, hatte mit Vertretern von Knettenbrech + Gurdulic zusammengesessen und die Misere erörtert. Zweimal hätten Mitarbeiter der Stadtwerke Glas vor überfüllten Containern wegräumen müssen. Generell säuberten die Stadtwerke die Plätze rund um die Containerstandorte und bekämen dafür Geld von den Systembetreibern. Bei dem Gespräch sei vereinbart worden, 20 der 50 Container in Rodgau künftig wöchentlich statt wie bisher nur alle 14 Tage zu leeren. „14-tägig reicht dort nicht“, sagt auch Lindauer. Zudem hat Knettenbrech + Gurdulic eine sogenannte Füllstandskontrolle gemacht und den Stadtwerken darüber berichtet. Auch Lindauer ist zuversichtlich, dass die Probleme in Rodgau durch die Maßnahmen gelöst sind.

Die sind übrigens nicht allesamt den Entsorgern anzulasten. „Leider nutzen einige Bürger die Altglascontainer für ihren Restmüll“, berichtet Dietrich - „ohne die eigenen Schwierigkeiten abwiegeln zu wollen“. Auch der Anteil an PET-Plastikflaschen steige kontinuierlich. Und an der Raststätte Weiskirchen etwa finde sich bis zu 90 Prozent Restmüll in den Glasbehältern. Dietrich und Wack bitten die Bürger, bei einem vollen Container den nächstgelegenen aufzusuchen oder das Altglas auch mal wieder mit nach Hause zu nehmen.

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Das Recyclingsystem in Deutschland ist so undurchsichtig wie eine volle Mülltonne. Die „Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH (DSD) GmbH“, so der offizielle Name, die im Kreis Offenbach die Altglascontainer-Leerung ausschreibt, ist das größte von neun Unternehmen, die sich auf dem Markt des Dualen Systems tummeln. Zweitgrößter Dienstleister ist die „BellandVision“, eine Tochter der „Sita Deutschland GmbH“, eines der größten privaten Entsorgungsunternehmen und wiederum Tochterunternehmen des französischen Umweltdienstleistungskonzerns „Suez Environnement“.

Norbert Völl, Pressesprecher der DSD GmbH erläutert: „Grundsätzlich sind die Entsorgungsgebiete in Deutschland unter den neun Duales-System-Betreibern nach Marktanteilen aufgeteilt. Dafür gibt es einen speziellen Modus: städtisch oder ländlich, viel oder wenig Aufkommen usw. Wir als Grüner Punkt mit einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent schreiben die meisten Gebiete aus, die anderen entsprechend weniger.“

Über die Höhe der Anteile sind die Teilnehmer des Dualen Systems jedoch durchaus zerstritten. So hat „BellandVision“ zum 1. Mai dieses Jahres seine Zahlungen an das Gesamtsystem reduziert, weil es der Auffassung ist, andere Unternehmen rechneten ihre Mengen klein, um ihre Kostenanteile zu reduzieren. Der Ausgang des Streits ist noch offen. Für Lieschen Müller aus Rodgau sind diese Verflechtungen und das Gezänk im Hintergrund freilich zweitrangig, wenn sie mit leeren Gurkengläsern vor vollen Containern steht. Aber das, glaubt man den Beteiligten, soll ja der Vergangenheit angehören.

Quelle: op-online.de

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