Weniger Fluglärm: „...versuchen wir das Unmögliche“

+
Einer der Köpfe hinter den Fluglärm-Protesten: Herbert Oswald.

Mörfelden-Walldorf - „Chronisch-progrediente Multiple Sklerose“ - so etwas bremst einen Herbert J. Oswald vielleicht, aber es stoppt ihn nicht. Seit er denken kann, ist der 53-Jährige politisch aktiv. Derzeit als offizieller Anmelder der Montags-Demos im Flughafenterminal. Von Michael Eschenauer

Er leitet die Veranstaltung, hält seinen Kopf hin, wenn es bei dem Auftrieb der zuletzt 5000 wütenden Fluglärm-Protestler im Terminal B zu Übergriffen kommt. Das funktioniere, sagt „Jossy“, wie Oswald in der Szene genannt wird, nur mit vielen Helfern. 100 Ordner sind bei einer derart großen Gruppe vorgeschrieben. Da brauchen selbst Leute Hilfe, die nicht im Rollstuhl sitzen.

„Abschiebeflughafen - schämt euch!“, steht auf seinem Briefkasten neben einem Anti-Fluglärm-Aufkleber. Der Mann ist Widerstand pur. Das Haus von Oswald in einem biederen Viertel von Mörfelden-Walldorf fällt auf. Auf einer Terrasse im ersten Stock mit Wintergarten flattern bunte tibetische Gebetsfahnen. Hinten ist ein Privataufzug angebaut. „Auch wenn ich nicht mehr Autofahren kann, komme ich doch ohne fremde Hilfe zu den Demos“, sagt Oswald und zieht sich an den Handläufen, die jede Wand seines behindertengerecht umgebauten Elternhauses säumen, dem Besucher entgegen. Er nimmt den Lift und dann den öffentlichen Bus, um zu Podiumsdiskussionen, Behörden oder eben den Montags-Demos zu kommen. Der Mann hat eine Botschaft - aber wenig mit Religion am Hut. Die Gebetsfähnchen sind nur Verzierung. „Glauben Sie bloß nicht, ich wäre ein Gebetsheini.“

Der „Mister Ausbau-Stopp“

Oswald arbeitet im Leitungsteam des Bündnisses der Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau (BBI) mit. Das ist die Dachorganisation von über 70 lokalen Gruppen. In der Region ist er so etwas wie der „Mister Ausbau-Stopp“. Seit den 70er Jahren, damals ging man noch in den Wald, um den Bau der „Startbahn 18-West“ zu verhindern, hat er so viele Demonstrationen bei den Behörden angemeldet, dass er aufgehört hat, sie zu zählen. Im Wald bei der Startbahn war es auch, als einem Begleiter sein häufiges Stolpern auffiel. Das war im Jahre 2002. Oswald ließ sich untersuchen. Diagnose: Multiple Sklerose. „Als ich nicht mehr richtig bremsen konnte, habe ich auch das Autofahren beendet“, sagt Oswald. Seit 2006 ist er Rollstuhlfahrer. Er versuche, den Krankheitsverlauf hinauszuzögern. „Ich habe gute Leute und meine Freundin Jane.“ Aufgeben? „Man darf nicht jammern, anderen geht es schlechter.“

Angefangen hat das politisches Engagement des Vaters einer 31-jährigen Tochter und mittlerweile Opas in der Friedensbewegung, dann kam der Kampf gegen die Atomkraft hinzu und schließlich der Flughafen. „Man muss versuchen, eine gerechtere Welt, eine sozialere Welt hinzukriegen. Und das geht nur, wenn man im persönlichen Umfeld aktiv wird“, sagt der streitbare Mann. „Ohne den Widerstand hätten die am Flughafen gnadenlos ihre Riesenkonzepte aus der Schublade gezogen. Dann würde es hier gar keinen Wald mehr geben.“

Dynamik der Anti-Ausbau-Bewegung überrascht

Die sich jüngst verstärkende Dynamik der Anti-Ausbau-Bewegung hat selbst den alten Hasen überrascht. Aber wie geht‘s jetzt weiter? „Schwierig zu sagen“, meint Oswald. „Wir müssen stärker werden und einen langen Atem haben.“ Wichtig sei, dass sich die Frankfurter Ausbau-Gegner mit anderen Bewegungen weiter vernetzten, und das Thema noch tiefer in die politischen Institutionen eindringe, so dass, wie jetzt in Frankfurt auch Oberbürgermeisterkandidaten wie Boris Rhein von der CDU umdenken müssten. „Wir waren noch nie so präsent wie jetzt als Faktor im politischen Geschehen.“

Ziele bleiben ein absolutes Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr, eine verbindliche Obergrenze für Starts und Landungen und ein Rückbau des Flughafens. Natürlich müsse die neue Landebahn geschlossen werden. Der Flughafen sei „ein Krebsgeschwür, das sich in meine Heimat frisst“, sagt Oswald. Der Widerstand dagegen sei nicht mehr symbolisch wie seinerzeit bei den Rodungsarbeiten für die neue Startbahn, sondern existentiell. „Die Leute können einfach nicht mehr leben in dem Lärm.“ Um dem weiteren Wachsen des Frankfurter Flughafens Einhalt zu gebieten, seien vielleicht noch 30 bis 40 Protestmontage nötig. Möglicherweise müsse man sogar eine Zeitlang im Terminal 1 campieren. Oder täglich dort demonstrieren. Selbst eine Blockade des Frankfurter Hauptbahnhofs sei denkbar, wenn die Politiker weiter versuchten, die Sache auszusitzen, so Oswald. Selbst ein Sieg vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, das ab 13. März über das absolute Nachtflugverbot verhandelt, bedeute nicht automatisch, dass man mit den Demos aufhören werde. Wir werden erst die neue Situation bewerten“, sagt Oswald. „Die Leute sollten bis 67 Jahre arbeiten, die Studenten und Schüler sollen lernen, und die Erwachsenen im Beruf funktionieren - „aber wie kann das funktionieren ohne Schlaf?“

„Der Flughafen gehört den Bürgern“

Die neuen Bewegungen direkter Demokratie wie bei „Stuttgart 21“ zeigten immerhin, dass sich der Bürger nicht länger nur als Stimmvieh sehe, dessen Interessen gegen die großen Lobbygruppen keine Chance haben. „Der Flughafen gehört dem Land Hessen und der Stadt Frankfurt - also den Bürgern. Und die haben die Entscheidungsgewalt.“

Durch die Krankheit, so Oswald, „sehe ich manches klarer.“ Manches geht aber auch einfach nicht mehr. Ein Angebot von Robin Wood, ihn im Kelsterbacher Wald auf eine Baumplattform der Umweltaktivisten in luftiger Höhe mitzunehmen, hat er ausgeschlagen. „Zu unsicher mit dem Rollstuhl.“ Auch ein Übernachten im Terminal komme nicht in Frage, und bei der Montagsdemo am 12. Dezember sei er zuhause geblieben. „Eine Erkältung - so was schwächt mich viel stärker als einen Gesunden.“ Der Mann mit dem grauen Vollbart muss seine Kraft einteilen. Auch weil er berufstätig ist. Ihm gehört eine internationale Spedition. Motto: „Friendship through Commerce“ Der gelernte Luftfrachtspediteur hat übrigens seine Ausbildung am Frankfurter Flughafen gemacht.

Alles zum Thema Flughafen Frankfurt und Fluglärm lesen Sie im Stadtgespräch

Rückzug kommt für Oswald nicht in Frage. „Ich habe das ganze Leben lang versucht, Unrecht zu bekämpfen. Wenn ich das jetzt zur Seite lege, gebe ich einen Teil meines Lebens und meiner Identität auf.“ In seinem Wohnzimmer hängt ein Porträt des Guerillaführers bei der kubanischen Revolution, Che Guevara. Von ihm stammt das Zitat: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“

Der Satz ist Oswald Lieblingsspruch.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare