Florentine Kleppers Frankfurter „Julietta“-Inszenierung

Und ewig lockt die Traum-Frau

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Mit einem Lied hat Julietta (Juanita Lascarro) den Buchhändler Michel (Kurt Streit) bezirzt, der sich eine Abfuhr holt.

Frankfurt - Die Traumwelt ist hart am tatsächlichen Leben. Mit viel Sinn fürs Reale und noch mehr Phantasie hat Florentine Klepper „Julietta“ von Bohuslav Martinu (1890-1959) nach dem gleichnamigen Schauspiel von Georges Neveux an der Oper Frankfurt inszeniert. Von Klaus Ackermann 

Auf der Bühne wird viel gesprochen, untermalt von einem raffinierten, instrumental vielschichtigen Soundtrack, den Chefdirigent Sebastian Weigle und das Opern- und Museumsorchester akribisch aufbereiten. Eine starke Partie liefert Tenor Kurt Streit in dieser Frankfurter Erstaufführung, die mit dauerhaften Beifall honoriert wurde. Er hat’s verdammt schwer, dieser Michel, Pariser Buchhändler, der seine Traumfrau sucht, die ihn einst mit einem Lied bezirzte. Doch in dem Ort am Meer leiden alle an Gedächtnisverlust, selbst Julietta, die der Romeo zwar findet, aber nach Liebesfreuden eine Abfuhr erfährt.

Zwischen Traum und von Kafka inspirierter Wirklichkeit legt sich die renommierte Regisseurin mächtig ins Zeug. Tatort ist eine großzügige, hermetisch abgeriegelte Hotelanlage (Bühnenbild: Boris Kudlicka) mit so aktuell wie originell kostümierten Leuten (Adriane Westerbarkey), die offenbar an Alzheimer leiden, aber dennoch wissbegierig auf Vergangenes sind, auf Erinnerungen, die man sogar kaufen kann.

Phantastisch ist nicht nur der bis zur Vorbühne reichende exotische Wald, dem Maler Henri Rousseau zur Ehre gereichend, sondern ein Kommissar, der zum Briefträger mutiert, um drei Jahre alte Post auszutragen. Die auch darstellerisch sehr präsenten Ensemblemitglieder schlüpfen gleich in mehrere Rollen, exemplarisch sei die quirlige Nina Tarandek genannt, die als Kleiner Araber, Erster Herr, Junger Matrose und Hotelboy reüssiert.

Liebesgeschichte im Dschungel

Anrührend die Liebesgeschichte im Dschungel, mit einer traumverlorenen Julietta (Juanita Lascarro, ein verführerischer Sopran), die auch Michel nicht in die Wirklichkeit zurückholen kann, woraus sich handfeste Szenen einer Ehe entwickeln. Alptraumhaft dann Michels Erlebnisse mit den Stadtbewohnern, die ihm einen Mord unterstellen, selbst nun fast schon ein klassischer Fall von Realitätsverlust. Kurt Streit ist nicht nur stimmlich mit feinem, lyrischem Tenor ein starker Charakter, sondern hat zur Premiere sogar eine Schrecksekunde zu überstehen. Es knallt in seiner Nähe nicht nach Drehbuch. Ein Scheinwerfer gibt lautstark seinen Geist auf.

Unberührt davon bringen Weigle und „sein“ Orchester Martinus Musik zum Glühen. Vor allem im Liebesmotiv, das wie eine „Idée fixe“ das Werk durchdringt. Mit einem an Wagners „Tristan“ gemahnenden Englischhorn-Solo, impressionistischer Farbpracht und jazzigen Skalen. Dabei immer darauf bedacht, die sporadischen ariosen Momente nicht zuzudecken. Eine zupackende Musik, bei der das Klavier und sogar ein Akkordeon Akzente setzen. Schließlich lebte der Tscheche zur Entstehungszeit der „Lyrischen Oper“ 1938 in Paris.

Dass sich Michel am Ende im „Zentralbüro der Träume“ wiederfindet, wahrlich von einem Bürokraten verwaltet, der auch ihm seine Traumration verpasst hat, war fast zu befürchten. Doch ewig lockt das Traumweib. Und die trotz aller Regie-Pointen doch ziemlich langwierige Geschichte könnte von vorn beginnen.

Weitere Aufführungen am 25. und 27. Juni sowie am 3., 8. und 13. Juli. Karten gibt es unter 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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