Occupy-Protest ein Fall fürs Museum

Frankfurt - Vor dem Historischen Museum in Frankfurt hat sich am Mittwochabend ein kleiner Pulk von Menschen gebildet. Viele tragen Bart, einige Dreadlocks, die meisten sind mit bunten Rucksäcken und Jacken ausgerüstet. Von Christina Lenz

Leicht sind die Aktivisten und Aktivistinnen von „Occupy Frankfurt“ in der kleinen Menge auszumachen.

Aus den Lautsprechern im Saal ertönt ein Lied, das von der Wut auf die Gesellschaft erzählt. Man wolle mehr haben als nur ein Stück vom Kuchen. Im Saal des Historischen Museums findet an diesem Abend die Übergabe von insgesamt 180 Objekten und Gegenständen aus dem Frankfurter Occupy-Camp - darunter Flyer, Plakate, Banner und Aufkleber - an das Historische Museum statt.

Kämpferische Symbole verbannt in Glasvitrinen? Politischer Protest für den Schaukasten? Nicht jeder der Redner und Teilnehmer an der die Übergabe begleitenden Diskussionsveranstaltung im gefüllten Saal zeigt Begeisterung für die Liaison zwischen der Kulturinstitution und der Protestbewegung. Journalist und Publizist Wolf Wetzel, der als Redner geladen ist, kritisiert den Schulterschluss: „Im Museum landet doch nur das, von dem schon klar ist, dass es nie wieder kommt“, wettert er. Kein Wunder: Die Aktion muss für den Autor wie eine Bestätigung dessen wirken, was er in seinem letzten Buch analysiert. Dort behauptet er, die aktuellen Protestbewegungen seien unwirksamer und angepasster als je zuvor.

Tausende Menschen auf die Straße geholt

„Occupy Frankfurt“ hatte es Ende 2011 zeitweise geschafft Tausende von Menschen für kapitalismuskritische Demonstrationen auf die Straße zu holen. Die Bewegung galt eine Zeit lang weltweit als Ort für junge „Wutbürgerlichkeit“, nachdem sie im September 2011 an der New Yorker Wall Street ihren Anfang genommen hatte. Schnell hatten sich aber auch allerlei Vorwürfe breit gemacht: Die Bewegung vertrete diffuse, verschwörungstheoretische Positionen, es fehle an einem differenzierten, politischen Programm. Gegen Ende war das Frankfurter Camp - gelegen zwischen Europäischer Zentralbank (EZB) und Städtischen Bühnen - zum Auffangbecken für Wohnungslose, Drogenabhängige und Roma-Familien geworden, die eher aus existenziellen Nöten ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Die Stadt Frankfurt hatte diese Entwicklung zunehmend mit Sorge beäugt. Im August 2012 wurde schließlich die Räumung des Camps durch die Polizei veranlasst.

Die Initiative zur Sammlung der geretteten Objekte war unmittelbar nach der Auflösung des Camps vom Museum ausgegangen. Dort betont man die positiven Seiten der Zusammenarbeit: Die eingesammelten Gegenstände könnten im Museum weiterleben und nächste Generationen zum Nachdenken anregen. Dorothee Linnemann zufolge, die als Vertreterin des Museums sprach, beweist die Aktion, dass sich „das Museum vom verstaubten Musentempel zu einem Ort der Gegenwart und der städtischen Diskurskultur“ gewandelt hat. Dialoge seien in Zukunft erwünscht, man wolle die Menschen dort abholen, wo sie selbst betroffen und engagiert sind.

Seitens der Aktivisten in Frankfurt ist offenbar nur noch wenig Wut übrig geblieben. „Nice to be here“, hieß es lapidar und versöhnlich am Ende des Redebeitrags der Künstlerin Katharina Müller, die die fast einjährige Campzeit mit Zeichnungen dokumentiert hatte. Auch ihre Bilder sind nun in den Besitz des Museums übergegangen. Für die Künstlerin beruflich gewiss ein wichtiger Schritt. Ob die Zusammenarbeit mit dem Museum auch politisch etwas bewirken kann, bleibt allerdings offen.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare