Phänomen "Arbeitsnomaden"

Was vom Tage übrig blieb ...

Frankfurt - 16 Quadratmeter sind nicht viel. Ein Schreibtisch, eine Küchennische und ein Bad. Ist das Bett erstmal ausgeklappt, kommt man kaum noch durch bis zum Klo. Von Michael Eschenauer 

„Ich bringe Bettzeug und Kochgeschirr mit - und natürlich ein Trikot, einen Schal und die Fahne meiner Lieblingsmannschaft Real Madrid. So viel Platz muss sein. “ Juan Lopez verdient sein Geld bei einem Wertpapierhändler in Frankfurt, und an normalen Wochentagen tut er kaum etwas anderes. „Ich arbeite von sieben bis 20 Uhr. Da bleibt nicht viel Zeit außer Essen und Schlafen“, so der 42-jährige Spanier. Ab kommendem Montag lautet seine Adresse 60528 GreenSix, Hahnstraße 72.

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Das, was vom Tage übrig blieb, verbringt Lopez in der Frankfurter Bürostadt Niederrad. Das ist zwar kein Vergleich mit der Heimat - Lopez kommt aus Mallorca - trotzdem passt das „GreenSix“. „Es ist ideal. Das Appartement hat Hotelzimmergröße, ist aber billiger und ich kann es persönlich gestalten. Innenstadt und Stadtwald sind um die Ecke. Es ist eine Art Zuhause“, sagt der freundliche Mann in fließendem Deutsch. Der Finanzexperte, der alle ein bis zwei Monate nach Palma de Mallorca zu seiner Frau und zur kleinen Tochter in eine 120 Quadratmeter Eigentumswohnung in der Hauptstadt Palma pendelt, kann sich ohne weiteres vorstellen, auf Jahre hinaus so zu leben. Und er hat schon länger darauf gewartet, endlich hier einziehen zu können.

Lopez ist Vorreiter einer neuen Wohnkultur, die insbesondere von „Arbeitsnomaden“ geschätzt wird. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine relativ neue Berufsspezies. Ihr Hauptmerkmal: Sie verweilt niemals lange an einem Ort, und ihre Zukunft verläuft unmittelbar parallel zur Linie der Berufskarriere. Kaum etwas ist länger planbar; da lohnt sich weder die Anschaffung eines Kühlschranks, noch die eines Esszimmertischs und schon gar nicht der Abschluss eines komplizierten Mietvertrags. 430 Euro kalt zahlt der Spanier für sein weißes Schleiflack-Refugium, das an ein Studentenwohnheim erinnert. „Preis und Leistung sind okay.“

"MicroLiving" in Frankfurt

„Nicht jeder kann in einer Fünf-Zimmer-Altbauwohnung im Westend wohnen. Junge Leute, die zum Beispiel eine Ausbildung in Frankfurt machen beziehungsweise eine Probezeit überstehen müssen, oder Erwachsene mit Zeitvertrag oder einem zeitlich begrenzten beruflichen Engagement in Frankfurt bilden unser Hauptklientel“, sagt Atilla Özkan, Vorstand des Immobilienunternehmens Mercurius. Seine Geschäftsidee nennt sich „MicroLiving“ und setzt auf Menschen wie Juan. 16 bis 30 Quadratmeter groß sind die vollständig möblierten „Micro-Appartements“, die seine Firma zu „Kalt“-Preisen von 430 bis 720 Euro Monatsmiete bereithält. „Wir haben zwei Monate für die Vollvermietung der 196 Appartements in der umgebauten ehemaligen Coop-Zentrale in Niederrad gebraucht. Die stand jahrelang vorher leer.“ Im Jahre 2008 errichtete Mercurius mit dem Partner Domus Vivendi seine erste Wohnanlage in Frankfurt am Westbahnhof mit ähnlich durchschlagendem Erfolg. Weitere Standorte sind Bockenheim, Innenstadt und Ostend. Auch in Heidelberg steht ein „MicroLiving“-Wohnheim

Firmen wie Mercurius werden nicht nur durch die Veränderungen am Arbeitsmarkt, sondern auch von einem Paradigmenwechsel der Frankfurter Planungspolitik nach oben gespült. Nach Jahren zurückhaltenden Engagements bei der Umwandlung von Büros in Wohnungen werden den Investoren von der schwarz-grünen Stadtregierung nun die Wege geebnet. Özkan ist voll des Lobes für die Stadt Frankfurt. „Vermietung in zwei Monaten - und das bei einem Gebäude aus den 60er- oder 70er-Jahren! Solche Projekte werden angesichts des immensen internationalen Investitionskapitals immer interessanter“. Vor fünf Jahren habe es in Niederrad noch kaum Interesse an dem Büro-Mietwohnungsmodell gegeben. Jetzt müsse man sich auf steigende Preise einstellen.

Zielgruppe sei aber hauptsächlich der berufstätige, hochmobile Single. Bei Wohnraum für Familien werde das Ganze schnell zu teuer. Man müsse, um für die Investoren auf eine akzeptable Rendite zu kommen, mit Mietern von mindestens 15 Euro pro Quadratmeter kalkulieren, so Özkan. Das sei aber für Familien in der Regel zu viel.

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Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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