Lesegerät und Bücherwand

Kommentar zur 66. Frankfurter Buchmesse

Schon praktisch, so ein E-Book-Lesegerät. Nicht viel größer als ein Taschenbuch, speichert es doch ein ganzes Bücherregal. Ob einem nun der Sinn nach Spannendem, Komischem, Trivialem oder auch Gewichtigem steht, der Kindle, der Tolino oder der Kobo liefert die gewünschte Schmökerware sekundenschnell aus dem Speicher - sofern dieser natürlich entsprechend gefüttert ist. Von Christian Riethmüller

Eines der derzeit beliebtesten Geräte speichert nicht weniger als 1400 Bücher. Das entspräche in nichtdigitalisierter Form schon einer ganzen Bücherwand. Eine solche würde selbstverständlich niemand mit in den Urlaub oder auf dem Weg zur Arbeit mitnehmen. Deshalb ist ein Lesegerät ja auch praktisch. Wer allerdings würde sich 1400 Bücher auf einen Chip laden? Jemand, der auch 30.000 Lieder und dazu 50.000 Fotos auf sein Smartphone oder in seine Cloud gepackt hat, wohlwissend, diese Medienflut eigentlich niemals zu nutzen? Trotzdem fasziniert die Möglichkeit des „All you can read“ immer mehr Menschen. Ein großer Bücherversender denkt auch schon daran, eine Flatrate einzuführen und damit gerade Leseratten auf sich und sein Lesegerät einzuschwören.

Was die E-Book-Reader aber niemals bieten können, ist der manchmal eigentümliche Fluss der Gedanken, die einem beim Verharren vor der eigenen Bücherwand kommen können. Es ist ein Gewichten und Innehalten, ein Erinnern an die Zeitläufte des eigenen Lebens. Die Buchrücken mit den Autorennamen und Titeln, die Gebrauchsspuren sind Ankerpunkte beim Blick zurück, wie auch all die ungelesenen Bücher auf dem Schreibtisch oder neben dem Bett in die Zukunft weisen, wenn endlich sie ihren Inhalt erzählen dürfen. Der Blick auf die Bücherrücken ist aber auch gleichzeitig ein Blick auf die eigene Entwicklung als Leser. Die Bücherwand erzählt von der Reifung des Geschmacks, von wunderbaren Entdeckungen und etlichen Missgriffen (wenn man diese nicht entsorgt hat). Diese Erinnerungsstütze wird ein Lesegerät nie sein, selbst wenn ein entsprechend großes Display einmal hunderte von Buchrücken darstellen kann. Es könnte eine ganze Universitätsbibliothek gespeichert haben und wird doch nie die Gedanken beflügeln. Wenn Sie mich also auf der Buchmesse suchen, finden Sie mich vor einem Bücherregal.

Quelle: op-online.de

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