Dirigent Simon Rattle und Berliner Philharmoniker begeistern

Beethoven als Bestmarke

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Pantomimisch agierender Pult-Star: Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker in der Alten Oper.

Frankfurt Schon zu legendären Karajan-Zeiten waren Beethovens Sinfonien die Kernkompetenz der Berliner Philharmoniker. Daran hat sich auch in der Ära des Simon Rattle nichts geändert, der allenfalls einen anderen Zugriff aufs klassische Klanggut wagt. Von Klaus Ackermann

Wieder einmal unter Starkstrom standen das Weltklasse-Orchester und sein Chefdirigent jetzt beim Beethoven-Konzert mit den Sinfonien Nr. 1 und Nr. 3. Und wurden in der freilich ausverkauften Alten Oper in Frankfurt prompt begeistert gefeiert. Rattles Dirigat scheint magische Kräfte zu haben. Schon in der noch deutlich Mozart verpflichteten Sinfonie C-Dur entwickelt sich ein spannender Dialog der Orchesterstimmen, den der wie ein Pantomime agierende Pultstar mit Ausrufungszeichen, aber auch mit Fragezeichen versieht, eine äußerst lebendige Klangrede. Das wirkt wie aus dem Bauch heraus musiziert und ist doch perfekte klassische Ausgewogenheit.

Zum Mitpfeifen dann das behagliche Andante cantabile, kanonartig von den Violinen weitergereicht. Natürlich legt auch Rattle Wert auf stimmliche Durchsichtigkeit, Brisanz dagegen bieten die farbigen Holzbläser-Mixturen, in denen es zu brodeln scheint. Stramme Tempi zieht Rattle im geisterhaften Streicherspuk des Menuetto durch, eher Scherzo als höfische Tanzform. Und im finalen, aus einer schlichten C-Dur-Tonleiter geschöpften Rondo-Thema mit seinen Verwandlungen zeigen sich einmal mehr die Tugenden des Berliner Professoren-Orchesters. Individuelle Klasse geht hier mit perfektem Zusammenspiel einher.

Das vielzitierte Musizieren „wie aus einem Guss“ trifft auch auf Beethovens Nr. 3 Es-Dur zu, die Eroica, „komponiert, um das Andenken eines großen Menschen zu feiern“. Dieser sollte eigentlich Napoleon heißen, doch der ließ sich zum Kaiser ausrufen, was dem Bürger Beethoven nun gar nicht passte. Wiederum lässt sich in Rattles Lesart bei Altbekanntem auch Neues entdecken. Etwa wie er das gebieterisch Aufmerksamkeit fordernde Generalthema aufschaukelt – mittendrin walsert es sogar ein wenig, die monumentale Form unterminierend.

Mireille Mathieu in der Alten Oper

Vollends im Bann der Berliner steht man beim Trauermarsch, mit Paukenschlägen wie Kanonendonner. Ein Lamento, im unerbittlichen Pendelschlag der ganze Jammer dieser Welt. Aufs Gaspedal drückt Rattle noch einmal im Scherzo, dessen exakt phrasierten Hornrufe die Romantik einläuten. Schließlich noch ein tänzerisches Finale, das zum Freudenhymnus mutiert. Dann wird aus einem Konzert-Event tatsächlich ein Ereignis.

Quelle: op-online.de

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