Ein Hoch auf die Nostalgie

„Dirty Dancing“ funktioniert auch als Musical

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Johnny (Mate Gyenei) kann große Sprünge machen. Seine Tanzpartnerin Baby (Anna-Louise Weihrauch) freut’s. 

Frankfurt - Kurzweiliges Warten auf die berühmteste Hebefigur der Filmgeschichte: „Dirty Dancing“ als Bühnenwerk in der Alten Oper. Von Peter H. Müller

Abnabelung vom spießigen Elternhaus, Liebe, erster Sex, politisches Erwachen: Am Ende war es wieder die Zeit ihres Lebens - „The Time of my Life“. Und natürlich kriegt Frances Houseman auch in der jubelnden Alten Oper ihren adretten Tanzlehrer Johnny. Das muss sein. Genau wie der zur Marke gewordene Schriftzug in plüschigem Rosarot und das kollektive Kreischen im Saal. „Dirty Dancing“, ein Kultfilm im Musical-Petticoat oder: Das kurzweilige Warten auf die berühmteste Hebefigur der Kinogeschichte. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass man sich noch ernsthaft Sorgen machen müsste um das große Liebesglück. Oder um das Seelenheil des ach so sympathischen Upper-Class-Töchterchens Frances, das alle Welt nur „Baby“ nennt. Oder um die wahren Gefühle des wirklich schönen Johnny, der den Märchenprinzen schon im Namen „Castle“ trägt. Oder um den berühmtesten aller Erkenntnis-Sätze, „Mein Baby gehört zu mir!“, der im Textbuch der Bühnenversion vielleicht gestrichen sein könnte.

Nein, ein - mit Verlaub - romantisch schmachtender Kino-Kitsch wie Eleanor Bergsteins Stoff von 1987 braucht auch als Musical-Wiedergänger verlässliche Ingredienzen: Heiße Rhythmen, laszive Tänze (großartig: Alisa Nikolaus als „Penny“), eine „Skandal“-Lovestory mit Happyend, ein bisschen Gesellschaftsporträt, eine Prise hüftkreisende Politik in Zeiten des Aufbruchs - Co-Regisseur Alex Balga hat sich für seine Bühnenadaption ganz eng mit Drehbuchautorin Bergstein ausgetauscht, um eben viele nette Déjà-vus zu bieten, dem Original aber dennoch ein paar Extras anzudichten.

Die Geschichte

Die bestens bekannte Geschichte also im Telegramm. Amerika im Jahr 1963, John F. Kennedy ist Präsident, in Vietnam bahnt sich der Krieg an und Martin Luther King hat einen Traum. Im sommerlichen Ferien-Ressort „Kellerman´s“ aber scheint das alles weit weg. Hier, hinter den sieben Catskill Bergen, trifft die wohlbehütet schüchterne, 17-jährige „Baby“ (Anna-Louise Weihrauch) auf den so abgebrannten wie charismatischen Tanz-Gigolo Johnny (Mate Gyenei).

Zwischen Speise-/Ballsaal, Golfplatz, biederem Foxtrott und sexy-rebellischem Merengue schlägt dann buchstäblich der Blitz ein - die Arzt-Tochter und der Underdog finden zusammen, lieben sich, tanzen, trennen sich … und kriegen sich schließlich gegen alle Konventionen doch noch. Nebenbei werden Wassermelonen getragen, eine Quacksalber-Abtreibung geht halbwegs glimpflich aus, und am Lagerfeuer ertönt nun auch die Hymne der Bürgerrechtsbewegung - „We shall overcome.“

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Dieses vertrackte, mit rund 50 Songs, bunten Kostümen, schlichtem Humor, leisen und zeitkritischen Tönen verschönerte Ganze auf die Bretter zu bringen, ist kein einfaches Unterfangen. Die Bühnenbildner haben sich dazu Einiges einfallen lassen müssen - es wird mit Videoproduktionen gearbeitet, die mal grüne Wiese, mal Gewitterregen oder Swimmingpool-Feeling suggerieren, und dann sogar die fast schon ikonografische Meeres-Szene, in der Johnny und Baby zum ersten Mal ihre Hebefigur üben, mit einem originellen visuellen Trick umsetzen.

Über allem thront dann noch eine neunköpfige Band, die beispielsweise die großartige Soulröhre von Leadsängerin Tertia Botha live begleitet. Ungewöhnlich: Die Hauptdarsteller singen nicht, tanzen stattdessen aber ausgiebig, was vor allem „Baby“ Anna-Louise Weihrauch deshalb schwer gefallen sein wird, weil sie ja bis zum „Alles wird gut“-Ende die naiv-ungelenke Schülerin mimen muss. Zum rauschenden Finale aber - und wenn man ehrlich ist, haben alle eingefleischten „Dirty Dancing“-Fans genau darauf hingefiebert - trägt sie Sexy-Johnny natürlich perfekt auf Händen. Die kleine Technik-Panne aus Akt 1, womöglich ein virtueller Meerwasserschaden, ist vergessen - der Saal tobt, ein Hoch auf die Nostalgie. Und auf die Liebe. Und überhaupt.

„Dirty Dancing - Das Original Live auf Tour“ ist bis zum 12. Juli in der Alten Oper zu sehen.

Quelle: op-online.de

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