Kein Wertverlust von Immobilien

Fluglärm schadet nur den Nerven

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Kommt zum Lärm massiver Wertverlust von Immobilien? Das fragen sich viele Hausbesitzer in Stadt und Kreis Offenbach. Werner Seel aus Flörsheim hat sein Haus im Rahmen einer Aktion für besonders lärmbelastete Viertel an den Flughafenbetreiber Fraport verkauft.

Frankfurt - Dass der Fluglärm die Menschen in der Region nervt, ist unbestritten. Für viele, die Wohneigentum besitzen, kommt allerdings die Angst vor einem Wertverlust ihres Hauses oder ihrer Eigentumswohnung hinzu. Von Michael Eschenauer

Am Lärm lässt sich vorerst nicht viel ändern - allein die Angst vor Vermögenseinbußen scheint in den meisten Fällen unbegründet zu sein, wie Experten sagen.

„Preistrend und Preisniveau sind in durch Fluglärm belasteten und unbelasteten Gegenden praktisch identisch“, stellt Stephan Schlocker, Vorsitzender des hessischen Landesverbands des Rings Deutscher Makler (RDM), fest. Schlocker, der auch im Vorstand der Immobilienbörse der Frankfurter IHK sitzt, nennt als Grund die ausgeprägte Nachfrage nach Immobilien im Frankfurter Umland.

Lärm ist kein Argument bei Preisverhandlungen

Hinzu kommt ein subjektiver Faktor: „Wer hier als Neukäufer auftritt, kennt oft nicht die Ruhe vor dem Flughafenausbau“, so Schlocker. Deshalb spiele der Lärm als Argument bei Preisverhandlungen nicht die Hauptrolle. „Wer auf Fluglärm empfindlich reagiert, tritt erst gar nicht als Interessent auf, aber es gibt genug Ersatz.“ Die Preissteigerungen für Immobilien beziffert der Makler auf jährlich drei bis fünf Prozent im Rhein-Main-Gebiet pro Jahr. Das gelte für Immobilien in lauten wie in leiseren Gegenden. Verkaufsfördernd wirke die Neigung, Ersparnisse angesichts von Inflationsgefahren in Sachwerte zu stecken, sowie das extrem niedrige Zinsniveau.

Ähnlich stellt sich die Lage auch für Gertrud Heimann, Maklerin in Offenbach, dar. Allenfalls könne der Verkauf etwas länger dauern. Die Käufer seien ohnehin anspruchsvoll. „Da muss alles stimmen“, so Heimann. Aber einen Preisverfall wie zum Beispiel auf der einst idyllischen Rosenhöhe, wo es in den 80er und 90er Jahren immer lauter geworden sei, erwartet sie zum Beispiel für die höherpreisigen Stadtteile Bürgel oder Rumpenheim nicht. Auch in der Kernstadt selbst hat sie preissenkende Wirkungen des neuerlich verstärkten Fluglärms nicht ausmachen können. Dies gelte auch bei den Mietpreisen. „Möglicherweise liegt dies daran, das der Lärm breit gestreut ist, und große Teile der Region betroffen sind“, so Heimann.

Viele andere Lärmquellen in der Region

Markus Demuth von Junker-Immobilien hat die Lage in den Landkreisen rund um Offenbach im Blick. Unzweifelhaft gebe es Fluglärm, gleichzeitig müssten die Menschen aber seit jeher mit vielen anderen Lärmquellen, beispielsweise durch den Verkehr auf Autobahnen und Durchgangsstraßen zurechtkommen und seien daran gewöhnt. Auch er hat keine negativen Wirkungen des Fluglärms auf das Preisniveau beobachtet. Allerdings gebe es verstärkt Anfragen aus dem stärker belasteten Sachsenhausen sowie aus Oberrad und Niederrad nach Immobilien zum Beispiel im Ostkreis. „Wer im Raum Frankfurt leben muss, sich aber Frankfurt-Stadt nicht leisten kann, sucht im Kreis Offenbach. Viele Menschen ziehen auch aus anderen Großstädten mit einem ebenfalls hohen Lärmpegel hierher. Die kennen das“, sagt Demuth.

Manfred Bernjus, Leiter des Vorstandsstabs der Sparkasse Offenbach, ist mit der Situation der Wertentwicklung deshalb vertraut, weil sich die Kreditmargen für Immobilienkäufe an deren Wert orientieren. Er bestägt die Einschätzung einer nur schwachen Wirkung des Fluglärms. „Die Stadt Offenbach ist ein interessanter Standort, gleichzeitig ist das Angebot begrenzt und die Nachfrage stabil und hoch“, so Bernjus. Deshalb verfange bei Verkaufsgesprächen das Lärm-Argument selten.

Vor wenigen Tagen hat der Gutachterausschuss für Immobilienwerte Frankfurt zum Thema Fluglärm und Wertminderung Stellung genommen. Vorsitzender Michael Debus: „Wir haben einen Werteverfall allenfalls auf dem Lerchesberg. Denn erstens ist hier die Lärmbelastung hoch und zweitens handelt es sich um relativ alte Objekte, die im Falle eines Kaufs insgesamt modernisiert aber auch schallschutzmäßig nachgerüstet werden müssen.“ Mehr als eine Million könne man für die großen Anwesen in dem Nobelviertel im Süden der Mainmetropole nicht mehr verlangen.

Unterschied zwischen Altbestand und Neubauten 

In Stadtteilen, die von Flug- und Verkehrslärm betroffen seien, gebe es stets einen Unterschied zwischen Altbestand und Neubauten. „Bei Neubauten wird von vornherein Schallschutz eingebaut. Damit ist man gegen das Lärm-Argument bei Preisverhandlungen gefeit“, so Debus. Altbauten müssten dagegen oft aufwändig nachgerüstet werden. Das Phänomen sei bei dem neuen Wohngebiet auf dem Henninger-Areal zu besichtigen, wo direkt unter der Einflugschneise hochpreisig gebaut werde. Generell beuge die starke Nachfrage auch in Frankfurt einem Preisverfall vor. Zudem sei Lärm eine Gewöhnungssache. Bestes Beispiel sei ein Neubaugebiet in einem verlärmten Teil Flörsheims, dessen Vermarktung ohne Preisabschläge gut laufe, so Debus. „Wenn die Lage attraktiv und Lärmschutz möglich ist, bleibt das Objekt wertstabil“, so der Immobilienfachmann. Schlimmstenfalls könne man Preissteigerungen, wie sie andernorts vorkämen, nicht in vollem Umfang mitnehmen. Neubauten in Sachsenhausen seien immerhin trotzdem die teuersten in ganz Frankfurt.

Frankfurts Planungsdezernent Olaf Cunitz (Grüne) erinnerte an die vielen Viertel, die unter Lärm auch aus anderen Quellen leiden würden und trotzdem nicht verödeten.

Quelle: op-online.de

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