Einschwimmen der neuen Osthafenbrücke

Volksfest-Stimmung auf dem Main-Südufer

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Die Umrüstung des zweiten Schwimm-Pontons dauerte und dauerte. Am Ende sprengte sie den Zeitplan.

Frankfurt - Die neue Frankfurter Main-Brücke schwimmt ihrer Endposition entgegen. Seit kurz nach 7 Uhr ist sie auf dem Main unterwegs in Richtung ihres Bestimmungsorts. Am Mittag solle die Brücke ihre endgültige Position erreichen und am frühen Abend aufliegen. Von Michael Eschenauer

Die dürre Mitteilung der Stadt Frankfurt kommt kurz nach 18 Uhr: „Jetzt ist die Entscheidung gefallen: Derzeit wird der zweite Ponton unter die Brücke geschoben. Morgen gegen 7 Uhr beginnt das Einschwimmen.“

Wie bitte? Morgen? Sollte die neue Osthafenbrücke nicht seit Stunden an ihrem endgültigen Platz in Höhe der Hafenmole liegen? Rote Ampel, Aufschub für das ehrgeizige Projekt, eine funkelnagelneue, 175 Meter lange und 2800 Tonnen schwere, am Ufer zusammengeschweißte Brücke binnen drei Tagen an einen 250 Meter entfernten Standort zu verschiffen. Der Mittwoch, der einen immer wieder durch die Stadt verteidigten, träumerischen Zeitplan und eine erbarmungslos fortschreitende Realität einrahmte, erwies sich als Lehrstück, als Symbol dafür, dass Geduld erlernbar und manche dicke Schraube ein widerspenstiges Wesen ist.

Bilder vom Brückenschlag

Brückenschlag in Frankfurt

„Es läuft nichts schief, es läuft nur langsamer. Das ist halt Präzisionsarbeit, so was kann dauern“, sagt der Mitarbeiter des Architekturbüros Ferdinand Heide. Es ist 17 Uhr und die schwitzenden, ölverschmierten Monteure auf der Stahlkonstruktion des Pontons müssten eigentlich schon längst fertig sein. Es ist vor allem diese Schwimmhilfe, die gemeinsam mit der durch Gewitterrisiko verlorenen Nacht das einst üppige Zeitpolster auffrisst Den Ponton hatte man zuvor an einer anderen, tieferen Stelle der Brücke eingesetzt, deshalb musste er im Laufe des Tages komplett umgebaut werden. „Da haben die Jungs wohl geglaubt, sie wären scheller“, meint eine sichtlich genervte Susanne Kurzius vom Amt für Straßenbau und Erschließung in ihrem heißen Baucontainer. „Der Zeitaufwand wurde von der ausführenden Firma maßlos unterschätzt“, findet Peter Kowalski vom gleichen Amt klare Worte. „Ich finde, sie sieht trotzdem gut aus. Eine schöne Brücke. Wir brauchen jetzt nur noch eine Rampe bis zum Ufer, die lang genug ist“, frotzelt der Vater der Osthafenbrücke, Architekt Ferdinand Heide in der Abendsonne und blickt auf seine seit vielen Stunden mehr oder weniger unbeweglich über den Main ins Nichts ragende Konstruktion.

Der Tag, der mit Zerknirschung und Blödelei endet, war einer der längsten und aufregendsten, den Frankfurt in den letzten Jahren erleben durfte.

Brückenschlag in Frankfurt

Drei Tage dauert die Ausrichtung der neuen Mainbrücke. Die richtige Positionierung ist Millimeterarbeit.

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8.30 Uhr: Selbst die Matratzen eines Obdachlosenlagers nahe des Bauplatzes im Osthafengebiet sind verwaist. Man hat die Kurve gekratzt, es ist derzeit einfach zu viel los in dieser Gegend. „Manche haben die ganze Nacht durchgeschafft, der Rest der Arbeiter ist seit 6 Uhr auf der Baustelle“, sagt Kurzius gegen 9.30 Uhr. Wie berichtet, hatten ernste Gewitterwarnungen dafür gesorgt, dass das Zu-Wasser-Lassen der Brücke in der Nacht abgebrochen wurde. „Wir durften kein Risiko eingehen. Stellen Sie sich vor, das Ding liegt im Main, das wäre eine Katastrophe gewesen. Das wäre nicht ohne Verletzte abgegangen“, sagt Kurzius’ Chefin Gabriele Dehmer. In der Nacht seien weitere Schweißnähte gezogen worden. Die Statik-Experten verlangten das. Heute werde alles besser klappen. „Die Zeit reicht.“

Doch es bewegt sich nichts. Ein paar hundert Meter entfernt wird in diesen Minuten - es ist kurz vor 10 Uhr - der schicksalhafte zweite Pontonverband mit Stahlträgern aufgerüstet. Er soll gemeinsam mit einer bereits unter der Brücke platzierten zweiten gigantischen Schwimm-Ente die Brücke schultern. Am frühen Nachmittag werde es soweit sein, heißt es da noch.

Auf Hublastern arbeiten mehrere Schweißer

Heiße Zeiten: Schweißer mit schwerer Montur.

Auf Hublastern arbeiten mehrere Schweißer gleichzeitig an dem stählernen Unterbau der Brücke. Pál aus Ungarn sieht mit seiner Schweißerkapuze samt Schulterschutz aus wie ein mittelalterlicher Folterknecht. „Bin seit 5.30 Uhr hier. Ist Höllenarbeit das“, ächzt er. Nebenan schuften die Kollegen auf den Hochsee-Pontons „Karel“ und „Victor“. Sicherheit geht vor: Die Funken fliegen. Es wird viel geschweißt, statt nur geschraubt.

Monteur wartet auf den Einsatz.

„Wenn ich Sie noch einmal hinter der Absperrung sehe, zerreiß" ich Ihre Akkreditierung vor Ihren Augen“, sagt ein Sicherheitsmann kühl lächelnd. Er hat recht. Man muss höllisch aufpassen auf der Baustelle: Zwischen den wenigen, konzentriert arbeitenden Gestalten mit forschen Schritten und routinierten Bewegungen rumpeln Schwerlaster, kreisen Hubsteiger, wuppen Kräne tonnenschwere Bauteile durch die Luft. Inmitten des geordneten Chaos steht eine der mobilen „Kamag“-Schwerlastplattformen, mit denen die hochgebockte Brücke an Land in Position gerollt wurde. „Insgesamt 4,5 Millionen Euro ist der hier eingesetzte Fuhrpark unserer Firma wert - ohne die Pontons“, sagt der Mitarbeiter der belgischen Firma Sarens mit einem Blick auf seinen Taschenrechner.

„Sonnenbrand? Hab’ ich schon“, sagt Cengiz von der Einlass-Kontrolle am Baustellentor. Es ist mittlerweile 12 Uhr, neben ihm kocht ein Fläschchen „Nivea Sun-Spray für Kinder, Schutzfaktor 30“ in der Sommersonne. Auf der Baustelle bewegt sich wenig.

Volksfest-Stimmung auf dem Main-Südufer

So ein Tag, so wunderschön... Volksfeststimmung am Sachsenhäuser Ufer.

Während die einen schwitzen, die stets freundliche, fürs Brückenschwimmen verantwortliche Bauingenieurin Anita Jokiel im Bauwagen über Zeitplänen brütet und der Kraftfahrer Bernd Zapp neben einem Haufen Stahlträgern Steaks für die Kollegen grillt, herrscht auf dem Main-Südufer Volksfest-Stimmung. Hier wird das Frankfurter Sommermärchen der Fußball-WM von 2006 im Mini-Format wiedergeboren: Der Himmel ist blau, die Stimmung der einigen hundert Schaulustigen exzellent. Es gibt „Feinste Kaffeespezialitäten aus aller Welt“, Gref-Völsings Rinds- und Bratwurst, Apfelwein, zehn Dixi-Klos, einen großen Sanitätsbus für Ohnmachtsanfälle und Mückenstiche und am städtischen Info-Stand die neuesten Infos von Angelika Fischlein-Krejci. „Natürlich hören wir auch kritische Kommentare wie den, dass das Ganze nur für die Euro-Banker gebaut werde“, berichtet sie. Aber die Faszination, die dieses gewaltige Projekt ausstrahle, sei so groß, dass negative Urteile häufig in Interesse umschlügen.

Interessiert ist auch Ruprecht Hausmann aus Frankfurt. Hochinteressiert. Es ist 13 Uhr, er sitzt seit 7 Uhr in erster Reihe in seinem Liegestuhl am Ufer und begutachtet den Fortschritt der Arbeiten. Der ältere Herr ahnt jetzt schon, was viele zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: „ Die schaffen das nicht - jede Wette.“ Viel zu lange dauere der Umbau vom zweiten Ponton. Fünf Stunden hätten die Monteure für ersten vier Stützen gebraucht. Also werde es weitere fünf für die restlichen vier Stützen dauern. Das wäre dann so gegen 18 Uhr. „Dass die fertig werden, erleb’ ich nicht mehr.“

Das „Sommermärchen Osthafenbrücke“

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Gewitterpause im Osthafen

Ein paar Schritte weiter vertreibt Günter einer Besuchergruppe aus Frankfurt und Walldorf mit Offenbach-Witzen die Zeit und wartet auf den großen Platsch, wenn die Brücke umkippt. „Seit drei Tagen sind wir dabei“, berichtet er stolz. Ein Stück Richtung Deutschherrnbrücke fotografiert Erzieherin Renate Freitag-Völpel die Kinder der U3-Gruppe des Kinderzentrums Lange Straße. „Eigentlich müssten sie ja Mittagsschlaf halten, aber so etwas erleben die Kinder womöglich nie mehr.“

Einen Vorteil hat das Planungsdebakel: Das „Sommermärchen Osthafenbrücke“ ist noch nicht vorbei. Mal sehen was heute so alles passiert...

Quelle: op-online.de

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