100 Jahre

Goethe-Uni will „Harvard am Main“ werden

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Frankfurt - Die Universität Marburg ist fast 500 Jahre alt, die Uni Gießen wurde vor über 400 Jahren gegründet. Mit 100 Jahren ist die Frankfurter Goethe-Uni eine junge Hochschule - aber eine besondere.

Zum 100. Geburtstag hat sich die Frankfurter Goethe-Universität hohe Ziele gesteckt. "Wir wollen Harvard am Main werden", sagte der Uni-Präsident Werner Müller-Esterl der Nachrichtenagentur dpa. Weiteres Ziel der nächsten 100 Jahre: finanziell völlig unabhängig werden vom Staat. "Dafür bräuchten wir einen Stiftungsstock von zehn bis zwölf Milliarden Euro." Ende 2012 waren es 160 Millionen Euro. "Das ist ein weiter Weg, aber die Tür ist offen. Schließlich handelt es sich um ein Jahrhundertprojekt."

Bei der Gründung im Oktober 1914 war der finanzielle Grundstock - 20 Millionen Reichsmark - auch von Privatleuten gekommen. "Es war wirklich eine Universität von Bürgern für Bürger", sagte Müller-Esterl, der an diesem Donnerstag (16. Januar) den Festvortrag beim Neujahrsempfang der Stadt zum Thema: "Aus der Mitte der Gesellschaft - 100 Jahre Goethe-Universität" hält und dabei auch um neue Förderer wirbt.

Stiftungsuniversität - die einzige in Hessen

Seit 2008 ist die Goethe-Universität eine sogenannte Stiftungsuniversität - die einzige in Hessen. "Wir haben dadurch ein hohes Maß an Autonomie", argumentiert der Präsident. "Wir können selbst Berufungen durchführen, Studiengänge einrichten, sind Eigentümer unserer Liegenschaften." Finanziell ist Hessens größte Hochschule weiter aber erheblich vom Land abhängig, rund 60 Prozent des Etats kommen nach wie vor jedoch aus Wiesbaden, 40 Prozent aus Drittmitteln, privaten Zuwendungen und Erträgen des Stiftungsvermögens.

Der Historiker Notker Hammerstein, der gerade am dritten Band seiner Geschichte der Goethe-Uni arbeitet, hält dieses Ziel für unerreichbar: "Die Hoffnung, dass die Uni wie zu ihrer Gründerzeit und in den 20er Jahren finanziell profitiert, trügt", sagte er im dpa-Interview. "So große Vermögen gibt es nicht mehr; Vorstände legen ihr Vermögen anders an, nicht in Hochschulen."

45.000 Studierende eingeschrieben

Die Hochschule, an der knapp 45.000 Studierende eingeschrieben sind, ist auf vieles stolz: 19 Nobelpreisträger haben in Frankfurt gelehrt, geforscht oder studiert. Das neue Uni-Gelände im Westend findet der Präsident "den schönsten Campus Deutschlands". Die "Frankfurter Schule" um die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer prägte das Denken einer ganzen Generation. Schon bei der Gründung habe man "zukunftsweisende Schwerpunkte" gesetzt, findet Hammerstein. Zum Beispiel habe Frankfurt den ersten BWL-Lehrstuhl Deutschlands geschaffen und Religionswissenschaften statt Theologie angeboten.

Goethe-Uni wird 100 Jahre alt

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Gerade in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften genieße die Goethe-Uni "nach wie vor einen besonderen Ruf in Deutschland", sagt Daniel Katzenmaier, Sprecher des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (AstA). "Aber dieses Alleinstellungsmerkmal könnte bald verschwinden." Denn die Grundfinanzierung reiche nicht aus: Manche Seminare seien "krass überfüllt" mit 300 bis 400 statt 30 bis 40 Teilnehmern. Dass private Geldgeber die wachsende Finanzierungslücke schließen hält Katzenmaier für "eine schöne Utopie". Das Stiftungs-Modell hat aus Sicht des AstA zwei Seiten: Die größere Autonomie sei gut, findet Katzenmaier - ohne das Land gehe vieles schneller. Nicht gut findet der 30-Jährige, "dass das Präsidium nun sehr autark entscheidet" - Kritisches werde ausgeblendet, die Studenten würden kaum noch gehört. "Es geht insgesamt mehr um Marketing und eine schöne Fassade als um Inhalte."

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"Jede Universität hat eine eigene Tradition", sagt Rolf-Dieter Postlep, Präsident der Uni Gießen und derzeit Sprecher der Konferenz Hessischer Universitätspräsidien. In Stiftungshochschulen wie Frankfurt könnten Dritte von außen wie die Stifter grundsätzlich mehr Einfluss nehmen als in rein staatlichen Unis wie Gießen, Marburg oder Kassel. Auf der anderen Seite erhalte eine Stiftungs-Uni aber auch mehr Geld.

Das wird die Goethe-Uni auch brauchen, wenn sie wirklich "Harvard am Main" werden will. Dafür müsse die Hochschule nicht nur viel Geld haben und die besten Wissenschaftler nach Frankfurt holen, sagte der Präsident. Man müsse auch "frühzeitig neue Forschungsfelder erkennen und besetzen". Vieles, was in den nächsten 100 Jahren wichtig werde, könne nur "transdisziplinär", also durch Zusammenarbeit verschiedener Fachgebiete, bearbeitet werden. Auch müsse die Universität künftig noch stärker den Kontakt zur Gesellschaft suchen.

dpa

Quelle: op-online.de

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