Interview mit Georg Picard 

Suche nach Trends in Paris

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Georg Picard.

Trends für die Tasche von morgen erkennt Georg Picard auf den Straßen von Paris, London und Hongkong. Bei der Produktion setzt er verstärkt auf den Standort Obertshausen, wie Picard im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn verrät.

In diesem Jahr hat er die Geschäftsführung bei dem Lederwarenhersteller von seinem Onkel Thomas Picard übernommen.

Sie sind seit 15 Jahren im Unternehmen und seit 2012 in der Geschäftsführung. Seit Anfang Januar leiten Sie die Firma. Wo wollen Sie das Unternehmen hinführen?

Ziel ist es, das Unternehmen nicht kurz-, sondern mittel- und langfristig so zu positionieren, dass mit dem Namen Picard die modische und handwerkliche Kompetenz verbunden ist. Der Endverbraucher sucht die handwerkliche Kompetenz wieder. Das ist ein Wert. Die Leute sehnen sich nach händischer Arbeit. Damit ist viel Identifikationskraft verbunden. Da müssen wir hin. Das ist eine Nische auf dem Weltmarkt.

Wird die Produktion in Obertshausen vor diesem Hintergrund ausgebaut?

Wir haben die Produktion hier nie aufgegeben. Seit zehn Jahren haben wir sie aber ausgebaut. Mittlerweile sind wieder etwa 70 Mitarbeiter in der Produktion beschäftigt. Ziel ist es, noch mehr Leute einzustellen. Die Premiumkollektion ist deutlich größer geworden. Wir wollen das Made in Germany effektiver an die Endverbraucher kommunizieren. Gerade an den Flughäfen.

Sind die Taschen aus Deutschland im Ausland gefragt?

Hauptsächlich im Ausland. Die Deutschen sind gar nicht so hinter ihnen her. Es gibt ein paar wenige, die finden den Gedanken Made in Germany gut. Die meisten springen aber beim Blick auf das Preisschild ab. In Asien sieht das anders aus. In Korea, Japan und China werden die hochwertigen Produkte geschätzt, für die man auch Geld ausgibt.

Wie viel teurer ist Made in Germany im Vergleich zu Taschen, die im Ausland hergestellt werden?

Wir kalkulieren den Verkaufspreis der in Deutschland hergestellten Taschen nicht voll aus, damit der Sprung zum Kernsortiment nicht allzu hoch ist. Der Preis ist ungefähr doppelt so hoch. Normalerweise müsste er dreimal bis viermal so hoch sein.

Wie fangen Sie die Kosten ab?

Über eine Mischkalkulation. Wir fangen die Kosten über die Kalkulation der im Ausland produzierten Lederwaren mit der Auslandsproduktion auf. Deshalb können wir uns die Made-in-Germany-Produktion leisten.

Picard produziert in Bangladesch, Tunesien und der Ukraine. Halten Sie an den Standorten fest?

Ja. Sie sind überlebenswichtig für uns. In China sind wir nicht mehr vertreten. Die Kosten sind zu hoch. Höher als in Tunesien. Mit dem langen Transportweg wird das dann unsinnig. Zudem haben wir keine Arbeitskräfte mehr gefunden. Es gibt die Kultur der Wanderarbeiter nicht mehr so. Durch Strukturprogramme werden die Menschen in ihrer Heimat gehalten.

Wie läuft es in der Ukraine?

Die Produktion in der Ukraine ist ja noch relativ neu. Seit drei Jahren. Trotzdem haben wir dort schon rund 150 Leute. Das ist eine ganz tolle Produktion. Die Mitarbeiter haben eine unheimlich gute Einstellung zu Qualität und Organisation.

Das Werk ist in der Westukraine.

Ja, an der Grenze zu Ungarn.

Sie halten trotz des Konflikts der Ukraine mit Russland an dem Standort fest?

Der Konflikt ist weit weg. Wir spüren ihn etwas, weil einige Männer von Frauen eingezogen worden sind. Allerdings ist das Leben für die Mitarbeiter wegen des Konflikts teurer geworden.

Und Bangladesch?

In Bangladesch sehen wir sehr viel Zukunft. Dort haben wir neu gebaut.

Was haben Sie gebaut?

Wir haben ein großes Werk gebaut. Dort arbeiten etwa 1 700 Leute. Das Werk ist aber so groß, dass noch mehr Menschen dort arbeiten können. Wir haben das vor dem Hintergrund der Entwicklung in China so geplant.

Die Produktion in Billiglohnländern ist nach einigen schweren Unfällen in Verruf geraten. Wie sehen Ihre Sozialstandards aus?

Die Standards, die wir hierzulande haben, der Umgang und der Respekt vor den Menschen, die bei uns arbeiten, haben wir auch in unseren ausländischen Werken etabliert. Wir haben die Standards der International Labour Organisation umgesetzt in Verbindung mit einer spezialisierten Unternehmensberatung, die vor Ort alle Optimierungen mit uns realisiert hat. Der Staatssekretär für internationale Zusammenarbeit war unter anderem vor Ort in unserem bengalischen Werk. Er teilte uns mit und gratulierte uns, dass unser bengalisches Unternehmen ein Vorzeigeunternehmen für alle ausländischen Investoren sei.

Was bieten Sie den Mitarbeitern konkret an?

Das Wichtigste sind die Arbeitszeiten und die Entlohnung. Es gibt rechtliche Vorgaben für Überstunden, die nicht überschritten werden dürfen. Beim Lohn halten wir uns an die Living Wage Standards, die es den Menschen erlauben, neben den Lebenshaltungskosten auch noch etwas anzusparen.

Was verdienen sie?

Die bengalischen Mitarbeiter verdienen 60 Euro im Monat im Schnitt. Das hört sich aus unserer Sicht nach sehr wenig an. In Bangladesch kommt man mit dem Geld aber sehr weit, da die Lebenshaltungskosten im Vergleich zu denen in Europa nur einen Bruchteil darstellen. Ein Leib Brot kostet beispielsweise umgerechnet 10 Cent. In einigen anderen bengalischen Unternehmen werden die gesetzlichen Entlohnungsvorgaben leider oft nicht eingehalten. Dort verdienen die Menschen häufig nicht mehr als 30, 40 Euro im Monat.

Was gehört noch zu den Standards?

Es gibt die Unfall-, Berufsausfall- und Krankenversicherung. Die Kosten tragen wir voll ab dem vierten Arbeitsmonat der jeweiligen Mitarbeiter. Wir bieten aber auch Kindergartenplätze und die nachschulische Betreuung an.

Die Taschen von Picard werden in Warenhäusern wie Karstadt verkauft. Die Unternehmen stecken seit Jahren in der Krise. Halten Sie an der Strategie fest?

Kaufhof steckt nicht in der Krise. Aber Karstadt. Das Unternehmen war aber über die Jahre ein guter Partner. Und sie sind dabei, die Kurve zu kriegen. Wir werden sie weiter unterstützen.

Sie bauen auch eigene Geschäfte an Flughäfen auf.

Auch in Innenstädten wie in Berlin und Leipzig. Die Flughäfen sind eine ganz wichtige Strategie für unsere Internationalisierung. Der Kunde sieht uns am Flughafen. Im anglo-amerikanischen Raum sind wir noch nicht so gut vertreten. In China bauen wir das Geschäft mit Partnern auf. Das wird über die Flughäfen belebt. Picard bekommt auf diese Weise ein Gesicht.

Der Onlinehandel boomt. Ist das ein Verkaufskanal für Picard?

Ja. Wir haben einen eigenen Onlineshop seit 2012. Das Onlinebusiness ist ein Learning-by-Doing. Wir haben die richtigen Partner gewählt. Es ist aber ein ewiges Lernen. Und auch ein teurer, aber notwendiger Vertriebsweg.

Was lernt man?

Wie man den Kunden begeistert.

Wie machen Sie das?

Das Wichtigste sind leckere Fotos. Sie dürfen aber nicht zu lecker sein. Ist die Differenz zwischen Foto und Produkt zu groß, geht es gleich zurück. Wir mussten lernen, uns auf den Endverbraucher einzustellen. Bisher waren wir auf den Händler konzentriert. Da gibt es riesengroße Unterschiede.

Ist Online die Zukunft?

Das ist ein großer Teil der Zukunft. Wobei Online richtig und umfassend angegangen werden muss. Viele unterschätzen das. Onlineshops aufzubauen, ist extrem teuer. Bisher rechnet es sich auch bei uns rein betriebswirtschaftlich nicht. Es ist aber ein Zukunftsweg, den der Endverbraucher wünscht. Die Verschiebung vom stationären Handel zu Online ist in den vergangenen Jahren extrem gewesen und verstärkt sich in der Zukunft noch.

Ihr Unternehmen lebt von einem Abfallprodukt: Die Menschen essen immer weniger Fleisch. Deshalb gibt es auch weniger Leder. Ist das ein Problem für Ihre Firma?

Ja. Die Rohwarenpreise gehen exorbitant in die Höhe. Der Endverbraucher ist aber nicht bereit, die Preissteigerungen beim Produkt im Laden mitzugehen. Das ist ein Problem. Auch weil wir keine billigeren Ledersorten wählen, da die Qualität schlechter ist.

Wie geht Ihre Firma mit dem Problem um?

Im Moment tragen wir die Kosten selber. Unsere Marge wird geringer.

Es ist aber nicht zu erwarten, dass sich der Trend bald ändern wird.

Nein, deshalb werden die Produkte teurer. Wir werden Kunden verlieren und andere gewinnen. Wir steuern den reflektierenden Kunden an, der sich nicht über den Preis überzeugen lässt. Für ihn ist Nachhaltigkeit wichtig.

Sie sind in den vergangenen Jahren für Design und Marketing zuständig gewesen. Wie entsteht eine Tasche von Picard?

Die Frage ist, wie tickt der Kunde? Momentan wird vor allem Leder akzeptiert, das sich auch wie Leder anfühlt. Das ist eine der wichtigsten Informationen. Der nächste Schritt ist der Ledereinkauf. Er kommt bei uns vor der Modellpolitik.

Wo kaufen Sie ein?

Italien, China, Indien, Südamerika. Wenn wir das Leder in der Hand haben, überlegen wir uns, was zu dem Leder passt. Die Form der Tasche muss zum Leder passen.

Wie erkennen Sie Trends in der Branche?

Es gibt verschiedene Quelle wie das Deutsche Modeinstitut. Auch vom Verband gibt es Informationen. Das liest man sich durch. Für mich ist aber viel wichtiger: Ich besuche mehrere Städte. Ich schaue mir das Straßenbild und die Geschäfte an. Dabei bekomme ich ein gutes Gefühl dafür, wo es bei den Trends hingeht.

Woran erkennen Sie das?

Das ist ein Gefühl. Eine Beobachtungsgeschichte.

Welche Städte besuchen Sie denn?

Mailand, dort stellen wir aus. Ich verbinde das mit einem Besuch der Stadt. Inspirationen hole ich mir auch in Paris, London und Hongkong.

Quelle: op-online.de

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