Fluglärm im Rhein-Main-Gebiet

Keine Ruhe - nirgends

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Ob die Debatte um den Fluglärm MInisterpräsident Bouffier im Wahljahr tatsächlich die Suppe versalzen wird, ist nicht sicher. Ein Reibungspunkt bleibt sie.

Frankfurt - Wer erwartet hat, die Proteste gegen den Flughafenausbau in Frankfurt würden schon irgendwann verstummen, sieht sich getäuscht. Auch über ein Jahr nach Eröffnung der neuen Landebahn ziehen Demonstranten Montag für Montag lärmend durch das Terminal. Von Sabine Ränsch

Zu Karneval in bunten Kostümen, besinnlich im Advent, mal mit Weinköniginnen, in der Walpurgisnacht mit Hexen. Auch draußen ebbte der Protest gegen den Fluglärm das ganze Jahr über nicht ab. Menschenkette am Main, Proteste auf Brücken. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde im Juni mit Trillerpfeifen vor der Paulskirche begrüßt, als sie zum Abschied von Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) kam. Fluglärm-Live-Übertragungen gab es vor den Privathäusern von Managern und Politikern. Der Protestlärm wurde gehört: Die Landesregierung berief einen Fluglärmgipfel mit der Luftfahrtbranche ein, eine „Allianz für Lärmschutz“ wurde gegründet, ein 265 Millionen schwerer Schallschutzfonds eingerichtet. Die Flugsicherung arbeitet an weniger belastenden Flugrouten.

Die rund 80 Bürgerinitiativen rund um Deutschlands größten Flughafen fordern dennoch „Die Bahn muss weg“. 2013 wollen sie weiter jeden Montag im Terminal demonstrieren und sich kräftig in den Wahlkampf einmischen. „Nicht nur die Landebahn, sondern auch die politisch Verantwortlichen müssen weg“, sagt Ingrid Kopp, Sprecherin des Bündnisses. Sie sieht Erfolge der Protestbewegung: Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts im Frühjahr habe zwar die Erweiterung des Flughafens nicht gekippt, aber das Nachtflugverbot festgeschrieben, auch wenn die sechsstündige Ruhe zwischen 23 und 5 Uhr nicht ausreiche. „Das ist keine Schlafenszeit für Kinder“, sagt Kopp und fordert Ruhe ab 22 Uhr. Dabei hat der Flugbetrieb auf dem Airport in diesem Jahr nicht zu-, sondern sogar leicht abgenommen - nicht als Folge der Proteste, sondern wegen der internationalen Wirtschaftslage: In den ersten elf Monaten zählte Flughafenbetreiber Fraport 447.817 Starts und Landungen, 0,2 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Mit dem Bau des dritten Terminals will sich Fraport nach den weiteren Prognosen richten.

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Der Rückgang des Verkehrsaufkommens zeige, dass die ganze Flughafenerweiterung eine Fehlplanung sei, sagt Kopp. Sie verlangt eine Deckelung der Flugbewegungen auf 380.000 Starts und Landungen pro Jahr, innerdeutsche Flüge müsse es gar nicht mehr geben. „Damit könnte die Region leben. Wir sind Ausbau-, keine Flughafengegner“, sagt Kopp. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) versichert, er habe Verständnis für die Situation der Anwohner. Allerdings lässt der Regierungschef keinen Zweifel daran, dass der Flughafen als wirtschaftlicher „Herzmuskel“ der Region mit Bedeutung weit über Hessen hinaus eine Perspektive haben müsse. Eine Schließung der Landebahn komme nicht infrage. Notwendig sei aber Rücksicht auf die Menschen, sie dürften nicht vertrieben werden.

Beispiellos sei das Lärmschutzprogramm, auch lärmabhängige Gebühren für Starts und Landungen und ein Nachtflugverbot gebe es an keinem vergleichbaren Flughafen. „Leiser, Stück für Stück“, müsse es werden, sagt Bouffier und nennt Änderung der Anflugrouten und leisere Maschinen als Beispiele. Das gehe freilich nicht von heute auf morgen, und Akzeptanz sei auch nötig: „Wenn mir jemand sagt, “ich will in meinem Garten ungestört sein“, das kann ich ihm nicht versprechen.“ Kopp erkennt die Bemühungen an: „Alles, was getan wird, ist begrüßenswert.“ Aber nach wie vor gebe es keine Lösung für die gesamte Region, der Lärm habe sich mit der neuen Bahn verschoben. Zu den neuen Betroffenen gehören Flörsheim im Westen und die südlichen Frankfurter Stadtteile im Osten des Flughafens.

Eine Demonstration für den Flughafen gab es auch: Im März folgten mehrere tausend Menschen dem Aufruf der Initiative „Ja zu Fra“, die von Fraport sowie den Fluggesellschaften Lufthansa und Condor gegründet worden war. Fraport-Chef Stefan Schulte wird nicht müde, den lärmgeplagten Flughafen-Nachbarn Verständnis zu versichern. Auch er betont stets die wirtschaftliche Bedeutung des Airports. Das vielfach genannte Argument, der Flughafen schaffe neue Arbeitsplätze, hält Lärmgegnerin Kopp aber für falsch: Es würden keine neuen Arbeitsplätze geschaffen, sondern nur von anderswo hierher verlagert.

dpa

Quelle: op-online.de

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