Flughafen eröffnet

Kommentar zu Kassel-Calden: Pointen statt Profit

Just am ersten Tag nach der Eröffnung der mutmaßlichen Totgeburt „Regionalflughafen Kassel-Calden“ müssen 6 - in Worten sechs - potenzielle Fluggäste mit dem Taxi zum benachbarten Airport Paderborn gekarrt werden, weil sich die Fluggesellschaft weigert, wegen einer Handvoll Passagiere den neuen Flugplatz anzufliegen.

Damit ist klar, dass das Millionengrab in Nordhessen keinen Gewinn, aber immerhin gute Pointen produziert. Das geht schon länger so. Man schrieb den 1. April 2012, als der Verkehrsclub von Deutschland VCD einen Anschluss von Kassel-Calden an die Magnetschwebebahn Transrapid forderte. Argument: Nur so lasse sich „das unzweifelhaft vorhandene Potential für nachhaltige Geldvernichtung optimal ausnutzen.“

Kassel-Calden: Man liebt oder man hasst es. Indifferenz ist nicht möglich. Die Befürworter - im vorliegenden Fall bilden sie die Minderheit - argumentieren mit dem notwendigen Ausbau der Infrastruktur für das boomende Nordhessen. Der alte Flugplatz habe einfach nicht ausgereicht, heißt es. Andernorts werde auch viel Geld in Straße und Schiene gesteckt. Geld, was man dann eben nicht zusammenzähle, wenn später wirtschaftliche Erfolge gefeiert würden.

Prognosen für Kassel-Calden

Außerhalb von Nord-Sibirien raufen sie sich die Haare angesichts der miesen Prognosen für Kassel-Calden. Immerhin hat man den Termin für die Fertigstellung eingehalten, es gab kein bautechnisches Desaster wie in Berlin, und man muss sich nicht mit Fluglärmgegnern rumschlagen. Wie sollte auch Widerstand keimen bei zwölf planmäßigen Flügen. Pro Stunde? Nein, pro Woche!

Und um die müssen sie auch noch bangen, denn Paderborn, nur 70 Kilometer entfernt, kämpft ebenfalls verbittert um Kundschaft. Im Umkreis von 200 Kilometern gibt es fünf Flughäfen, eine exzellente Anbindung der Region durch Schiene und Straße existiert bereits. Den meisten deutschen Regionalflughäfen geht es nicht besonders gut. Jetzt haben wir einen mehr. Kassel-Calden ist ein Projekt, dessen Bilanz bereits zum Start tiefrot gefärbt ist. Korrektur unmöglich, Niederschreien nutzt nichts mehr.

Regionalpolitik und Image

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Politiker denken selten an Rentabilität, dafür aber umso mehr an Regionalpolitik und Image. Nicht umsonst landeten auch die hochumstrittenen ICE-Bahnhöfe in Montabaur und Limburg im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler. Großprojekte - Stichwort Elbphilharmonie, der Flughafen Berlin-Brandenburg, Stuttgart 21 - werden erst schöngerechnet und wenig später ist es dann für den Ausstieg zu spät. Bei dem gestern eröffneten Regionalflughafen explodierten die Kosten von 150 auf 271 Millionen Euro - und das in Zeiten, wo allenthalben Geld für wirklich Sinnvolles fehlt.

Condor-Chef Ralf Teckentrup hat vor wenigen Wochen eine zentrale Flughafenplanung für ganz Deutschland gefordert. Diese bemerkenswerte Idee lässt sich weiterspinnen: Mehr vernetzte Planung - das darf bei den Flughäfen nicht enden. Leute wie Teckentrup reden an gegen eine Phalanx von ehrgeizigen Regional- und Landespolitikern, gegen Kirchturmdenken im kleinen und im großen Format, gegen einen Föderalismus, der auch andernorts Sumpfblüten treibt.

Aus dem absehbaren Debakel in Nordhessen lässt sich sehr wohl etwas lernen, Ob dies Folgen hat, liegt an uns.

von Michael Eschenauer

Quelle: op-online.de

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