Nahaufnahme: Auf dem Vorfeld des Flughafens

Nimm nie einem Flugzeug die Vorfahrt

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Niklas Semmler muss im praktischen Teil unter Beweis stellen, dass er dem Verkehr auf dem Vorfeld gewachsen ist. Auf dem Beifahrersitz kann Ausbilder Guido SImon zur Not über eigene Pedale eingreifen.

Frankfurt - Auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens herrscht stets reger Betrieb. Beim Warten auf ihren Flieger können die Passagiere zuschauen, wie Gepäckwagen rangieren, Tankwagen das Flugzeug mit Kerosin versorgen und das Essen via Catering an Bord gebracht wird. Von Ingrid Zöllner

Das ist nur einige der Fahrzeuge, die sich auf dem großen Areal bewegen. Damit es kein Chaos gibt, muss jeder, der dort fahren will, den Vorfeld-Führerschein absolvieren.

Niklas Semmler wirkt recht entspannt, als er auf der Fahrerseite des VW T5 einsteigt. „Klar, es ist eine klassische Prüfungssituation, es geht hier auch um etwas. Aber richtig nervös bin ich nicht“, sagt der 24-Jährige, der auch schon den Lkw-Führerschein besitzt. Er arbeitet seit Februar für die Firma Smiths Detection am Flughafen und muss immer wieder für Reparatur- und Wartungsarbeiten aufs Vorfeld. „Gut, dann wollen wir mal starten“, sagt Ausbilder Guido Simon und bittet Semmler, zunächst einmal dem Straßenverlauf an den Flugzeugen vorbei zu folgen.

Seit Anfang der 70er Jahre gibt es die Fahrschule am Flughafen. „Wobei wir keine Fahrschule im klassischen Sinne mehr sind. Bei dem Vorfeld-Führerschein handelt es sich um eine Weiter- bzw. eine Fachausbildung“, erklärt Antje Auhl, Leiterin der Fraport-Fahrerausbildung. Ganz am Anfang habe es noch Mitarbeiter gegeben, die noch gar keinen Führerschein hatten und erst am Flughafen das Fahren lernten.

Inzwischen ist die Führerscheinklasse B jedoch Mindestvoraussetzung. Ebenso wie ein Sehtest G 25 nach der Richtlinie der Berufsgenossenschaft. „Der vom Optiker reicht in diesem Fall nicht aus“, sagt der stellvertretende Leiter Jens Peters. Mit dem Test werden unter anderem das räumliche Sehen sowie Farbwahrnehmung und das Sehen in der Dämmerung beurteilt. Gerade bei Dunkelheit oder schlechter Sicht sind die Befeuerungssignale und Bodenmarkierungen am Flughafen wichtig, um sich orientieren zu können. Alles in allem kostet die spezielle Fahrerlaubnis rund 260 Euro, die in der Regel vom Arbeitgeber bezahlt wird.

Bei einem Regelverstoß ist die Fahrgenehmigung wieder weg

Fünf Teilnehmer, die für verschiedene Firmen am Flughafen arbeiten, sind an diesem Tag für die Fachausbildung angemeldet. Der Tag startet zunächst mit rund drei Stunden Theorie. Die wichtigste Regel lautet immer und jederzeit: Nimm niemals einem Flugzeug die Vorfahrt! Falls ein Flieger ausgebremst wird, kann das fatale Folgen haben. Denn der Jet darf nach einer Vollbremsung nicht mehr weiterrollen, er muss zur Bremswartung. Und das hat Konsequenzen für den ganzen Betriebsablauf, es drohen Verspätungen. Bei einem schwerwiegenden Regelverstoß ist dann ganz schnell die Fahrgenehmigung fürs Vorfeld wieder weg.

Anhand einer großen Flughafen-Karte, einer Magnettafel mit Flugzeugen und Autos sowie einer Power-Point-Präsentation erklärt Ausbilder Simon, worauf die Teilnehmer achten müssen. „Wenn ihr nicht sicher seid, ob ihr es noch schafft, vor dem Flugzeug die Bahn zu kreuzen, dann bleibt stehen. Das Flugzeug hat immer Vorrang“, warnt er. Daher gilt auf dem Vorfeld auch ein Tempolimit von 30 Kilometer pro Stunde. „Mitunter müsst ihr Schritttempo fahren“, sagt Simon. Und daran sollten sich die Mitarbeiter halten, wie im normalen Straßenverkehr wird auch am Frankfurter Flughafen geblitzt, Verstöße werden geahndet. Ebenfalls eine goldene Regel: Die rote Trennlinie zum Rollfeld, zu dem Start- und Landebahn gehören und nur von ganz wenigen bestimmten Fahrzeugen wie dem Follow-Me befahren werden darf, ist für die Vorfeldfahrer tabu.

„Gefahr, beim Fahren Fehler zu machen, ist groß“

Bei den vielen stehenden Flugzeugen müssen die Fahrer stets darauf achten, ob sich die Maschine noch in der Abfertigungsphase befindet oder schon startbereit ist. „Wenn die Lichter blinken, die Triebwerke laufen, keine Bremsklötze mehr unter den Reifen stehen und sonst nichts mehr vor der Maschine steht, sind das Anzeichen, dass sie gleich losrollt“, zählt Simon auf. Auf noch etwas müssen die Fahrer achten. „Nehmt niemals einen verlorenen Koffer mit, sonst könntet ihr des Diebstahls bezichtigt werden“, warnt der Ausbilder. „Hände weg“ heißt es auch bei heruntergefallenem Fracht- und Gefahrgut, dafür sollte lieber die zuständige Behörde informiert werden, die sich dann umgehend darum kümmert. Im Übrigen herrscht auf dem Vorfeld ein striktes Alkohol- und Rauchverbot. Die Promillegrenze liegt bei 0,0.

Und es gibt noch viel mehr zu beachten. Das flößt Henrik Wittgruber, der für IWS Security arbeitet, schon Respekt ein. Er war erst zweimal auf dem Vorfeld unterwegs und hat die Nacht auch schlecht geschlafen. „Ich bin seit einem Jahr am Flughafen beschäftigt und habe nun die Position gewechselt. Künftig werde ich viel auf dem Vorfeld unterwegs sein“, erzählt der 30-Jährige. „Die Gefahr, beim Fahren auf dem Vorfeld Fehler zu machen, ist schon groß“, sagt er. Etwas aufgeregt ist er daher.

„Die Prüfung ist schon eine kleine Herausforderung“

Jörg Knuth dagegen ist mit dem Vorfeld schon recht gut vertraut. „Ich bin bislang mit meinen Kollegen mitgefahren. Die Prüfung heute ist schon eine kleine Herausforderung, aber ich kenne das Areal ja schon“, sagt der 31-Jährige zuversichtlich. Das Feld zu kennen, ist schon mal von Vorteil. Aber Leiterin Auhl weiß auch: „Selbst, wenn man das Vorfeld kennt, hat man manchmal das Gefühl, dass zwei Augen allein nicht reichen, weil man bei dem ganzen Gewusel viel beachten muss.“ Und es ist auch schon vorgekommen, dass Teilnehmer die Prüfungsfahrt nicht bestanden haben.

Dann geht es an den praktischen Teil. Für jeden „Fahrschüler“ ist eine halbe Stunde mindestens vorgesehen. Bevor es aufs Vorfeld geht, muss jeder durch die Sicherheitsschleuse, alle tragen ab jetzt eine gelbe Warnweste. Die Prüflinge verteilen sich auf zwei Autos. Dominik Lugge von Condor Technik und Niklas Semmler fahren bei Guido Simon mit, der sie von der Cargo City Süd zunächst einmal über das ganze Flughafengelände bis ganz ans westliche Ende vom Terminal 1 bringt. Bei dieser „Infofahrt“ weist der Ausbilder nochmal auf die Besonderheiten des Vorfeldes hin. „Die blauen Windfangzäune sind ebenfalls ein Zeichen, dass sich dahinter das Rollfeld befindet“, erklärt er. Vorbei geht es an Frachtwagen, den Terminals und den Flugzeugen. Aus nächster Nähe beobachten sie einige große Maschinen, die sich auf dem Rollfeld zum Start bereit machen.

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Dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Simon das Steuer an Semmler übergibt. Wie in jedem anderen Fahrschulauto, befinden sich auf der Beifahrerseite zusätzliche Pedale, mit denen der Ausbilder zur Not eingreifen kann. „Falls es passiert, dass ihr in einer Situation nicht wisst, was ihr machen oder wie ihr reagieren sollt, dann fahrt an die Seite und wir besprechen das“, schärft er ihnen ein.

Doch der 24-jährige wirkt recht routiniert. Als er an den ersten Jets vorbeifährt, sagt er, was er sieht und warum er denkt, dass er gefahrlos vorbeifahren kann. Straßenschilder in dem Sinne gibt es nicht, die Zeichen sind auf den Asphalt gemalt. Ein Vorschriftszeichen ist am Flughafen jedoch häufiger zu sehen und zu beachten: Stopp bei Rollverkehr. Nähert sich ein Flieger auf 200 Meter, muss das Auto anhalten. Genau das passiert Semmler, als er der abknickenden Straße folgen soll. In diesem Moment nähert sich – von vorne kommend – ein A380 von Singapore Airlines. Er bremst am Stoppschild ab und wartet, bis die Maschine vorbeigerollt ist, die schon relativ viel Tempo aufgenommen hat. Fast scheint es so, als ob die Enden des riesigen Flügels das Auto berühren könnten, wodurch auch deutlich wird, wie wichtig die Abstände zu den Fliegern sind.

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Derzeit sind es rund 27.000 Flughafen-Arbeiter, die einen Vorfeldführerschein besitzen. Pro Jahr absolvieren etwa 3500 die Prüfung. Grundsätzlich darf nur derjenige die Ausbildung nutzen, der direkt am Flughafen arbeitet und unmittelbar mit dem Vorfeld zu tun hat. Wer den praktischen Teil bestanden hat, erhält auf seinem Ausweis, den jeder Flughafen-Mitarbeiter haben muss, ein F aufgedruckt.

Nach etwa einer halben Stunde ist die Fahrt für Niklas Semmler beendet. Ausbilder Guido Simon hat nichts zu beanstanden. „Aufmerksamer Blick auf die Flieger, korrekt eingeschätzt, Zeichen beachtet. Von meiner Seite aus gibt es keinen Grund, die Bescheinigung nicht zu erteilen“, sagt er, überreicht dem 24-Jährigen lächelnd die Teilnahmebescheinigung und schüttelt ihm die Hand.

Niklas Semmler wirkt nun doch ein wenig erleichtert und nimmt das wichtige Dokument entgegen, was ihm bald den Buchstaben F auf seinem Ausweis einbringen wird. Von nun an ist er in dem Verkehrsgetümmel auf dem Vorfeld auf sich allein gestellt.

Quelle: op-online.de

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