Frankfurter Buchmesse 2012

Klassisches missfällt, Aktuelles fehlt

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Offenbach - Die Buchmesse, die heute ihre Pforten für Fachbesucher öffnet, stellt viele Neuheiten der Jugendliteratur vor. Was aber junge Menschen gern lesen und was ihnen in der Oberstufe vorgesetzt wird, ist nicht das Gleiche. Von Daniel Schmitt und Alla Kopytova

Durch das Landesabitur ist der Lehrplan stramm. So stehen neben Goethes „Faust I“, der sowohl im Grund- als auch im Leistungskurs für alle Schüler Pflicht ist, Werke aus unterschiedlichen Epochen auf der Liste: Lyrik des Expressionismus und der Romantik, ein episches Werk aus dem Realismus sowie ein Werk „aus der unmittelbaren Gegenwart“. Was damit gemeint ist, konkretisiert Silvia Amberger vom Hessischen Kultusministerium. Das seien literarische Werke seit 1989. Dass diese älter als 20 Jahre sind, scheint dem Prädikat „unmittelbar gegenwärtig“ nicht gerecht zu werden.

Dr. Fredi Ruths, Leiter der Claus-von-Stauffenberg-Schule in Rodgau, erinnert sich an sein Abitur 1962. „Wir haben Borcherts ,Draußen vor der Tür‘ gelesen. Das Thema der Kriegsheimkehrer war damals natürlich aktuell.“ Heute habe man Nachkriegsliteratur aus dem Lehrplan verbannt. Dafür steht im Grundkurs Süßkinds „Das Parfüm“ auf dem Plan. Das sei für die Schüler „ganz nett“ zu lesen, habe aber weder zeithistorischen noch lehrreichen Charakter, stellt er fest.

Bilder der Frankfurter Buchmesse 2012

Startschuss für Frankfurter Buchmesse

Generell sei der Lehrplan unstrukturiert. Deshalb wundere es kaum, dass die Schüler nicht gern läsen, wenn sie eine bunt zusammengewürfelte Literatur vorgelegt bekämen und epochale Sprünge machten. In Niedersachsen sei das besser gelöst, findet Ruths. Dort gibt es Themenschwerpunkte, die den Blick für das große Ganze einer Epoche schärfen.

Auch Marianne Kral, stellvertretende Leiterin der Weibelfeldschule in Dreieich, erinnert sich an zeitgenössische Texte. Als sie 1975 Abitur machte, wurde sogar mehr Zeitung als klassische Dramen gelesen. „Ich denke, das lag an den Lehrern, die meist zur 68er-Generation gehört haben. Ich habe ,Faust’ auch erst im Studium gelesen, nie in der Schule“, erzählt sie. Diese Freiheit der Literaturauswahl gibt es nicht mehr.

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Drängt sich die Frage auf, womit man Schüler noch begeistern kann. Was ist literarisch wertvoll und aktuell? Solche Bücher finden sich eher im Englischunterricht mit Orwells Dystopie „1984“ oder Huxleys „Brave New World“. Die thematisch aktuellen Werke könnten auch für den Deutschunterricht wegweisend sein: Schüler lesen vielleicht lieber Bücher, die sich mit Ängsten und gesellschaftlichen Veränderungen beschäftigen, als solche, die Probleme der bürgerlichen Gesellschaft im Realismus behandeln.

Quelle: op-online.de

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