20 Engagierte aus Darmstadt

Foodsharing: Viel zu gut für die Tonne

+
Sebastian Werner vom Foodsharing-Team räumt neue Lebensmittel in den Kühlschrank der TU Darmstadt ein. Sie stammen aus Supermärkten in der Umgebung.

Darmstadt - Gerade war der Kühlschrank in einem kleinen Raum an der Darmstädter Uni noch leer. Jetzt füllt er sich rapide: mit Käse, Wurst, Joghurt und Gemüse. Von Isabell Scheuplein 

Lecker sehen die Lebensmittel aus – doch sie wären im Abfallcontainer gelandet, wäre nicht eine Gruppe junger Leute eingeschritten und hätte sie zur Uni gebracht. Zugreifen kann nun jeder, der möchte – ob Student oder Nicht-Student, Hartz-IV-Empfänger oder nicht. Foodsharing (Essen-Teilen) heißt das Konzept. Bundesweit gibt es Leute, die übriggebliebenes Essen aus dem eigenen Haushalt oder von Supermärkten kostenlos auf der Internet-Plattform www.foodsharing.de oder über Facebook anbieten und so vor der Mülltonne bewahren. Mehr als 38 300 aktive Benutzer in mehr als 200 Städten führt die Foodsharing-Plattform derzeit auf. In Darmstadt zählt die Gruppe rund 20 Engagierte.

Seit Anfang des Jahres der jederzeit öffentlich zugängliche Kühlschrank an der TU aufgestellt wurde, holen sie zweimal pro Woche aus mehreren Supermärkten Lebensmittel ab und stecken sie hinein. „Wer sich etwas herausnimmt, wissen wir nicht. Doch der Kühlschrank ist jedes Mal am nächsten Morgen leer“, sagt Sebastian Werner, der seit etwa einem Jahr beim Foodsharing mitmacht. Wachgerüttelt hat ihn ein Film über die unfaire Verteilung und die Massenproduktion von Lebensmitteln, berichtet der 29-jährige Maschinenbau-Student. Danach habe er zunächst für sich selbst Lebensmittel aus Containern von Supermärkten geholt. Doch er habe mehr bewirken wollen.

Lesen Sie dazu auch:

Internetbörse kämpft gegen Essensverschwendung

Gruppen, die übrig gebliebene Lebensmittel teilen, gibt es auch in anderen hessischen Städten, darunter in Wiesbaden und Frankfurt. Als Konkurrenz zu den Tafeln, die Essen aus Supermärkten an arme Menschen verteilen, sehen sich die Foodsharer nicht: „Wir gehen an Tagen in die Märkte, an denen die Tafel nicht kommt. So schließen wir Lücken.“ Einen Mangel an weggeworfenen Lebensmitteln gibt es in Deutschland beileibe nicht. Knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel sind es pro Jahr, wie schätzungsweise aus einer Studie der Uni Stuttgart von 2012 hervorgeht. Auch deshalb hat der Bundesverband Deutsche Tafel mit dem Foodsharing kein Problem, ganz im Gegenteil: Ziel sei in beiden Fällen, Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen, sagt eine Sprecherin. Foodsharer dürften Lebensmittel annehmen, die die Tafeln wegen rechtlicher Bestimmungen gar nicht weitergeben dürfen.

Probleme mit verdorbenen Lebensmitteln oder Vandalismus habe es bisher nicht gegeben, sagt Ulrike Beck vom Vorstand des Vereins Foodsharing mit Sitz in Köln, Betreiber des Internetangebots. Initiator ist Valentin Thurn, der 2011 mit dem Film „Taste the Waste“ die alltägliche Lebensmittelverschwendung angeprangert hatte.

Die Zahl der Plattform-Nutzer wächst laut Beck kontinuierlich. Als nächstes Projekt nennt sie eine App, um das Teilen für Smartphone-Benutzer einfacher zu machen. Auch wolle man in weitere Nachbarländer expandieren, Österreich und die Schweiz sind bereits an Bord. Nächstes Ziel der Darmstädter ist, noch mehr Privathaushalte zum Mitmachen zu bewegen. Denn von dort stammen fast zwei Drittel allen Lebensmittelmülls, sagt Werner. Erreichen will die Gruppe das mit noch mehr öffentlichen Kühlschränken – wenn sich weitere geeignete Orte und Sponsoren dafür finden lassen.

dpa

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare