Wissenschaftler nehmen Stellung zu Ideologie und Glauben

Die Islam-Versteher

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Gläubige Moslems beim Gebet in der Abubakr Moschee der Islamischen Gemeinde in Frankfurt J  Foto: dpa

Frankfurt - Was macht junge Muslime zu Attentätern? Gehört der Islam zu uns? Deutschland diskutiert derzeit schwierige Fragen. Können da die Islamexperten an Hessens Universitäten weiterhelfen?

In den vergangenen Wochen klingelten häufig die Telefone von Islamexperten. Sie sollen in den aktuellen Debatten die Ursachen für islamistischen Terror erklären, Auslegungen des Koran erläutern, Stellung nehmen zur Integration von Muslimen oder den islamkritischen Pegida-Demonstrationen. Auch die Einschätzungen hessischer Wissenschaftler sind dabei gefragt, denn es gibt mehrere universitäre Zentren und Institute im Land, an denen die Welt des Islam erforscht wird.

Das Themenspektrum ist dabei groß: Die Wissenschaftler nehmen die Geschichte ebenso in den Blick wie Theologie, Literatur, Kunst, Wirtschaft oder Politik. Immer mehr richten sie auch den Fokus aufs Zeitgeschehen: Die rein historische und sprachwissenschaftliche Forschung sei bei ihnen zurückgegangen, sagt etwa Prof. Albrecht Fuess, der geschäftsführende Direktor des „Centrums für Nah- und Mittelost-Studien“ an der Universität Marburg. „Die aktuelle Situation in der islamischen Welt ist zu einem Schwerpunkt in der hiesigen Forschung geworden.“

Forschungen an Universitäten

An der Frankfurter Universität gibt es mehrere Einrichtungen zum Islam. Im vergangenen November startete etwa das „Forschungszentrum Globaler Islam“. Ziel sei, Entwicklungen außerhalb Europas mit denen in Europa in Bezug zu setzen, erklärt die Leiterin Prof. Susanne Schröter. Ob IS-Terror oder Bombenangriffe in Gaza: „Wir sagen: Die Dynamiken, die außerhalb Europas stattfinden, haben Bedeutung für uns.“ Einer der Forschungsschwerpunkte sei der Islamismus in all seinen Spielarten. „Wir erforschen das nicht aus der Vogelperspektive, sondern wir sind direkt an den Menschen. Wir wollen wissen: Was denken diese Leute, was treibt sie um?“, sagt die Ethnologin.

An der Frankfurter Uni ist das „Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam“ beheimatet sowie das „Zentrum für Islamische Studien“, das sich auch um die Ausbildung künftiger islamischer Religionslehrer kümmert. Die Erkenntnisse der Forscher sollen nicht innerhalb der Uni-Mauern bleiben. Gerade jetzt nicht, wenn über die Gründe für die Radikalisierung junger Muslime diskutiert wird oder darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört und was gegen Islamfeindlichkeit zu tun ist.

Die Aufgabe der Wissenschaft

Wissenschaft müsse sich immer auch mit der Gesellschaft, in der sie stattfinde, auseinandersetzen, meint Prof. Bekim Agai, der geschäftsführende Direktor des „Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam“, das zu dem Zentrum gehört. „Unsere Aufgabe ist es dann auch, Fragen zu stellen, die der Gesellschaft bei der Lösungssuche helfen können. Zum Beispiel: Gehören Muslime wirklich erst seit den 1950er/1960er Jahren zu Europa? In der Geschichte finden wir weitaus frühere Zeugnisse muslimischen Lebens in Europa.“

Es sei zudem Aufgabe der Wissenschaft, auf die Vielschichtigkeit von Problemen wie der Radikalisierung von Jugendlichen hinzuweisen, Impulse für die Debatte zu setzen und auch Handlungsansätze zu entwickeln, betont Agai. Fuess von der Uni Marburg sagt: Was die Erforschung zur Entstehung von Extremismus angehe, so müsse das in der Wissenschaft sehr breit aufgegriffen werden, um die sozialen und gesellschaftlichen Ursachen in Deutschland verstärkt in den Blick zu nehmen.

Die Ethnologin Schröter sagt, die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen werde in Deutschland meist nur mit dem Fokus auf Einwanderungsdefizite diskutiert. Das sei zwar auch richtig, aber zu kurz gegriffen: „Man darf es dabei nicht belassen, weil andere Länder ohne diese Problematik dieselben Schwierigkeiten mit Radikalisierung haben.“ - dpa

Quelle: op-online.de

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