Forschergruppe kritisiert Drogenpolitik

„Zu lax bei Alkohol und Tabak“

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Ein Mann dreht sich einen Joint. Eine Reihe von Wissenschaftlern um den Frankfurter Drogenforscher Dr. Bernd Werse kritisiert die regierungsamtliche Drogenpolitik. Sie sei bei Alkohol und Tabak zu lax, bei Drogen wie zum Beispiel Cannabis zu strikt.

Frankfurt - Wissenschaftler des Zentrums für Drogenforschung an der Frankfurter Goethe-Universität haben den „Ersten Alternativen Drogen- und Suchtbericht“ vorgelegt. Sie fordern eine neue Drogenpolitik in Deutschland. Von Michael Eschenauer 

Wenige Tage vor der Veröffentlichung des alljährlichen Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung am kommenden Montag beklagen Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftler, dass Erkenntnisse über Prävention und Drogenhilfe bislang nicht ausreichend in die offizielle Drogenpolitik einfließen würden. Schlimmer noch: „Repression und Strafverfolgung schaffen nur die Illusion, die Probleme im Griff zu haben und richten in Wirklichkeit viel Schaden an“, so Dr. Bernd Werse vom Centre for Drug Research an der Frankfurter Goethe-Uni. Dabei gebe es in der Wissenschaft längst einen Konsens darüber, wie man mit der Drogenproblematik umgehen sollte, ohne dass das Instrumentarium hierfür besonders aufwändig wäre. Von nun an wolle man, so die Autoren des Alternativen Drogen- und Suchtberichts, sich einmal im Jahr an die Öffentlichkeit wenden.

Zu restriktive Regeln hinsichtlich der illegalen Drogen einerseits, zu laxe Regeln hinsichtlich der legalen Drogen andererseits - auf diesen Nenner lässt sich die Kritik der Experten an der gegenwärtigen deutschen Drogenpolitik bringen. Es bestehe ein großer Unmut und eine Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Situation, fasst Werse die Motivation der Berichtenden zusammen. „Es wird Zeit, den Reformstau in der deutschen Drogenpolitik aufzulösen.“ Der jahrzehntelange Kampf gegen Suchtmittel zeige, dass das Strafrecht nicht geeignet sei, um Gesundheitspolitik zu betreiben. Eine restriktive Drogenpolitik trage zur Kriminalisierung der Suchtkranken bei.

Paradoxe Szenarien

In Kombination mit einer liberaleren Drogenpolitik wie der der Stadt Frankfurt entstünden außerdem paradoxe Szenarien: Auf dem Weg zu den Drogenkonsum-Räumen, die die Stadt für Suchtkranke offiziell zur Verfügung stelle, könnten diese schon wegen geringer Mengen verhaftet werden. Allerdings gebe es in zehn von 16 Bundesländern solche Räume überhaupt nicht. Der Alternative Drogenbericht fordert eine Entkriminalisierung von Drogen für den Eigenbedarf, kontrollierte Abgabestellen für Cannabis und Verbesserungen bei der Substitutionsbehandlung für Heroinabhängige.

Die Kritik der Wissenschaftler betrifft auch die politische und gesellschaftliche Bewertung des Alkohol- und Tabakkonsums. Hier werde auf „simple Mittel“ wie ein Verbot von Werbung verzichtet, kritisiert der Bericht. Denkbar sei auch, die Steuern auf legale Drogen zu erhöhen und deren Zugänglichkeit über den Einzelhandel zu erschweren. Auch beim wohl harmloseren Thema E-Zigaretten gebe es bislang kaum Regelungen, zudem fehlten Studien zur Schädlichkeit des elektrischen Rauchersatzes.

Insgesamt herrsche in der Politik oft großes Unwissen, weil man die Ausgaben für entsprechende Studien scheue, meint der Frankfurter Drogenexperte Werse. So wisse man nach wie vor zu wenig über die tatsächliche Verbreitung von Crystal Meth, Verlautbarungen aus der Politik gingen oft an der Realität vorbei. Die Initiative zum „Alternativen Drogen- und Suchtbericht“ ging von der Deutschen AIDS-Hilfe sowie dem Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik aus. Der 200-seitige Bericht umfasst insgesamt 50 Beiträge.

Das von Werse geleitete Forschungsbüro „Centre for Drug Research“ wurde 2002 am Institut für Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt eingerichtet. Es führt regelmäßig Studien zu Drogenkonsum und -handel durch, unter anderem eine repräsentative Schülerbefragung, die durch die Stadt Frankfurt finanziert wird.

Quelle: op-online.de

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