Vernarbte Seelen

„Zwischen Erde und Meer“ stellt „transatlantischen“ Menschen vor

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Der Kopf als Sitz des Göttlichen: „Bori - Speiseopfer für die Götter“ (Performance und Installation, 2009) von Ayrson Heráclito.

Frankfurt - Sklaverei, Spiritualität und gestohlenes Land: Mit der Ausstellung „Entre Terra e Mar. Zwischen Erde und Meer“ stellt das Frankfurter Weltkulturenmuseum zeitgenössische Kunst aus Südamerika vor, die unter den Folgen des Imperialismus leidet. Von Lisa Berins

Ein Embryo, so heißt es in der afro-brasilianischen Volksreligion Candomblé, verlässt den Mutterleib für eine kurze Zeit, um zu einem Fluss zu wandern. Dort sucht sich das Ungeborene beim Schöpfungsgott seinen Kopf aus – den es fortan pflegen und nähren müsse, erzählt die Kuratorin und Ethnologin Jane de Hohenstein.
Der Künstler Ayrson Heráclito, der 1968 in Bahia geboren wurde, ist Anhänger dieser Religion und Teil der afrikanischstämmigen Minderheit in Brasilien. Seine Werke, die jetzt im Frankfurter Weltkulturenmuseum zu sehen sind, erzählen von Riten und Glauben einer fernen Kultur – und von den Spuren des Schmerzes, die der weiße Mann vor Generationen in die schwarze Seele brannte.

Der Weg über den Atlantik war erst der Anfang eines kollektiven Traumas. Millionen Sklaven aus Mosambik, dem Kongo, Nigeria, dem Benin, Senegal und weiteren Staaten der afrikanischen Westküste wurden vom 16. bis 19. Jahrhundert nach Brasilien verschifft. Mit dieser Überfahrt, so deutet es Heráclito, sei ein neuer, transatlantischer Mensch, ein eigener „kultureller Körper“ entstanden.

Die Stämme vermischten sich – abgegrenzt von der weißen Kultur. Wie Palmöl und Salzwasser, um es in Heráclitos’ Bildsprache auszudrücken: In einem Glaskasten bilden die beiden Stoffe unvereinbare Schichten mit schlieriger Trennungslinie.

In zwei Videos, die in diesem Jahr auch auf der Biennale in Venedig, im Pavillon der Schamanen, zu sehen waren, lässt Heráclito Ruinen durch Rituale von ihrem Karma bereinigen: die Überreste eines Sklavenhalter-Hauses in Brasilien und das „Tor des Nimmerwiedersehens“ in Afrika. Dort trennten sich die Wege der versklavten Familien für immer.

Kunst, die so offensichtlich Kritik am Kolonialismus und dessen Auswirkungen übt, hat man vielleicht schon häufiger gesehen. Im Fall von Heráclito ist sie dennoch speziell: Auf stille Weise schafft sie eine direkte, dunkle Verbindung zum Betrachter. Spürbar sind die Schmerzen in einem Video der Performance „Die Verwandlung des Fleisches“, die 2015 in São Paulo in Zusammenarbeit mit Marina Abramovic entstanden ist. Die Künstlerin hatte damals ein afro-brasilianisches Performancefestival in Brasilien organisiert. Mit glühenden Eisenstempeln werden den Menschen in Heráclitos Video Signaturen in ihre Kleider aus Trockenfleisch gebrannt.

Ein wenig schade ist, dass die Schau, die von de Hohenstein und Mona Suhrbier kuratiert wurde, nicht als Einzel-, sondern als Doppelschau angelegt ist. In der ersten Etage werden Arbeiten, hauptsächlich Installationen, von dem in Portugal geborenen Rigo 23 präsentiert. Inhaltliche Beziehung der Œuvre beider Künstler soll die Verbindung der Welten dies- und jenseits des Atlantiks sein.

Rigo 23, der in Los Angeles lebt und arbeitet, hat einen Dorfplatz in sonnigen Hockney-Farben ins Museum verlegt. Der Künstler hat mit dem indigenen, vor allem in Paraguay und Bolivien heimischen Volk der Guaraní zusammengearbeitet. In einer Video-Installation ist zu sehen, wie die Indianer an einem Grenzstein singen und Reden halten. An diesem Punkt hatten Spanien und Portugal sich 1494 die Welt „aufgeteilt“. Die Herangehensweise von Rigo 23 erinnert ein wenig an soziale Arbeit – er versteht sich als politischer Künstler, heißt es im Ausstellungstext.

Eine Etage tiefer hat Heráclito die Götter versammelt: Auf Fotografien, die im Kreis aufgestellt sind, sieht man deren Häupter in Nahrung gebettet; der von Seuchen geplagte Krankheitsgott badet in Popcorn – eine symbolische Anspielung: Auf dass etwas Neues aus den alten Wunden wachse.

„Entre Terra e Mar. Zwischen Erde und Meer. Transatlantische Kunst“ bis 26. August 2018 im Weltkulturenmuseum

Quelle: op-online.de

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