Beflanzte Lärmschutzwände

Längste begrünte Fassade der Welt

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Palmengarten-Direktor Matthias Jenny vor den Versuchsflächen an der Lärmschutzwand.

Frankfurt - Für eine groß angelegte Studie lässt der Palmengarten seine Lärmschutzwand mit einem vertikalen Garten begrünen. Von Sonja Thelen

Weiß blühen die Erdbeerpflanzen, die in absehbarer Zeit Früchte tragen werden. Daneben sprießen Geranien, Akelei, Blaukissen, aber auch Kräuter wie Minze, Thymian und Salbei. Diesen Blumen- und Kräutergarten gibt es aber nicht zu ebener Erde zu entdecken, sondern an einer Wand. Genauer gesagt an der Lärmschutzwand des Frankfurter Palmengartens. Dort, wo täglich über die Miquelallee Tausende Berufspendler mit ihren Autos vorbeirauschen, wurden seit Mitte März vier jeweils 15 Quadratmeter große Versuchsflächen für vier verschiedene „wandgebundene Fassadenbegrünungssysteme“ montiert. Sie stehen im Mittelpunkt der Machbarkeitsstudie „Vertikaler Garten am Palmengarten Frankfurt“, für die gestern Startschuss war.

Platz für Grün oft Mangelware

Ein Jahr lang dauert die Studie. In dieser Zeit soll ermittelt werden, welches der vier Systeme für die in unseren Breitengraden herrschenden klimatischen Bedingungen das geeignetste ist. In Europa mit seinen vielen Ballungsräumen ist Platz für Grün in der Horizontalen meist Mangelware. „Also, muss man in die Vertikale“, erläutert Palmengarten-Direktor Matthias Jenny. Die Idee hierzu entstand 2009 bei der Ausstellung der Initiative „Stadtgrün“ und nach einem Vortrag des weltweit bekannten Fassadenbegrüners Patrick Blanc. „Auch die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth meinte ‚So etwas muss in unsere Stadt‘“, erinnert sich Jenny. Frankfurt mit seinen Hochhäusern sei geradezu prädestiniert für grüne Flächen an den Fassaden.

Obwohl Jenny von den „Vertikalen Gärten“ begeistert ist, so hatte der Biologe und „pragmatische Schweizer“ durchaus Bedenken, ob eine solche Fassadenbegrünung hier überhaupt funktionieren kann: „Unsere Winter sind kühler als in Paris und in Südfrankreich. Das Problem ist im Winter weniger der Frost, sondern dass die Pflanzen vertrocknen.“ Jennys Zweifel sind zwar noch nicht gänzlich zerstreut. Aber er will sich gern vom Gegenteil überzeugen lassen. Denn die Vorteile einer begrünten Fassade liegen für ihn klar auf der Hand: „Der Lärm wird gedämmt, der Feinstaub gebunden und das Stadtklima verbessert.“ Aus diesem Grunde hält er die Machbarkeitsstudie, die in Kooperation mit der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung (FBB) realisiert wird, für den besten Weg, um herauszufinden, welches System und welche Bepflanzung am besten funktionieren. Neben der Winter- und Sommerhärte der Systeme spielen auch die Kosten für Herstellung, Pflege und Wartung eine wichtige Rolle.

Vier FBB-Mitgliedsbetriebe wurden ausgewählt, die die vier Versuchsflächen anlegten, erläutert FBB-Präsident Gunter Mann. Mit von der Partie sind die Firmen Optigrün international AG (Krauchenwies), Vertiko (Freiburg), Schadenberg combi groen (Niederlande) und Humko (Slowenien). Jeder Betrieb hat 15 Quadratmeter Lärmschutzwand bepflanzt, ein automatisches Bewässerungssystem installiert und die Flächen gestern in die Obhut der Mitarbeiter des Palmengartens übergeben. Diese pflegen und warten die Flächen nach Anleitung der vier Firmen genau ein Jahr lang – wissenschaftlich begleitet von der Hochschule Geisenheim unter der Leitung von Professor Stephan Roth-Kleyer: „Wir werden einmal im Monat vor Ort sein, die Flächen fotografieren und den Zustand dokumentieren. Wir prüfen die Vitalität der Pflanzen, ihre Entwicklung, den Pflegeaufwand und den Wasserverbrauch.“

Frühlingsbilder unserer Leser

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Nach dem Abschlussbericht im Juni 2014 wird feststehen, ob und welches System funktioniert und ob die ehrgeizige Idee von Matthias Jenny wahr werden könnte: Nämlich die komplette, 500 Meter lange und drei Meter hohe Lärmschutzwand des Palmengartens vertikal zu bepflanzen - das wäre dann die längste Fassadenbegrünung der Welt.

Quelle: op-online.de

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