Epidemologe Greiser legt neue Studie vor

Fluglärm: In zehn Jahren 3400 Tote

Lärm nervt nicht nur, er macht auch krank. Duie beiden Anflugkorridore auf dem Frankfurter Flughafen über Offenbach. Die Grafik stammt vom Flughafenexperten Dieter Faulenbach da Costa aus Offenbach. Vergrößerte Ansicht

Neu-Isenburg - Die Geräuschbelastung durch den Frankfurter Flughafen führt - insbesondere in den Abend- und Nachtstunden - zu mehr Krankheiten und Todesfällen. Von Michael Eschenauer

Einer jetzt vorgelegten Studie zufolge wird das nicht vollständig realisierte Nachtflugverbot in den kommenden zehn Jahren 3400 Menschen das Leben kosten und medizinische Folgekosten von 1,6 Milliarden Euro verursachen.

Schlaganfall oder Herzinfarkt

Autor der Untersuchung ist kein Unbekannter: Der Professor der Epidemologie an der Universität Bremen, Dr. med. Eberhard Greiser, hatte bereits Ende 2009 die Auswirkungen des Flughafens Köln/Bonn auf die Gesundheit der Menschen im Umland untersucht. Ergebnis: Wer hier wohnt, erleidet häufiger einen Schlaganfall oder Herzinfarkt oder wird psychisch krank. Greiser und sein Team hatten die Krankenkassendaten von einer Million gesetzlich Versicherter im Großraum Köln-Bonn mit unbelasteten Gegenden verglichen.

Menschen über 40 Jahre

Jetzt folgt der zweite Schlag des Wissenschaftlers, dem Gesundheitsexperten vorbildliche Arbeit bescheinigt hatten: Er nutzte das Datenmaterial zu den krankheitsauslösenden Wirkungen von nächtlichem Fluglärm in Nordrhein-Westfalen als Basis, um für den Frankfurter Raum Aussagen zu treffen. Damit werden nicht nur hypothetische Betroffenheiten, sondern reale humane und materielle Kosten dargestellt.

Eingang in die Untersuchung fanden nur Menschen über 40 Jahre, weil sich die fraglichen Krankheitsbilder erst dann zeigten, so Greiser gestern bei der Vorstellung seiner Arbeit im Neu-Isenburger Stadtteil Zeppelinheim. Der Wissenschaftler konzentriert sich auf die Wirkungen der Starts und Landungen zwischen 22 und 23 Uhr. Bis 2021, so seine Vorhersage, wird der Krach am Abend 23.400 zusätzliche Erkrankungen im Raum Frankfurt auslösen. Im einzelnen geht es um:

  • Herz- und Kreislaufkrankheiten: 6700
  • psychische Erkrankungen (Depression, Psychose): 7700
  • Demenz und Alzheimer: 3700
  • Diabetes: 4400
  • Krebs (außer Krebs der Atmungsorgane) 900

Lärm wirkt auf Schlafende verherrend

Bei der Risikobeurteilung im Fall von Köln/Bonn hatte sich, so Greiser, herausgestellt, dass das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung am stärksten ansteigt, wenn der Fluglärm zwischen 23 und 1 Uhr auftritt. Haupt-Krankheitsauslöser seien die ausgeschütteten Stresshormone und die Schlafstörungen, so der Epidemologe. Zwar sei Lärm auch tagsüber problematisch, auf Schlafende allerdings wirke er geradezu verheerend. Einzig Schwerhörige und „Ohropax“-Träger seien sicher. Was eine Ausdehnung des Nachtflugverbots auf die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr für Frankfurt bringe, sei mangels Datenbasis nicht abschätzbar.

Die Studie ist nicht unangreifbar

Der Flughafen Köln/Bonn, der dem Modell zugrundeliegt, hat keine Nachtflugbeschränkungen. Laut Greiser ist es durch zahlreiche Frachtmaschinen zwischen 23 und 1 Uhr besonders laut. In den sechs verkehrsreichsten Monaten des Jahres 2004 gab es in diesem Zeitraum im Schnitt 38 Flugbewegungen. In Frankfurt basiert die Risikoabschätzung auf einem anderen Zeitraum. Hier geht es um die Stunde von 22 bis 23 Uhr. Die offiziellen Statistiken zeigen hier für die sechs verkehrsreichsten Monate im Jahre 2012 durchschnittlich 71 Flugbewegungen. Greiser geht pro Nacht im Schnitt von 122 Flugbewegungen in Frankfurt zwischen 22 und 6 Uhr aus. Hinzu kommen die Ausnahmeflüge zwischen 23 und 5 Uhr. Hiervon gibt es im Schnitt 3,2 pro Nacht.

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Die Studie ist nicht unangreifbar. Kritiker werden einwenden, dass zum Zeitpunkt, auf dem die Abschätzung der Krankheitsrisiken für Frankfurt basiert, deutlich weniger Menschen schlafen als im Modell Köln/Bonn. Untersuchungen zufolge schlafen ab 23 Uhr maximal 70 Prozent der Bevölkerung. Vorher ist also die Betroffenheit geringer. Gleichzeitig fallen allerdings bei Greiser die Kinder in der Beurteilung völlig weg, doch auch sie leiden unter nächtlichem Lärm. Für die Prognose der Gesundheitskosten wurden Berechnungen des Statistischen Bundesamtes über Medikamentenverschreibungen, Krankenhausaufenthalte und Reha-Maßnahmen herangezogen. Sogar die Teuerungsrate und die Minderkosten durch Sterbefälle berücksichtigten die Wissenschaftler.

Greiser weist darauf hin, dass er nur auf Daten des Flugplanes von 2005 zurückgreifen konnte, die Landebahn Nordwest, die die Belastung verstärkt habe, also noch nicht berücksichtigt sei. Unter Umständen lägen also die Krankheitskosten viel höher. Auch würden die Piloten viel ungenauer fliegen, so dass es mehr Betroffene gebe, als die offiziellen Lärmzonen-Daten, die auf den Flugrouten basierten, aussagen würden.

Quelle: op-online.de

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