Punk-Geiger blickt zurück

Nigel Kennedy gastiert mit „Vier Jahreszeiten“ in der Alten Oper

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Kennedys Aufnahme der „Vier Jahreszeiten“ ist nach wie vor das meistverkaufte Klassik-Album

Frankfurt - Außergewöhnliches Talent und extrovertiertes Auftreten sind Markenzeichen des britischen Geigers Nigel Kennedy. Ein Vierteljahrhundert nach der Bestseller-Einspielung ist er erneut mit Vivaldis Violinkonzerten auf Tournee. Von Klaus Ackermann 

Mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ lieferte Violin-Exzentriker Nigel Kennedy anno 1990 das mit über fünf Millionen Platten erfolgreichste Klassik-Album aller Zeiten. Jetzt hat der britische Meistergeiger mit Sinn für punkiges Äußeres das Opus Magnum des barocken Italieners erneut aufgefrischt. Konzertant ist das zu erleben am 29. Februar um 20 Uhr in der Alten Oper Frankfurt. Begleitet wird der als Hans Dampf in vielen Gassen geläufige Kennedy von der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg. Vom legendären Jehudi Menuhin auf Klassik-Kurs gebracht und vom unvergessenen Jazzgeiger Stéphane Grappelli mit den höheren Weihen der Improvisation versehen, schlagen fortan zwei Seelen in des Briten Brust, der die großen Violinkonzerte der Romantik ebenso draufhat, wie er Jimmy Hendrix-Titel arrangiert oder Klezmer geigt. Der mit den Berliner Philharmonikern Bach einspielte und mit London Philharmonic Edvard Elgars Violinkonzert auflegte.

„Slightly different“, leicht verändert habe er die vier Violinkonzerte zum Jahreskreis, sagt Kennedy, auch am Telefon, aus England zugeschaltet, eher Kumpeltyp als unnahbarer Superstar. Mit Jazzbass und Gitarre zusätzlich besetzt, darf improvisiert werden, was gerade im Barock üblich war – die große solistische Freiheit auf vorgegebener Generalbass-Linie. Denn Kennedy hält nichts von der sogenannten historischen Aufführungspraxis. Musik sei immer subjektiv, atme gegenwärtigen Zeitgeist, belebt von den Ideen ihrer Interpreten. Nur so sei ein Konzert, was es sein sollte: der ganz besondere Moment. Die Guarneri del Gesu bleibt daheim im Schrank. Spielen wird er die Vivaldi-Konzerte auf einer modernen akustischen Geige, die hohe klangliche Energie erzeuge.

Zudem wird der Maestro vier eigene Kompositionen für Violine und Orchester vorstellen, allesamt Menschen gewidmet, die seinem Herzen nahestanden, wie die Geiger Isaac Stern und der schon erwähnte Grappelli. Die St. Petersburger hat Kennedy bereits schätzen gelernt. „A lot of passion, a lot of heart“ – viel Leidenschaft und ein großes Herz. Sagt ein stets hochemotionaler Solist, der seit seinem sechsten Lebensjahr Geige spielt und jeden Tag drei Stunden übt. Vor allem Johann Sebastian Bach steht morgens an erster Stelle. „It keeps my feet on the gound“ – frei übersetzt: Bach sorgt dafür, dass ich immer schön auf dem Teppich bleibe. Außerdem sei es sehr befriedigend, technisch besser zu werden und dazu neue Dinge auszuprobieren.

Was als nächstes kommt: Bachs Sonaten für Violine solo haben es ihm angetan. Und er hat auch schon in Polen, Heimat seiner Ehefrau Agnieszka, einen holzgetäfelten Raum gefunden, der akustisch ideal für eine Aufnahme wäre. Schließlich sei die Geige ebenfalls aus Holz. Außerdem geht ihm der Latin-Rock von Santana nicht aus dem Kopf. Gibt es Musik, die Kennedy überhaupt nicht mag? „Country und Western und Schlager“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Da steht‘s zu befürchten, dass auch Helene Fischer keine Chancen bei ihm hätte. Es sei denn, sie jazzt...

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Wieviel Persönlichkeit in seiner Punk-Frisur und seinem Outfit stecke, lautet die Frage? „Herzlich wenig“ ist die Antwort. Es sei verdammt (das hier abgemilderte F-Wort) leicht, sich selbst die Haare zu schneiden. Und das Jackett trage er schon gefühlte zwanzig Jahre auf der Bühne. „Nur die Musik zählt“, sagt ein Weltklasse-Geiger, der Charlie Chaplin und Franz Kafka für Brüder im Geiste hält und am liebsten deutsches Bier aus einer Schwarzwälder Privatbrauerei trinkt. Recht hat er!

Quelle: op-online.de

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