Ein völlig neuer Skyline-Blick

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Der neue Blick von Osten auf die Frankfurter Innenstadt, aufgenommen von einem der neuen EZB-Türme. Fotos:

Frankfurt (mic) - Als Thomas Rinderspacher, Projektleiter für den EZB-Neubau, vor einigen Tagen die letzten Worte seiner gut zweistündigen Führung gesprochen hat, beginnt ein Mann zaghaft zu klatschen: Martin Neitzke.

Wie den übrigen 35 Journalisten ist auch ihm etwas kalt geworden. Schließlich bläst im 22. Stock des Nordturms ein heftiger Wind, und geschützte Stellen gibt es in dem Rohbaugeschoss nicht. Alle sind froh, als sie wieder unten sind, doch für Neitzke hätte es gerne noch länger gehen dürfen. Seine Augen leuchten.

Martin Neitzke ist Stadtplaner. Seit sieben Jahren begleitet er die Stadtteilentwicklung rund um die ehemalige Großmarkthalle im Ostend. „Die EZB, die neue Mainbrücke, der Hafenpark, das Mainufer, die Erinnerungsstätte, schließlich die Aufwertung von Sonnemannstraße und Eyssenstraße - es ist toll, wie hier gerade zeitlich alles zusammenläuft.“

Blick auf Doppeltürme und Baustelle.

Von unten aus ist es zunächst aber nur eine sehr große Baustelle. Überall lagert Material. Zur Sonnemannstraße hin verbaut eine Containersiedlung den Blick. Die Großmarkthalle steht im Gerüst. Automatisch schweift der Blick nach oben. Dort passiert etwas – oder ist etwas passiert. Die beiden Doppeltürme ragen wie zwei Giganten in den Himmel. 185 Meter oder 45 Stockwerke hoch soll der Nordturm werden, 164 Meter oder 43 Etagen der Südturm. Nur 40 Meter fehlen noch, und jede Woche wird ein weiteres Stockwerk fertig. Im Sommer soll Richtfest gefeiert werden.

2300 Menschen werden hier einmal arbeiten

Am Fuß der beiden Türme sind schon Fenster eingebaut. Dahinter hat der Einbau der Versorgungsleitungen begonnen. Weiter oben passen die Arbeiter die Isolierglasscheiben in die Fassade ein. Eine Millimeterarbeit. Zwei orangene Lastenaufzüge bringen am Nordturm Baumaterial in die mittleren Etagen und zu den Plattformen. Sie sollen die Doppeltürme zusammen mit insgesamt 14 Querbrücken miteinander verbinden. Die Türme werden so stabiler. Aber nicht nur: „2300 Menschen werden hier einmal arbeiten. Sie können sich vorstellen, dass man sich über die Kommunikation sehr viele Gedanken gemacht hat“, sagt Rinderspacher. Es wird richtig komfortable Aufzüge geben. Schnelle, die die drei Plattformen anfahren, langsamere für Stockwerke. „Wie ICE-Bahnhöfe und Straßenbahnhaltestellen“, malt Rinderspacher das Bild.

Thomas Rinderspacher

Aus einem Mischwerk an der Nordseite wird der Beton nach ganz oben gepumpt und dort sofort verbaut. Da, wo der Wind pfeift und es auch mal richtig kalt wird, hat man zum Schutz der Arbeiter gelbe Planen angebracht. Stolz haben die Männer auf der Nord- und auf der Südseite je ein Plakat angebracht. Es zeigt die 100 Meter-Marke, die schon weit überschritten ist. 417 Personen arbeiten an diesem Tag an der neuen EZB. „Wenn die Innenausbau-Kolonnen ausrücken, wird sich das mindestens noch verdoppeln“, sagt Rinderspacher. Menschen aus ganz Europa, vor allem aus der Türkei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien arbeiten für das neue Heim der Währungshüter.

Mit dem Lastenaufzug geht es nach oben. Im 22. Stock dann entfaltet sich dem Betrachter ein gewaltiges Panorama: Von Osten geht das Auge auf die Skyline, springt dahinter zum Taunus, wieder nach rechts Richtung Wetterau und nördliche Stadtteile, schließlich nach ganz links, wo Sachsenhausen, Stadtwald und Flughafen liegen. So hat man Frankfurt zuvor nicht sehen können. Die Baustelle unten erscheint auf einmal gar nicht mehr so unübersichtlich. Im Gegenteil: Auch der Laie kann hier fast verstehen, was Stadtplaner Neitzke empfindet. Auf einer riesigen Fläche ist nicht nur eine Baustelle zu sehen, sondern fünf – und mittendrin die EZB mit der riesigen frei tragenden Halle.

Herausforderungen gibt es viele

Die Großmarkthalle – sie ist heute denkmalgeschützt – war damals, als sie von Martin Elsaesser 1928 gebaut wurde, die größte freitragende Halle ganz Europas. Ihren Zustand bei der Übernahme des Projekts im Jahr 1998/99 nennt Rinderspacher „völlig marode“. Vor allem das Dach erweise sich nun als harter Brocken unter den verschiedenen Sanierungsprojekten. „Die Decke ist so schwach, dass man sie proportional mit einer Eierschale vergleichen könnte.“ Presslufthammer sind also tabu. Mit Hammer und Meißel kratzen die Arbeiter die alten Mörtelschichten eine nach der anderen ab. Die Reste werden in Säcken gesammelt. Von oben kann man nur erahnen, welch nervtötende Aufgabe das sein muss. „Furchtbare Arbeit“, bemerkt dazu auch der Baustellen-Chef.

500 Millionen Euro investieren die Hüter der Gemeinschaftswährung in ihr neues Heim. Herausforderungen gibt es viele. Aber was ist die größte? „Nerven behalten“, sagt Rinderspacher lachend. Der Winter war kurz. Bis auf zwei Wochen Ende Januar konnte durchgearbeitet werden. Ende 2013 sollen auch der Innenausbau und die Halle fertig sein. Die 2300 EZB-Beschäftigten ziehen dann im Frühjahr 2014 ein.

Stadtplaner Neitzke bezeichnet es heute als „unglaublichen Glücksgriff“, dass die Stadt die Großmarkthalle vor über zehn Jahren der EZB als Standort anbot und die dann zugriff. Nur deshalb seien all die anderen Projekte überhaupt erst in Gang gekommen. „Ich bin heilfroh, dass die Großmarkthalle so wiederhergestellt und einer privaten Nutzung zugeführt wird. Das hätte uns kein privater Investor abgenommen.“

Quelle: op-online.de

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