Fluglärm: Ganz locker machen

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Ernst Müller ist der Chef der Lobby-Organisation ProFlughafen. Für ihn ist der Ausbau ohne Alternative, wenn es im Rhein-Main-Gebiet weiter blühende Landschaften geben soll.

Frankfurt - Im Buddhismus gibt es das „Prinzip der leeren Teeschale“: Vereinfacht besagt es, dass sich der Mensch jeder Situation ganz bewusst ohne Vorurteile, ohne vorgefertigte Gefühle oder Denkstrukturen stellen soll. Von Michael Eschenauer

Wirkliche Freiheit des Denkens und Handelns, so die Vorstellung, kann nur entstehen, wenn man zunächst gleichmütig, eben „leer wie eine Teeschale“, ist.

Ernst Müller hat wenig, das an einen Zen-Jünger erinnert - und dennoch glaubt der Geschäftsführer der Lobbyorganisation „Pro Flughafen e.V.“, mit der leeren Teeschale den immer heftiger tobenden Streit um den Frankfurter Flughafen lösen zu können. Den Anti-Ausbau-Protestlern, die sich am Montagabend nach der Weihnachtspause wieder im Terminal 1 treffen werden, gibt er einen Rat: Einfach dem Krach unvorbelastet, emotional offen gegenübertreten.

„Das Hören geht über den Kopf“

„Das Hören geht über den Kopf und weniger über die Ohren“, weiß Müller. Wenn Lärm, speziell Fluglärm, für den Betroffenen mit einem Gefühl des Nutzens, der Sinnhaftigkeit verbunden, also positiv besetzt sei, werde er automatisch erträglicher. Nie würde Müller das Prinzip als positive Selbsthypnose bezeichnen, aber wissenschaftlich bewiesen sei das ganze schon, so der Mann, den 38 dem Flughafen wohlgesonnene Firmen dafür bezahlen, dass er in der Rhein-Main-Region als Gemüts-Gärtner Landschaftspflege für den Airport betreibt.

So hätten Schlafforscher festgestellt, dass die zahlreichen Aufwachreaktionen, die jeder, auch der flughafenferne Mensch, nachts durchlebe, meist am Morgen nicht erinnert würden. Wichtig sei, dass die Störungen im Unterbewusstsein als normal und ungefährlich abgebucht würden. Das, so der Diplomingenieur, habe es schon bei den Urmenschen gegeben.

Störung führt zu Stress und Ärger

Problematisch werde die Sache, wenn die Störung zu Stress und Ärger führe. „Genau das ist der Fall beim Fluglärm in der Nacht“, sagt Müller. Man steigere sich in das Gefühl des Belästigtseins hinein. Gewohnheit und Gelassenheit sind in Herrn Müllers Welt die Schlüssel zu einer besseren Nachtruhe in den sogenannten Lärmschutzzonen. Das funktioniere selbstverständlich auch am Tage. „Man muss es einfach sehen: Fliegen, Mobilität haben ihre Notwendigkeit - und wir profitieren alle davon“, sagt Müller. Er rät den Protestlern, sich dies mal vor Augen zu führen.

Die Debatte über den Flughafen und sein Wachstum sei zu stark vom Lärmthema dominiert. „Das macht die Leute hellhöriger, sensibler“, sagt Müller. So bilde sich ein Regelkreis, in dem sich die Menschen in ihrer Genervtheit gewissermaßen gegenseitig hochschaukelten.

Akzeptanz erhöhen, Teeschale leeren

Also: Akzeptanz erhöhen, Teeschale leeren. Fragt sich nur, wie? Wieder Kopfwiegen bei dem Mann mit dem blauen Pullover. Es sei Aufgabe der Kommunen rund um den Flughafen und der dazugehörigen Bürgermeister, den Bürgern die Sache positiver zu verkaufen. Immerhin gebe man ja bei jeder Gelegenheit mit seiner guten Anbindung an das Luftdrehkreuz an und profitiere auch sonst davon. Man habe versäumt, die Öffentlichkeit für den Ausbau zu gewinnen, sie emotional mitzunehmen.

Von dem einst versprochenen Nachtflugverbot hat Müller, der ProFlughafen seit der Gründung im Jahre 2000 repräsentiert, nie viel gehalten. „Man soll niemals nie sagen - das holt einen ein, früher oder später.“ Das Versprechen sei völlig ohne Veranlassung gegeben worden.

Auch die Teeschale von Herrn Müller ist also keinesfalls leer, sondern gefüllt mit warmen Gedanken über den Flughafen. Außerordentlich hilfreich dabei mag sein, dass der Mann in einer idyllischen Nebenstraße in Dillenburg wohnt, und von Flugzeugen zuhause nach eigener Aussage kaum mehr als Kondensstreifen mitbekommt.

„Hohe Belastung außerhalb des Flughafenzauns“

Die „hohe Belastung außerhalb des Flughafenzauns“ mag er nicht völlig abstreiten. „Ich war in Flörsheim, da muss etwas für die Leute passieren. Entlastung muss kommen“, sagt er. In der Pflicht sei aber bei der Frage einer besseren Entschädigung oder dem verstärkten Abkaufen unbewohnbarer Häuser nicht der Flughafen, sondern die Stadt Frankfurt. „Die Herren dort verdienen gut am Flughafen.“

Ein Wechsel des Wohnorts ist für den Mann aus dem stillen Dilltal durchaus eine Option. Wer wolle, könne es ihm ja gleichtun und gen Norden ziehen. „Die Grundstückspreise bei uns sind günstig.“ Eine sozial negative Veränderung von Stadtteilen durch massenhaftes Kofferpacken derer, die sich eine Flucht leisten können, befürchtet er nicht. Derartiges komme auch an vielbefahrenen Straßen oder in der Nähe emissionsstarker Fabrikanlagen vor. Es gebe auch keine Hinweise, dass der Fluglärm die Attraktivität der Region als Standort für Firmen mindere - im Gegenteil.

Begrenzung der Flugbewegungen

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Wegziehen also. Oder gibt es sonst noch etwas? Eine Begrenzung der Flugbewegungen scheidet für den Mann, auf dessen Schreibtisch sich Presseberichte über Fluglärmdebatten, Fachzeitschriften und ein Flugzeugmodell den Platz teilen, aus. „Die Funktion des Flughafens als internationale Drehscheibe darf nicht beschädigt werden.“ Also, was tun? Lange Pause. Erneutes Kopfwiegen. „Passiver Lärmschutz“, stößt der deutlich jünger wirkende 71-Jährige hervor, der die Möglichkeiten einer weiteren Lärmreduzierung modernen Fluggeräts für fast ausgereizt und gemessen am Effekt für sehr teuer hält. Also Lärmschutzfenster, dickere Dächer und Schlafzimmer-Lüfter. Das Schlagwort vom „Hausarrest für die gesamte Region“ hält Müller für „überspitzt“. Dies gilt auch für die Befürchtung vieler Eltern, sie könnten wegen der Flieger ihre Kinder nicht mehr draußen spielen lassen. „Spielende Kinder lassen sich nicht durch das stören, was irgendwo da oben passiert. Bei solchen Debatten schickt man ja gerne die Kinder vor.“

Natürlich, so Müller, könne man sagen: „So, das reicht jetzt an Lärm“, aber man müsse die Konsequenzen bedenken. Er spricht nicht vom Absinken auf das Niveau eines Regionalflughafens, aber die Rolle als internationales Luftdrehkreuz werde man mit Beschränkungen oder gar einen Zurückfahren der Flugbewegungen in Zeiten globalen Wachstums der Luftfahrt wohl nicht behalten. Die Frage ist für ihn: „Will die Region interessant bleiben, will sie sich der Welt anbieten mit Produkten und Verbindungen?“ Wenn sie das wolle, impliziere das eben mehr Flugzeuge und mehr Krach. Das sagt Herr Müller natürlich nicht so. Er spricht von „Veränderungen“.

Für Offenbach hat er leider wenig Trost

Für Offenbach hat er leider wenig Trost. Hier müsse man halt mit der Tatsache fertigwerden, dass der Flughafen seine Start- und Landebahnen vor vielen Jahren so und nicht anders angelegt habe. Und ein bisschen Schuld trage man auch selbst: Offenbach hätte früher die Ausweisung neuer Wohngebiete in Problemzonen bremsen müssen, wenn Lärmschutz als so bedeutungsvoll angesehen werde. „In der Region herrscht zu viel Kirchturmsdenken“, weiß Müller. So hätte man schon vor 20 Jahren interkommunale Wohngebiete in ruhigen Gegenden ausweisen müssen.

Und wie geht es weiter? „Eine Entspannung der Lage wird es erst geben, wenn juristische Klarheit herrscht“, sagt Müller und spielt auf die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig zum Nachtflugverbot im Frühjahr an. „Wir müssen das einfach sehen: Die Zukunft findet in den Ballungsräumen statt. Und hier wird nicht gemütlicher, auf keinen Fall.“

Quelle: op-online.de

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