Flexibilität ist gefragt

+
Gerlinde Hemmerling

Mit familienfreundlichen Maßnahmen wie Teilzeitangeboten, Kinderbetreuung und Heimarbeit versuchen Firmen aus der Region den Fachkräftemangel zu bekämpfen. „Flexibilität ist gefordert“, sagte Gerlinde Hemmerling vom Deutschen Wetterdienst (DWD) im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

„Das Problem ist nicht, dass die Mütter und Väter nicht arbeiten wollen. Sie können es schlicht nicht“, erklärte Mareike Jilg vom Dreieicher Logistikunternehmen Fiege. Manfred Hartlaub vom Kraftwerkbauer Areva NP sprach sich dafür aus, „brachliegende Qualifikationen“ beispielsweise von Frauen zu nutzen, die bisher nicht arbeiten können, weil Kinderbetreuungsmöglichkeiten fehlen. Thomas Schaberger vom MKF Metallbaukontor aus Egelsbach berichtete: „Wir bieten auch flexible Arbeitszeiten an, um die Mitarbeiter zu halten. “.

In Deutschland und der Region wird immer wieder über einen Fachkräftemangel geklagt. Der Gesetzgeber hat Maßnahmen wie das Elterngeld und die Elternzeit eingeführt, um Arbeitnehmern mit kleinen Kindern die Berufstätigkeit zu erleichtern. Laufen Firmen, die das Thema vernachlässigen, nicht Gefahr, gute Mitarbeiter zu verlieren?

Hemmerling: Wenn Betreuungsplätze fehlen, werden Mütter und manchmal auch Väter davon abgehalten, berufstätig zu sein. Und das sind natürlich oft qualifizierte Kräfte, die in den Unternehmen fehlen. Wenn man die Statistiken betrachtet, ist zu erkennen, dass wir bereits einen - zumindest teilweisen - Fachkräftemangel haben.

Hartlaub: Fachkräftemangel ist in Deutschland ein Problem. Besonders schwierig ist es in den elektrotechnischen Berufen. Am Standort Offenbach beschäftigen wir vor allem Ingenieure und Naturwissenschaftler. In diesen Bereichen spüren wir den Fachkräftemangel deutlich.

Wird sich das Problem verschärfen?

Hartlaub: Ich bin überzeugt davon. Wir müssen deshalb brachliegende Qualifikationen beispielsweise von Frauen nutzen, die bisher nicht arbeiten können, weil Angebote für Kinderbetreuung und Teilzeitstellen fehlen.

Kann der Fachkräftemangel mit familienfreundlichen Maßnahmen bekämpft werden?

Jilg: Mit solchen Konzepten könnte viel bewegt werden. Das Problem ist nicht, dass die Mütter und Väter nicht arbeiten wollen. Sie können es schlicht nicht. Sie müssen sich überlegen, ob es sich überhaupt lohnt, arbeiten zu gehen. Die Betreuungsmöglichkeiten müssen bezahlt werden. Die Fachkräfte sind oft zuhause, weil sie es sich nicht leisten können, zu arbeiten. Und: Der Arbeitsmarkt hat sich geändert. Häufig wird morgens früh und abends spät in den Betrieben gearbeitet. Wir bauchen deshalb flexible Betreuungsmodelle.

Schaberger: Wir haben in verschiedenen Branchen Fachkräftemangel. Nicht in allen. Die Firmen müssen deshalb flexible Arbeitszeiten anbieten. Sie müssen zudem die Möglichkeiten bieten, von zuhause aus zu arbeiten. Auf diese Weise kann der Mangel bekämpft werden.

Welche Ideen werden in Ihren Unternehmen umgesetzt, um Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern?

Hemmerling: Familienfreundliche Maßnahmen sind ein Mittel, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Es ist aber zu kurz gegriffen, sich nur darauf zu beschränken. Es gibt noch andere Bausteine. Wir haben zum Beispiel im Deutschen Wetterdienst eine Flächenstruktur. So haben wir Arbeitsplätze, die wir in Offenbach nicht besetzen konnten, einfach nach Potsdam verlagert.

Hartlaub: Wir verlagern Arbeitsplätze weltweit und deutschlandweit. Die Arbeitgeber müssen in Zukunft verstärkt alternative Beschäftigitungsmodelle entwickeln. Die Arbeit muss zu den Menschen gehen. Und: Wenn wir die Arbeitskräfte im Ausland nicht bewegen können nach Deutschland zu kommen, dann muss die Arbeit eben ins Ausland gehen.

Hemmerling: Flexibilität ist gefordert, wenn wir den Fachkräftemangel bekämpfen wollen. Man bekommt auf eine Bewerbung auch nicht immer den passend qualifizierten Mitarbeiter. Wir müssen sehr, sehr viel mehr investieren in Qualifizierungsmaßnahmen. Das ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Wir schauen vor allem, ob der Bewerber ein ausreichendes Potenzial mitbringt. Sind sie von uns weiter ausgebildet, geht es darum, sie zu halten - auch mit familienfreundlichen Maßnahmen.

Was unternimmt Areva, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern?

Hartlaub: Wir machen seit einiger Zeit schon sehr viel. Durch die demografische Entwicklung werden wir aber zunehmend unter Druck gesetzt. 1996 haben wir bereits die Vertrauensarbeitzeit eingeführt. Es gibt bei uns keine Zeiterfassung. Die Mitarbeiter können ihre Arbeitszeit in Abstimmung mit der Führungskraft selbst einteilen. Das schafft Freiräume, um sich der Familie und den Kindern zu widmen. Wir haben seit 2006 auch eine Kinderkrippe. Sie hat 24 Plätze, die voll belegt sind. Wir bieten Mitarbeitern die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit so einzuteilen, dass sie einen Freizeitblock erwerben - Sabbatical. Wir bieten darüber hinaus beliebige Teilzeitmodelle an. Und: Wenn bei uns die Elternzeit in Anspruch genommen wird, sind dies zur Hälfte Männer. Unsere Führungskräfte müssen erkennen, dass Flexibilität vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels eine Geschäftsnotwendigkeit ist.

Hemmerling: Flexible Arbeitszeiten werden auch im DWD in großem Umfang praktiziert. Wir haben viele Einzelvereinbarungen mit Mitarbeitern, in denen wir von der Standardgleitzeit abweichen. Einschließlich Teilzeitvereinbarungen. Insgesamt haben wir etwa 450 Arbeitszeitmodelle - also sehr viele individuelle Regelungen.

Was unternimmt ein Mittelständler, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen?

Jilg: Wir gehen sehr flexibel auf jeden Fall ein. Auch wir haben viele, viele Teilzeitmodelle. Wichtig ist es, früh mit der Schwangeren zu planen, welches Konzept am besten passt. Wenn man die Wünsche der Mitarbeiter kennt, können wir als Unternehmen auch besser planen. Wir unterstützen Mitarbeiter zudem beispielsweise, wenn es darum geht, Elterngeld zu beantragen.

Kann eine Firma mit Flexibilität die Mitarbeiter halten?

Jilg: Ja. Wenn die Mitarbeiter nicht ein ganzes Jahr aus der Firma raus sind, bleibt die Bindung an das Unternehmen bestehen. Wenn wir uns als Firma zurückziehen, haben wir kaum eine Chance, dass die Fachkraft gerne wieder kommt.

Schaberger: Wir bieten auch flexible Arbeitszeiten an, um die Mitarbeiter zu halten. In einem kleinen Unternehmen wie unserem ist es oft schwierig Teilzeitmodelle einzurichten. Wir haben es aber gemacht. Es funktioniert sehr gut. Wir haben bei 17 Mitarbeitern sieben unterschiedliche Arbeitszeitmodelle. Das ist für ein Unternehmen unserer Größenordnung erstaunlich.

Stichwort „work-life-balance“: Familien mit kleinen Kindern haben andere Bedürfnisse als solche mit älterem Nachwuchs. Brauchen Angestellte nicht Angebote, die ihrer jeweiligen Lebenssituation gerecht werden?

Hemmerling: Ja, ganz sicher. Auch wir als Behörde müssen sehr differenziert vorgehen. Man kann individuelle Regelungen treffen, zum Beispiel Homeoffice anbieten. Wer von Zuhause aus arbeiten oder Arbeitszeit verlagern kann und sich um die Familie kümmern kann, ist in der Regel nicht so gestresst. So hängt Familienfreundlichkeit auch mit dem betrieblichen Gesundheitsmanagement zusammen. Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist es wichtig, die Familien mit Kindern in den Fokus zu stellen. Wir müssen aber auch an die Familien denken, die sich um die älteren Generationen kümmern. Dabei müssen natürlich sehr unterschiedliche Bedürfnisse beachtet werden - zum Beispiel, wenn die Eltern zum Arzt gebracht werden müssen. Wir haben es ermöglicht, dass Teile einer Vollzeitbeschäftigung verlagert werden können, trotz einer grundsätzlichen Fünf-Tage-Woche beispielsweise auf einen Samstag. Diese Regelung ist sicherlich auch ein Vorbild für andere Unternehmen.

Immer mehr ältere Angehörige müssen von Ihren Kindern gepflegt werden. Welche Angebote macht die Wirtschaft?

Hartlaub: Seit Mitte der 90er Jahre gibt es bei uns die Möglichkeit, eine Pflegezeit zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt war der Gesetzgeber von solchen Regelungen noch weit entfernt. Und: Wir haben zu Beginn des Jahres eine Betriebsvereinbarung zur demografiefesten Personalpolitik abgeschlossen. Auf diese Weise wollen wir unseren Mitarbeitern mittelfristig für jede Lebensphase die Lösung anbieten, mit der Männer und Frauen gleichermaßen zu jeder Zeit relativ sorgenfrei ihrer Arbeit und ihrer Karriere nachgehen können. Dabei geht es unter anderem um die Betreuung von Kindern und älteren Angehörigen.

Bietet der DWD auch Möglichkeiten zur Kinderbetreuung an?

Hemmerling: Als Einrichtung des Öffentlichen Dienstes haben wir die Möglichkeit nicht. Bei den Sparmaßnahmen, die uns der Bundeshaushalt auferlegt, können wir keine Krippen finanzieren. Auch die Haushaltsregularien sind ein Problem. Unsere Gleichstellungsbeauftragte bemüht sich in Offenbach in anderen Einrichtungen um Betreuungsplätze. Das war aber oft schwierig. Der DWD ist in Offenbach ansässig, die Mitarbeiter kommen aber auch aus anderen Kommunen. Sie bekommen keine Betreuungsplätze. Dafür muss man Einwohner von Offenbach sein. Diese Regelung ist kürzlich von einem Gericht gekippt worden. Die Kommunen müssen jetzt flexibel unter einander agieren. Ein Drittel des Platzes zahlen normalerweise die Eltern, ein Drittel das Land und ein Drittel die Kommune. Jetzt gibt es die Verpflichtung, dass der Kommunenanteil unter einander ausgeglichen werden muss. Auf diese Flexibilität bauen wir.

Jilg: Für ein Unternehmen unserer Größenordnung lohnt es sich nicht, Kinderbetreuungsplätze anzubieten. Der Gesetzgeber gibt aber die Möglichkeit, Kinderbetreuungszuschläge vom Arbeitgeber steuerfrei zu gewähren. Diese Möglichkeiten schöpfen wir natürlich aus.

Quelle: op-online.de

Kommentare