Armut

Beobachter schlagen Alarm: Bettler-Banden mit neuer Masche in Frankfurt?

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Mittlerweile fast ein alltägliches Bild: Ein Bettler sitzt zusammengekauert vor dem Eingang des Rewe an der Schweizer Straße. Immer öfter sieht man Bettler um den Schweizer Platz herum oder vor Supermärkten im Stadtteil. Der Eindruck entsteht, dass sie strategisch platziert werden.

Sie sitzen auf dem Schweizer Platz, vor dem Eingang zum Rewe auf der Schweizer Straße, manchmal vor dem Hit-Markt am Ziegelhüttenweg: Bettler. Einige Beobachter vermuten dahinter organisierte Banden.

Frankfurt - Ein älterer Mann sitzt täglich am U-Bahn-Ausgang Schweizer Platz Ecke nördliche Oppenheimer Landstraße. Er hat einen Koffer dabei, der steht hinter ihm, er selbst nimmt auf einem Hocker Platz. Weiter südlich am Kreisel sitzt ein unglücklich dreinblickender jüngerer Mann, der vor sich hin murmelt. Beide haben einen Becher vor sich auf den Boden gestellt. Anderntags sieht man ihn nicht mehr, dafür sitzt eine Frau auf dem Boden direkt vor dem DM-Markt. Neben sich hat sie einen Krückstock an den Fahrradständer gelehnt.

Die meisten Passanten beachten die bettelnden Menschen nicht. Die meisten Bettler sitzen stumm da, wirken wie in der Fremde ausgesetzt. Uwe Schulz, FDP-Fraktionschef im Ortsbeirat 5 (Niederrad, Oberrad, Sachsenhausen) und Stadtverordneter, vermutet, dass sie aus Südosteuropa hergebracht wurden. Sachsenhäuser haben sich an ihn gewandt und berichtet, dass manche Bettler sich sogar Passanten in den Weg stellen, den Becher hinhalten und um Geld bitten.

Bettler-Banden: Geld wird abkassiert

"Der Eindruck, dass das Ganze organisiert ist, verhärtet sich dadurch, dass die Menschen strategisch platziert werden, rund um den Schweizer Platz, am Eingang des Rewe-Supermarkts und am Hit-Markt am Ziegelhüttenweg", sagt Uwe Schulz. Außerdem sei beobachtet worden, dass jemand aus dem Auto ausstieg, zu einem Bettler ging und den Inhalt des Bechers mitnahm.

Manchmal seien wochenlang gar keine Bettler zu sehen, dann tauchten sie wieder auf. In den vergangenen Wochen sah man nur den einen mit seinem Koffer am U-Bahn-Ausgang. "Das Problem ist aber eher schlimmer geworden", sagt Uwe Schulz.

"Man sieht immer öfter Bettler an verschiedenen Orten in Sachsenhausen." Schulz vermutet, dass ein Rotationsprinzip besteht, dass die zum Betteln eingesetzten Menschen zwischen verschiedenen deutschen Städten in regelmäßigen Zeitabständen hin- und hergefahren werden, "damit die Strukturen nicht so sichtbar werden". Der Ortsbeirat möchte die Situation nicht hinnehmen.

Ein im März verabschiedeter Antrag an die Stadt, für Aufklärung zu sorgen, harrt noch der Beantwortung. Den Stadtteilpolitikern geht es vor allem um die unwürdige Situation, in der die bettelnden Menschen ganz offensichtlich leben müssen. "Da nicht davon auszugehen ist, dass sich die betreffenden Personen selbstbestimmt und freiwillig Tag für Tag einer derartig entwürdigenden Situation aussetzen, stellt sich die Frage, wie diesen Menschen durch die Stadt Frankfurt geholfen werden kann, und was gegen diejenigen rechtlich unternommen werden kann, die derartiges organisieren und davon profitieren," lautet der Antrag. Organisiertes Betteln könne man als Zuhälterei bezeichnen, sagte Thomas Murawski von der SPD.

Der Stadt Frankfurt liegen indes keine Beschwerden über Bettlerei in Sachsenhausen vor. "Wir können nur etwas gegen aggressiv bettelnde Menschen ausrichten, denn das ist verboten", sagt Ralph Rohr, Sprecher des Ordnungsamts. Dass Bettler vermehrt in den Stadtteilen aufzufinden sind, kann er nicht bestätigen. Gegen organisierte Banden könne die Stadt nicht vorgehen, er verweist an die Landespolizei.

Bettler in Frankfurt: Verlagerung aus der City

Diese geht davon aus, dass die Bettler in Sachsenhausen "nur" Obdachlose sind. Ermittlungen hätten bisher keinen begründeten Verdacht von organisierten Gruppen ergeben, teilt Polizeisprecher Andrew McCormack mit. "Im 8. Revierbereich gibt es eine überschaubare Anzahl von Personen, die der Bettelei nachgehen. Dabei handelt es sich um Obdachlose." Im Januar habe es Hinweise auf zwei Fälle gegeben, in denen aggressive und möglicherweise organisierte Gruppen aktiv waren. Es gab Personenkontrollen und Platzverweise. Danach "konnten die Personen weder nochmals angetroffen noch weitere Hinweise auf ein organisiertes Handeln erlangt werden," berichtet McCormack.

Dass kriminelle Strukturen oft hinter der Bettelei stecken, sei sehr wahrscheinlich, sagte Ordnungsdezernent Markus Frank kürzlich bei der Vorstellung der Statistik des städtischen Ordnungsamts. "Was unsere Einsatzkräfte im Alltag erleben, spricht eindeutig dafür. Das ist eine richtige Branche geworden", sagte Frank. Gegen aggressive Bettler ist das städtische Ordnungsamt im vergangenen Jahr in ganz Frankfurt 433 Mal mit Platzverweisen vorgegangen (siehe auch nebenstehenden Artikel). Die Statistik benennt keine Stadtteile, verweist nur auf Fußgängerzonen, in denen "die Anzahl der Bettler auf hohem Niveau verharrt".

In der Innenstadt gehören sie zum Straßenbild dazu. Jedoch sind immer öfter Bettler, die offensichtlich aus dem südosteuropäischen Ausland stammen, auch in den Stadtteilen wie Sachsenhausen oder dem Nordend zu sehen. Aggressives Betteln, insbesondere "durch nachdrückliches oder hartnäckiges Ansprechen von Personen zum Zwecke der Bettelei sowie das Betteln von, mit oder mittels Kindern" kann geahndet werden, heißt es in einem Bericht der Stadtpolizei. Die Beamten brauchen aber die Mithilfe der Bevölkerung in Form von Zeugenaussagen, damit sie Platzverweise aussprechen und Bußgelder verhängen können. Allerdings nutzt das Vorgehen oft nicht viel: Kurze Zeit später sitzt ein anderer Bettler da. stw

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